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Es beginnt mit einer Geschichte der RAF aus der Sicht eines Enttäuschten -- enttäuscht ist Theweleit vom "abstrakten Radikalismus" der RAF, in der der 68er-Aktivist denselben "Elternterror" am Werk sieht, der zu Beginn der gemeinsamen Studentenproteste als "politisches Horrorsyndrom" verflucht war.
Im zweiten Vortrag "Salzen und Entsalzen. Wechsel in den sexuellen Phantasien einer Generation" beschreibt Theweleit die "Politisierung des Sexuellen nach '68 als "Riss" in der Geschichte: Sex ist die Transformation der Todeszeichen der nationalsozialistischen Vergangenheit (was T. besonders im ersten Teil des Pocahontas-Komplexes beschäftigt), Sex ist die "Rettung"; denn "von den Eltern wird nichts angenommen".
Zuletzt geht es um "Canettis Masse-Begriff", den Theweleit durch den Begriff der Serie abgelöst sieht. Ausgehend von der Frage nach dem Ausbleiben einer Arbeitslosenrevolte beschreibt Theweleit, wie das Prinzip der Masse heute als medial vermittelte Serie wiederkehrt: als Love Parade, als Volks-Hysterie um den Tod einer englischen Prinzessin. Zum Schluss bekennt Theweleit, ein wenig wehmütig, ein wenig im Ton der Gereiztheit, den das ganze Buch durchzieht: "Ich mag das Serielle "im Prinzip" -- "liebe" wäre zuviel gesagt; geliebt habe ich das Aufblühn des Individuums in der Masse...". --Nikolaus Stemmer
Gespenster vertreiben
ujw. Was war «1968»? Ein Sprachenkonglomerat, meint Klaus Theweleit: «aktionistische, happeninghafte Sprachen, wissenschaftliche, pädagogische, besserwisserische, überfahrende, berauschte, klatschhafte, verzehrende, selbstdarstellerische, paranoische, narzisstische Sprachen». Sie hätten «zum erstenmal die Möglichkeit einer Verbindung eigenen Sprechens mit einem öffentlichen Raum» geschaffen. Anfang der siebziger Jahre sei es dann schon wieder vorbei gewesen mit der neuen Freiheit. Eine «grosse Reduktionsbewegung» habe Platz gegriffen; an ihrer Spitze: die «K»-Gruppen mit ihrem «Sandkastenstalinismus» und die «Rote Armee Fraktion», die den «Elternterror» gegen die aufmüpfige Generation, also gegen sich selbst, fortgesetzt habe. Gegen solche Selbstkasteiung und die Trockenlegung des Sprachsumpfes hat Klaus Theweleit schon mit seinen 1977 erschienenen «Männerphantasien» angeschrieben. Er tut es noch immer; sucht (mit drei «leicht inkorrekten Vorträgen») in einem vielstimmigen Wortschwall einer Art öffentlicher Selbstanalyse Verbindungen zur Psychophysik des Kollektivs. (Neben dem «RAF-Gespenst» gilt das Interesse dem Wechsel in den sexuellen Phantasien einer Generation sowie dem «Verschwinden der Masse».) Nicht immer gelingt der Durchstich; wenn aber, dann bekommt man einen Vorgeschmack davon, was das heissen könnte: einen Gesellschaftskörper auf die Couch legen.
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