Um ehrlich zu sein wartete ich auf keinen Roman derart sehnsüchtig als auf Ghosts of Onyx. Ähnlich zittrige Hände bekam ich lediglich vor einigen Jahren, als ich als noch unerfahrener Halo-Jüngling in einer Buchhandlung die zwei Vorgänger The Fall of Reach (Nylund) und The Flood (Dietz) entdeckte und wohl mit so etwas wie Es gibt Halo-Bücher..?! quittierte.
First Strike (Nylund) wurde dann als potentieller Halo2-Aufreißer (was auch in Elementen zutreffend war) selbstverständlich schon heiß erwartet und an Tag 1 zugelegt (was sonst?).
Das Fieber aber wurde durch zahlreiche Interviews mit Eric Nylund für Ghosts of Onyx noch angeheizt auch das Ende von First Strike machte das Warten nicht gerade erträglicher schließlich und endlich hat es Ghosts of Onyx aber doch noch in meine gierigen Hände geschafft und wurde dort auch mit einer eigentlich für ein Buch ungewöhnlichen Ehrerbietung behandelt.
An dem bereits auf Bungie.net präsentierten Cover hat sich nichts geändert auch der Text auf der Rückseite des Romanes ist (obwohl Bungie darauf hinwies, dass dies womöglich nicht der finale Text sein könnte) gleichgeblieben.
Inhaltlich erwartet jeden Halo-Fan aber eine überraschende Rodeo-Fahrt: Schon die ersten Seiten starten mit einer für Anhänger der Serie äußerst schmackhaften Einführung, deren Vision so manche Kinnladen nach unten klappen sollte.
Der eigentliche Stoff des Romans gibt sich äußerst solide: Viele altbekannte Themen wie Ehre, Mut und vor allem die Frage Wie viele Opfer darf ein Sieg kosten? werden auch in Ghosts of Onyx aufgegriffen ohne jedoch das makellosen Image des geradlinigen Abenteuerromans durch besondere Tiefsinnigkeit zu verwischen.
Denn auch wenn es Eric Nylund gelingt, das Werk durch interessante Fragestellungen aus dem Sumpf des unbedeutenden Science-Fiction Einheitsbreis zu heben, sollte jedem Leser von Ghost of Onyx bewusst sein, was die eigentliche Intention des Werkes ist:
Nämlich eine spannende, für das Halo-Universum bereichernde Story an den Halo-Interessierten zu bringen was im Spiel zwar offensichtlich ist, aber nie direkt ausgesprochen wird, begegnet einem in Ghosts of Onyx nämlich auf Hand und Fuß: Der Roman ist von amerikanischem Gedankengut geradezu durchwirkt heroische Helden, die sich und andere opfern um die Menschheit zu retten, die kaum einmal Schwäche zeigen und schon gar nicht nach dem Warum? fragen.
Viel interessanter als die Spartaner-Figuren, die sich zwar in gewissen Eigenschaften unterscheiden, aber im Grunde eine fast identische Gesinnung haben sind da die Nebenfiguren, deren Charakterentwicklung vom dem sich durch die Romane durchziehenden Schwarz-Weiß-Kontrast größtenteils befreit ist und gewisse feine Nuancen gewährleistet.
Warum aber gerade die etwas flachen Spartaner-Charaktere für die Qualität des Romans nicht schädlich sind, hat folgenden Grund: In durchaus kritischer Art und Weise deutet Nylund auf die ohnmächtige Programmiertheit der Heldenfiguren hin nur für einen Zweck, nämlich das Kämpfen geschaffen, sind die Spartaner in einem Strudel des Schicksals gefallen, der nur zwei Optionen kennt: entweder zu siegen oder zu sterben.
In leider viel zu wenig und zu selten ausgeführten Ansätzen führt Nylund dem Leser vor Augen, wie aus der steinharten, kalten Hülle der Kampfmaschinen ein Licht aus Menschlichkeit dringt leider fallen die Figuren nach feinsinnigen emotionalen Ausflügen immer wieder in ihr altbekanntes Schema zurück, was für die Figur des Spartaners auf der anderen Seite wieder so charakteristisch ist, man Nylund also nicht wirklich als Fehler anrechnen kann, da es ihm immerhin gelungen ist aus dem Nichts des Spielhintergrundes interessante, atmende Wesen zu konstruieren.
