Grundsätzlich sei dem Publisher Ghostlight Lob und Preis, daß er sich des Spieles angenommen und es nach Europa gebracht hat, nachdem die Vorgänger (eigentlich unverständlicherweise aber sicherlich auch aufgrund miesen Marketings) in unseren Breiten, im Gegensatz zu anderen RPGs ähnlich hoher Qualität - denn SH(1) und SHC sind wie ihr Urahn Koudelka Nippon-Rollenspiele auf allerhöchstem Niveau mit epischer Story, sympathischen Charakteren, überraschenden Wendungen, einer Menge Humor und Spannung - nicht wirklich erfolgreich waren. Auch den engagierten Fans, die beim Developer und möglichen Publishern nicht lockerließen und offenbar verdeutlichen konnten, daß es in Europa durchaus einen Markt für Shadow Hearts gibt, ist zu danken.
Die Frage ist nur, ob Ghostlight sich und der Reihe als solcher damit einen Gefallen tut, denn leider ist SH3 wirklich wesentlich schwächer als die Vorgänger, speziell als das überwältigende Covenant, das leider trotzdem von der Fachpresse wie den Spielern mit vollkommen unverdienter Ignoranz gestraft wurde. SH3 ist im Grunde wie eine sehr komprimierte Version von SHC mit etwas anderem Anstrich. Die Ähnlichkeiten dürften dem geschulten Fan auffallen, die Variationen vermögen nur bedingt zu überzeugen.
Technisch habe ich persönlich kein Problem mit SH3. RPGs sollten mE nicht wegen ihrer Technik und Optik, sondern wegen ihres Inhalts gespielt werden. Leider hakt es hier bei SH3 auch. Die Story erinnert in keinster Weise an die interessanten Wendungen der Vorgänger. Die Antagonisten haben nicht wirklich eine nachvollziehbare, hehre Motivation wie es in SH und SHC der Fall war, sondern tun schlichtweg Böses - und das ist für Shadow Hearts doch ein bißchen arm.
Die Charaktere sollen an die Skurrilität der Figuren der Vorgänger anknüpfen aber oft wirken sie nur wie Abziehbilder. Die Native Americans Shania und Natan und auch der Mariachi Ricardo sind durchaus sympathisch, erweisen sich zudem als mysteriös, glaubhaft und interessant, Mao, die Riesenkatze ist sicherlich ein Kuriosum aber taugt nicht als angemessener Ersatz für den Wolf Blanca aus SHC, als der sie konzipiert wurde. Allerdings rettet der Nimbus einer alternden Filmdiva und der damit verbundene raue Humor die Sache schon gelegentlich raus. Frank Goldfinger, der Ninja, ist ein Abziehbild von Joachim Valentine aber auch wirklich nicht mehr. Er hat amüsante Szenen, doch kommen diese einem meist viel alberner vor als zu Joachims Zeiten. Hilda Valentine ist die Ausprägung einer Tradition: Die Vampirfamilie Valentine war in jedem Spiel mit dem Namen Shadow Hearts vertreten und so muß auch der dritte Ableger eine Valentine haben. Sie ist ähnlich krampfhaft überdreht wie Joachim, man fragt sich jedoch, ob es in dieser Familie eigentlich nur eine einzige vernunftbegabte Person gibt, nämlich Bruder Keith, und wie sie sich so lange in Bistritz halten konnte, wenn dem so ist. Als Magierin macht sie sich gut im Kampf aber wirklich sympathisch sind weder slim, noch curvy Hilda während Joachim und Keith beide große Sympathieträger waren. Johnny Garland selbst, der offizielle Hauptcharakter, ist im Grunde die größte Enttäuschung. Als Yuri Hyugas Nachfolger tritt er zweifellos ein schweres Erbe an und eine Figur, die charakterlich etwas anders gestrickt ist als der legendäre Harmonixer der Teile 1 und 2 würde der Serie vielleicht grundsätzlich auch nicht schaden aber Johnny wächst einem wirklich in keinster Weise so sehr ans Herz wie Yuri. Er kommt einem eher wie eine Art aufsässiger Teenager vor, der vor allen Dingen seinen Kopf durchsetzen will aber weder von dem Idealismus noch der unsterblichen Liebe eines Yuri Hyuga durch das Spiel getragen wird, was diesen glaubhaft und seine Handlungen authentihsch gemacht hat. Spielerisch ist Johnny den größten Teil des Spieles über relativ nutzlos. Zum Ende hin ändert sich das zum Glück aber, ohne zuviel vorwegnehmen zu wollen: Dafür kommt er ab diesem Zeitpunkt relativ seelenlos daher was für ein SH auch recht enttäuschend ist. Die an ihn geknüpfte Snapshot-Sidequest, die man übrigens unbedingt zuendebringen sollte, weil sie eine der Voraussetzungen für seine Charakterentwicklung hin zu einer nützlicheren Figur hin ist, nervt und bremst das Spiel unnötig aus.
