Hier regnet's Erinnerungen , so heißt es in einem der Beiträge
dieses für Interessierte ganz hinreißenden Buches.
Es sind 41 Regenmacher, darunter Heinz von Foerster, Dirk Baecker,
Hans Ulrich Gumbrecht, Peter Fuchs und Friedrich Kittler.
Roswita Königswieser beginnt ihre Luhmann-Studien damit, dass sie einen Soziologie-Band,
wütend über das Hermetische und Künstliche seiner Sprache, in die hinterste Ecke des Zimmers
schleudert.Später hat er sie bei einem Treffen in beide Arme genommen
und auf die Wangen geküsst, mit den Worten 'Gefühle spielen doch eine Rolle'.
Zwischen Luhmanns Schreib- und Redestil bestand eine auffällige Diskrepanz.
Detlef Horster erzählt, dass er mit seinem heiteren Vortragsstil die anderen an einem
Soziologentag versammelten Wissenschaftler in die zweite Reihe verwies:
'Forscher, die man mit dem Auftrag festzustellen wie es wirklich war, ins Feld jagt,
kommen nicht zurück; sie apportieren nicht, sie rapportieren nicht, sie bleiben stehen
und schnuppern entzückt an den Details'.
Eine ausgesprochene Sensibilität und Liebenswürdigkeit war ihm zu eigen.
Im kontroversen Gespräch konnte er schon mal sagen 'Was ich vor zwei Jahren geschrieben
habe, interessiert mich nicht'. Und sonst hörte er einfach zu, unterbrach nicht ein einziges
Mal,verriet mit keiner Geste Ungeduld oder trieb zur Eile. Seine Miene verriet nichts,
außer vollständige Aufmerksamkeit.
Dario Rodriguez der in seinem ersten Gespräch mit Luhmann noch nicht so gut Deutsch konnte,
sagte aus Höflichkeit , eher knappe Zeit bei ihm vermutend, mehrmals 'Ich möchte Sie
nicht zerstören'. Der aber gab keine Anzeichen , das zu bemerken und führte das Gespräch,
als fließe es problemlos.
Einige Beobachter berichten über die außergewöhnliche Limitiertheit von Interaktion bei Luhmann.
Mitten im Gespräch konnte er in ein Buch abtauchen und nicht mehr zur Verfügung stehen.
André Kieserling erzählt, dass es Luhmann großes Vergnügen bereitet habe, Vorträge zu halten,
in denen das Wort 'System' nicht ein einziges Mal vorkomme.
Und bei Hans-Martin Kruckis liest man, dass Humor und Systemtheorie wie aus dem Nichts
überraschende Kontexte herzustellen vermögen und dass Luhmann die ganze Bandbreite humoristischer
Kommunikation beherrschte, gebildetes Publikum vorausgesetzt.
Von der 'Verballhornung von Klassikerzitaten bis hin zur gnadenlosen Niveaulosigkeit im
flachen Kalauer, dessen Witz darin besteht, dass man ihn zum Besten gibt, gerade weil er so
schlecht ist. Umdichtungen musste sich besonders Hölderlin gefallen lassen..'
Luhmann: 'Der Gag heiligt die Mittel'.
Sein Lächeln hatte etwas Sphinxhaftes, es signalisierte Konzilianz, aber nicht nur.
Seine Höflichkeit hatte etwas Chinesisches.
Helmut Wilke schreibt: 'Nach Hegel und Heidegger lässt sich nicht mehr naiv kompliziert
schreiben. Luhmann hat deshalb sehr absichtsvoll kompliziert geschrieben'.
Friedrich Kittler schließlich, berichtet was Luhmann auf die Frage 'Seit wann denken Sie
Kontingenz?' geantwortet hat:
'Ich wurde mit meiner Gymnasialklasse noch 1945 einberufen zur Wehrmacht. Ich stand mit
meinem Banknachbarn an der Brücke Y , zwei Panzerfäuste in vier Händen. Dann macht es Zisch,
ich drehe mich um, da war kein Freund, keine Leiche, da war nichts, seitdem, Herr X, denke
ich Kontingenz'. Mit anderen Worten, so Kittler, nur weil die Trefferrate bei amerikanischen
Panzergranaten nicht bei 100 % lag, hat es den Zufall namens Luhmann geben können.