Ursprünglich war Taj Mahals drittes Album "Giant Steps / De Ole Folks at Home" eine Doppel-LP, auf der er bereits in jungen Jahren (er war gerade 27) zeigte, was in ihm steckte.
Tatsächlich ist dieses Album zweigeteilt: Die ersten 9 Tracks, "Giant Steps", bieten soliden Blues mit viel Soul- und Motown-Rhythmus; Taj Mahal und seine Begleitband (Jesse Edwin Davis, Gary Gilmore und Chuck Blackwell) präsentieren sich in bester Spiellaune und spielen Eigenes ebenso wie Coverversionen von den Monkees bis Leadbelly, und zwar immer mit diesem unverkennbar locker zurückgelehnten Taj-Mahal-Sound. Bereits hier sind einige wahre Meilensteine (bzw. eben giant steps) zu hören: Gleich das Pfeif-Solo von "Ain't Gwine Whistle Dixie" hat Suchtpotential; der Titelsong wiederum ist ganz einfach schön, ein klarer Fall von unspektakulärem Blues, den man je öfter je lieber anhört. Ähnlich genial ist "Good Morning Little Schoolgirl" mit seinen Ragtime-Anklängen. Diese erste Hälfte des Albums schließt ein nachgerade klassischer Rhythm'n'Blues ab: "Bacon Fat".
Typisch für die Linie dieser ersten Album-Hälfte sind jedoch der 7. und 8. Track: Bei "Keep Your Hands off Her" spielen Taj Mahal und seine Truppe diesen Leadbelly-Klassiker mit veritablem Motown-Einschlag, und bei "Farther On down the Road" haben sie sich hörbar von Ray Charles beeinflussen lassen: Ein Country-Blues mit eher traditioneller Instrumentierung, dem sie jede Menge Soul- und Motown-Rhythmus verpassen. In beiden Fällen ist ihnen das Vorhaben vollauf gelungen.
Aber es kommt noch besser: Die zweite Hälfte des Albums, "De Ole Folks at Home", bestreitet Taj Mahal im Alleingang -- sparsam und wirkungsvoll, mit Gitarre, Banjo oder Mundharmonika. Alle drei Instrumente beherrscht er meisterhaft, bei "A Little Soulful Tune" reicht ihm auch schon rhythmisches Klatschen zum Himmelstürmen.
Wäre da nicht die exzellente Tonqualität, würde man glauben, hier sei ein verjüngter Blind Willie McTell oder ein Sonny Terry wiederauferstanden. Bereits die a capella-Version von Leadbellys "Linin' Track" ist ein Erlebnis; Taj Mahal faucht, grantelt und singt diesen Klassiker ganz in der Tradition der alten Bluesmeister -- allein mit diesem Solo beweist er, dass er zu den ganz Großen des Blues gehört. Es geht weiter, mit Traditonals, Eigenem und einigen Coverversionen (darunter der "Candy Man" von Gary Davis und der unverwüstliche "Stagger Lee" als tiefschwarzer Blues) -- ein Track besser als der andere.
Geerdet sind hier alle Tracks -- Taj Mahal zelebriert hier förmlich den Blues, verzichtet auf alle zeitgenössischen Einflüsse (dass er die zu verarbeiten weiß, hat er ja soeben, in der "Giant Step"-Abteilung, gründlich bewiesen), legt schon in jungen Jahren der Menschheit ganzen Jammer und der Südstaaten ganze Musikalität in seinen Gesang. Typischer Sprechgesang in allen denkbaren Variationen ist zu hören: "Cluck Old Hen" ist tatsächlich eine musikalische Variation über das Thema "Hühnerstall", ebenso wie man im bereits erwähnten "Linin' Track" die Dampflok richtiggehend fauchen hört. Zum Blues kommt noch Bluegrass, meist mit virtuosem Banjo (z.B. in "Coloured Aristocracy") -- und der "Fishing Blues" lässt einen ahnen, woher Arlo Guthrie seine Melodie von "Alice's Restaurant" genommen haben mag...
War es noch bei der "Giant Step"-Hälfte vielleicht noch möglich, die allerbesten Songs herauszufinden, so ist das bei der "De Ole Folks at Home"-Hälfte unmöglich; hier haut einen garantiert jeder Track um.