Dadurch wird von einem weiteren großen Problem des dritten Teils der Serie abzulenken versucht, nämlich der erstaunlichen Kürze. Es ist verwunderlich genug, daß nach dem 2-DVD-Spiel Shadow Hearts:Covenant wieder auf eine DVD zurückgebrochen wurde. Allgemein verstärkt das den Eindruck, daß man es hier mit einer unreifen, unfertigen Version des Spieles zutun hat. Dahinter mag sich ein Körnchen Wahrheit verbergen: Der US-Publisher XSeeD, der SH3 als einen der zwei großen Vorzeigetitel vor sich hergetragen hat, die ihn auf dem Markt eine solide Position einräumen sollten, hat möglicherweise erhöhten Druck aud die Developer ausüben müssen, welche dadurch das eine oder andere Element des Spiels unausgegoren gelassen haben, was sich im Gesamtprodukt leider niederschlägt. Allgemein scheint etwas zu fehlen; das je ne sais quoi, was aus SH3 einen würdigeren Nachfolger des wirklich bemerksenswerten SHC gemacht hätte.
Nichtsdestotrotz steckt Seele in diesem Spiel. Ein SH-Feeling kommt auf, wenn es auch getrübt und ein wenig mau ist. Positiv zu vermerken ist die weitere Modifizierung des Kampfsystems, was die Auseiandersetzungen noch ein wenig spannender und taktisch anspruchsvoller macht. So sind die Abilities nun nur noch in den Berechen Air, Middle oder Ground wirksam. Ein Gegner, der sich außerhalb der entsprechenden Rechweite einer Skill aufhält, wird nicht mehr von ihr getroffen. Außerdem gibt es neben den bekannen Combos von Charakteren nun auch Doubles (ein Charakter kann zwei Aktionen pro Zug ausführen) und Double-Combos (Charaktere in einer Combo können auch mehrere Aktionen pro Zug ausführen), die abhängig sind von zu sammelndem Stock (ähnlich in XenoSaga) und auch die Gegner sind dazu in der Lage. Der Mangen an Fusionsformen enttäuscht ein wenig; es gibt nur noch drei, (bzw. fünf - drei reguläre und zwei geheime), die Elementklassen miteinander kombinieren. Es existiert kein Seelenfriedhof mehr. Angesichts von Stimmen, die Yuris Formvielfalt schon immer als zu groß betrachteten, kann man sich damit jedoch möglicherweise arrangieren.
SH3 ist unterm Strich kein schlechtes Spiel. Es ist ein RPG mit dem Judgementring-System, das durchaus Spaß machen kann. Interessante Schauplätze wie eine Luftwaffenbasis in Roswell, südamerikanische Ruinen, Chicago zur Zeit der Prohibition (inclusive Beteiligung eines jungen Al Capone und eines jungen Elliot Ness) oder Alcatraz sorgen für Abwechslung und schicken die Charaktere auf eine kleine Reise durch den amerikanischen Kontinent. Es besitzt Humor, es besitzt Spannung aber die epische Breite, an der hapert es ein wenig. Grundsätzlich hätte SH3 Potenzial und als Fan der Reihe hatte ich gar keine andere Wahl und mußte mir damals schon die NTSC-Version beschaffen (als es seitens Aruze noch hieß, einen Europarelease würde es eher nicht mehr geben).
Letztendlich bin ich ganz froh darüber, daß die SH-Reihe fortgesetzt wurde. Es ist schon schade, daß wir diesmal nur ein deutsches Handbuch bekommen. Die Texte von SH1 waren zwar katastrophal übersetzt aber SHC konnte schon mit einer ziemlich guten Lokalisation aufwarten. So ist die PAL-Umsetzung zwar eine sehr schöne Sache, aber es gibt abgesehen vom Handbuch keinen Unterschied zwischen der US und der EU-Version. Trotzdem ist es schön, daß auch europäische Fans das Spiel nun endlich spielen dürfen. Mir persönlich kommt es allerdings unausgereift vor.