Es ist schwer für ein ehemaliges Mitglied einer Girl- oder Boyband eine erfolgreiche Solokarriere zu beginnen. Beispiele für ein mehr oder weniger spektakuläres Scheitern gibt es genug: die Spice Girls (alle), die No Angels (alle), Take That (Gary Barlow, Mark Owen), Destiny's Child (Michelle Williams), Blue (Simon Webbe, Lee Ryan), Bro'Sis (alle), Backstreet Boys (Nick Carter), etc. Wirklich erfolgreich wurden eigentlich nur Beyonce, Justin und Robbie. Ganz besonders schwierig gestaltet es sich, wenn der Soloversuch mit einer kompletten Verwandlung der Musik und des Images einhergeht und somit eine andere Zielgruppe angesprochen werden soll. Welcher ernsthafte Musikinteressent möchte schon einem ehemaligen, meist seelenlosen, Plastik-Teenie-Idol eine Chance geben? Siobhan Donaghy ist so ein tragischer Fall. Kurz nach ihrem nicht ganz freundschaftlichem Ausscheiden bei den Sugababes erschien ihr Solodebut. Sie entfernte sich ein ganzes Stück weit von dem kommerziell-künstlichen-Gute-Laune-Pop ihrer ehemaligen Truppe, schien aber alles in allem noch nicht genau zu wissen, wo sie eigentlich hin will. Das Ergebnis zeigte sich mehr als deutlich in den Verkaufszahlen. Sogar in ihrem Heimatland Großbritannien war "Revolution In Me" ein grandioser Flop und schaffte nicht einmal den Einzug in die Top 100. Ganz zu Schweigen natürlich vom Rest der Welt, was die Plattenfirma nicht sonderlich witzig fand und Fräulein Donaghy vor die Tür setzte! Mittlerweile bei einem neuen Label (das wohl auch nicht an Frau Donaghy glaubt und einen weltweiten Vertrieb ablehnt) erschien kürzlich ihr zweites Album "Ghosts". Und: Man hört Erstaunliches! Siobahn Donaghy ist angekommen, sie hat ihren eigenen Stil gefunden und möchte der Welt (zu recht) beweisen, dass sie eine ernstzunehmende Künstlerin im besten Sinne ist! Man sollte ja niemals vorschnell mit großen Namen oder übertriebenen Vergleichen aufwarten. Aber wenn man diesen Titel vergeben dürfte, so ist Siobhan Donaghy mit Sicherheit die Kate Bush des neuen Jahrtausends! Auf hohem Niveau präsentiert die junge Britin mit ihrem betörenden Sirenengesang wunderbar verschrobene, verträumte Popsongs jenseits aller Chart-Klischees. Die einzelnen Songs wurden mit einer unglaublichen Liebe zum Detail mit allerlei Instrumenten und synthetischen Effekten verziert. Dies klingt jedoch niemals überambitioniert oder überproduziert, sondern stets faszinierend vielseitig und dennoch homogen. Auch nach dem x-ten Durchlauf entdeckt der geneigte Hörer (besonders unter Kopfhörer) immer wieder neue Klänge und Spielereien. Anspieltipps gibt es in diesem Sinne keine, da jeder Song für sich etwas ganz Besonderes ist. Der Titeltrack "Ghosts" ist jedoch besonders zu erwähnen. Das Ganze hört sich an als ob der Song rückwärts abgespielt wird. Was zu Beginn durchaus gewöhnungsbedürftig anmutet, entwickelt schnell einen echten Suchtcharakter mit seinem exotischen Gesangsstil, den fiepsenden Synthesizern und den verschleppten Beats.
Es wundert nicht, dass Siobhan Donaghy unter anderem Björk, Radiohead, Brian Eno, Kate Bush, Massive Attack, Goldfrapp, Pink Floyd, Moby, Neneh Cherry und Tori Amos als ihre musikalischen Einflüsse benennt. Die hört man unweigerlich immer wieder durchklingen ohne je Plagiatsvorwürfe in den Sinn zu bekommen. Es bleibt zu hoffen, dass mit etwas Verspätung ein breites Publikum auf Siobahn Donaghy aufmerksam wird und ihre Musik endlich den Erfolg erhält, den sie verdient! Für mich ist "Ghosts" jedenfalls bisher das beste Album des Jahres und wird auch schwer zu toppen sein!