Nylunds Stärken und zugleich auch die gewichtigsten Argumente Ghost of Onyxs ist der Spannungsbogen des Romans:
Vom fesselnden Intro angefangen bis hin zur packenden Storyline den Roman zur Seite zu legen fällt mit jeder verflossenen Seite schwerer.
Immer wieder geraten die Charaktere des Buches in auswegslose Situationen, die immer mit einem Cliffhanger enden, anschließend von einem anderen, anheizenden Storystrang unterbrochen werden, um dann endlich aufgelöst zu werden spätestens dann, hat man aber wieder einen neuen Knackpunkt erreicht womit das Spiel von vorne losgeht!
Ebenfalls gratulieren muss man Nylund dafür, dass er auch in jenen Kapiteln für konstante Spannung sorgt, in denen dem Leser keine Kugeln und Laserstrahlen entgegenschießen: In fast jeder Szene steckt genügend Konfliktmaterial, um das Adrenalin-Level konstant hoch halten zu können.
So jagt der Spieler regelrecht durch die 383 Seiten, um dann mit einem überraschenden Ende fast schon unglücklich vom Roman aufzusehen und zu flüstern: Verdammt, das war es schon wieder...
Und bei allen unbestrittenen Unzulänglichkeiten der Halo-Romane: Ist dies nicht das, worauf es wirklich ankommt?
Ohne konkret auf die Inhalte einzugehen bleibt mir also nur noch ein Punkt, der meines Erachtens äußerst bedeutend für den Genuss aber leider auch das Grauen des Romans ist: Denn ob Ghosts of Onyx wirklich begeistern kann oder nur als netter Science-Fiction-Roman abgestempelt wird, das hängt wohl großteils davon ab, inwiefern man sich bereits mit dem Halo-Universum, insbesonders mit dem Inhalt der Vorgänger-Romane auseinander gesetzt hat.
Selbst für Kenner der Spiele, die aber von den Romanen bislang die Finger gelassen haben, wird die Komplexität der Storystränge dahingehend vor allem die Zeitsprünge zur allgemeinen Verwirrung beisteuern.
Zwar ist ein Verständnis auch ohne die Kenntnis der Marke Halo grundsätzlich sicherlich möglich, im nunmehr vierten Band lassen allgemeine Informationen die zu einem Grundstock an Wissen verhelfen allerdings natürlich stark nach.
Erfahrene Halo-Fans werden sich in den detaillierten Beschreibungen natürlich voller Entzückung eingraben hier hat Nylund ganze Arbeit geleistet und liefert vor allem wieder in den Weltraumschlachten große Bilder und interessante Einblicke.
Abschließend noch etwas zum Wissensdurst aller begeisterten Halo-Fans:
Ghosts of Onyx liefert, was das Halo-Gesamtuniversum anbelangt, einige große Bausteine. Ereignisse des Romans spielen vor, während und sogar nach Halo2 einige Elemente sind ähnlich wie in First Strike also auch für die Halo3-Story mehr oder weniger von Bedeutung.
Ohne zuviel verraten zu wollen, muss ich dennoch eine Warnung aussprechen: Fans des Master Chiefs oder auch Sparataner-117 werden enttäuscht sein der Protagonist der Spiele findet lediglich in einigen wenigen Gesprächen Erwähnung in Ghosts of Onyx!
Fazit: Ghosts of Onyx ist ein Traum für jeden Halo-Spieler: Spannend, aufschlussreich und mit einem Ende, das wie Nylund es ausdrückte ein ganzes neues Universum öffnet. In meiner persönlichen Rangliste ist der Roman sogar noch vor dem von den Fans geliebten First Strike anzusiedeln. Wer keine Angst vor doch etwas happigerem Englisch (vor allem die vielen technischen und militärischen Begriffe) hat, sollte sich den Roman schon jetzt zulegen denn eine deutsche Übersetzung wird wohl noch eine Weile auf sich warten lassen!