Asger Leths Dokumentation "Ghosts of Cité Soleil" ist das eindrucksvoll gefilmte Portrait der Brüder '2PAc' Jean und 'Bily', zweier Gangleader aus dem für seine Armut und Gewalttätigkeit berüchtigten Slumviertel 'Cité Soleil' der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince.
Dem umfassenden Lob meiner Vorrezensenten kann ich mich nicht allerdings anschließen.
Ansgar Leths Versuch, sowohl ein "menschliches" Bild des harten Lebens im Elendviertel zu zeichnen als auch einen Überblick über die neuere haitianische Geschichte zu liefern, schlägt m.E. grandios fehl. Dazu tragen eine Reihe von Punkten bei:
1.) Schauen wir uns zuerst die Biographien der Hauptdarsteller an. Es bleibt völlig unklar, was 2Pac und Bily eigentlich den ganzen Tag machen, wenn sie nicht im Bett kiffen, bewaffnet durch die Gegend fahren oder sich mit ihren Kumpels oder untereinander streiten. Was macht sie eigentlich zu Gangstern, und womit verdienen sie ihr Geld? Soweit allgemein bekannt ist, besteht das Leben der Gangs von Cité Soleil (wie überall) zumeist darin, die lokale Bevölkerung mit Mord, Vergewaltigung, Raub, Erpressung, Kidnapping und Vandalismus zu terrorisieren. Im Film erfahren wir dazu absolut gar nichts, wenn man vom ruppigen Umgang der Gangster mit einigen kleinen Leuten ihres Viertels absieht. Eine vermeintliche Diebin wird mit dem Tod bedroht, der Besitzer eines verliehenen Generators ebenfalls eingeschüchtert. Eher beiläufig wird hingegen zugegeben, dass 2Pac & Co. für Präsident Aristide die Oppositionsbewegung mit brutaler Gewalt eingeschüchtert und dafür Geld kassiert haben. Anstatt die Gangster also in einem differenzierten Licht zu zeigen, werden nur sehr waghalsige Versuche unternommen, sie als emotionale Menschen darzustellen. Da wird gerappt und gesungen, Babies werden geknuddelt, mal wird Leuten Geld geschenkt, dann folgen lange Passagen, in denen die Gangster z.T. tränenreich über die Abgründe ihres Alltags philosophieren. Alles endet dann stets damit, dass man wieder mit Waffen herumfuchtelt und jedem Gefolgsmann lautstark klar macht, wer der skrupelloseste und damit coolste Oberkiller "in da hood" ist. Dass eigentlich alle gefilmten Gangster, vom knochenharten 2Pac vielleicht abgesehen, offensichtlich schwer gestörte Psychopathen sind, trägt nicht gerade dazu bei, sich mit ihnen zu identifizieren. Auch die Bemerkungen Bilys, eigentlich nur das Wohl Haitis im Sinne zu haben, wirken vor diesem Hintergrund geradezu grotesk.
2.) Vom sonstigen Leben in der Cité Soleil erfährt der Zuschauer nichts. Wie die normalen, d.h. nicht schwerkriminellen Menschen in dieser lebensfeindlichen Umgebung ihr Dasein fristen, hat den Filmemacher anscheinend nicht interessiert. Stattdessen erlebt der Zuschauer mit Staunen, wie sich eine ebenfalls völlig unkritische französische Entwicklungshelferin von einer Krankenschwester zur Gangsterbraut und Fluchthelferin entwickelt. Als 2Pac am Ende des Films von der Polizei steckbrieflich gesucht wird, ist es für seine blonde Freundin 'Lele' offensichtlich kein Problem, ihn in ihrer auch von anderen Westlern besuchten Wohnung zwischenzeitlich zu verstecken und ihn mit einem dicken Abschiedskuss zum Fluchtbus zu bringen (wohin flieht er eigentlich?). An dieser Stelle wirkt der Film nur noch unrealistisch oder sogar unfreiwillig albern! Ebenso lächerlich ist 2Pacs postkoitaler, scheinbar Toleranz beweisen wollender Kommentar, dass ihre Beziehung doch die Harmonie zwischen Schwarzen und Weißen verkörpere.
3.) Die jüngere Geschichte Haitis wird anhand verschiedener Texteinblendungen und einer Reihe von Interviews chronologisch nachgezeichnet. Trotzdem wird dem Zuschauer nicht wirklich verständlich, welche Kräfte innerhalb der haitianischen Gesellschaft miteinander rivalisieren und wie es zu diesem Chaos kommen konnte. Zudem bleibt letztendlich offen, ob sich 2Pac & Co. aus politisch-sozialen oder schlicht finanziellen Gründen auf die Seite des Kleptokraten und Gewaltherrschers Aristide geschlagen haben. Der völlige Verzicht Asger Leths auf moralisierende Kommentare ist bei der Darstellung der wirren Innenpolitik Haitis sicherlich angebracht, lässt die stark sympathisierende Darstellung 2Pacs jedoch im Kontrast noch irrsinniger erscheinen.
Fazit: Asger Leths erliegt leider der Versuchung, das für reich-naive Nordeuropäer extrem exotisch wirkende Ghetto-Dasein der rappenden Gangster von Port-au-Prince als kitschiges, vorgründig sozialrevolutionäres und intellektuell entsprechend flaches Robin-Hood-Epos nachzuzeichnen. Dabei drehen sich die Aussagen der Hauptdarsteller ständig im Kreis, niemand macht im Film eine sichtbare Veränderung durch. Am Ende sind alle tot, niemand hat etwas gelernt, und verändert hat sich in Haiti ebenfalls nichts. Es regieren weiterhin die mit den größten Waffen, und Lösungen für die Probleme des Landes (wie das mantrahaft wiederholte "Education") wurden nicht gefunden. Dass hierzu gewalttätige Typen wie 2Pac & Co., denen es nur um Macht und Spaß geht und die nostalgisch über ihre verlorene Kindheit und ihren Status als Opfer der Gesellschaft rappen, enormen Anteil haben, geht in der Intensität der Bilder sträflich unter. Stattdessen verliert sich der Film in einer mehr als zweifelhaften Lovestory zwischen einem scheinbar heldenhaft dem Schicksal trotzenden, athletisch gebauten Ghettogangster und einer ledrig-abenteuerlustigen Krankenschwester aus dem fernen Frankreich, die seine bei Streitereien oder Autounfällen verletzten "Soldaten" von ihrem Geld und dem ihrer Hilfsorganisation versorgt.
Sollte es Asger Leths Intention gewesen sein, mit seinem Film die Sinnlosigkeit und Ausweglosigkeit des Gangsterlebens aufzuzeigen, ist ihm dies gelungen. Ich bezweifle jedoch sehr, dass dies seine Absicht war.
Dass die in den letzten sechs Jahren nach und nach verhafteten Kriminellen wie 2Pac & Co. seit dem Erdbeben in Haiti und dem Einsturz ihrer Gefängnisse wieder ihr Unwesen in den Straßen von Port-au-Prince treiben, lässt die unterschwelligen Heroisierungstendenzen des Films noch abstoßender wirken.