Aus der Amazon.de-Redaktion
Clowes konnte bereits in diversen autobiografisch inspirierten Kurzgeschichten in Eightball beweisen, dass er als Zeichner und Autor in der Lage ist, eine ganz spezielle Atmosphäre zu erzeugen, die seinen Geschichten eine ganz eigene Glaubwürdigkeit verleiht. Aus den Gesprächen von Enid und Becky über Sex, Männer und so weiter entsteht so die eine Geschichte, die davon handelt, wie man älter wird, Gelegenheiten verpasst und in ein Leben hineinrutscht, das man sich eigentlich ganz anders vorgestellt hatte. --Boygar Alpaslan
Neue Zürcher Zeitung
«Ghost World» der neue Comic des Amerikaners Daniel Clowes
Seit Art Spiegelmans «Maus» fand in den USA kein Comic grössere Beachtung als Daniel Clowes «Ghost World». Sein Verzicht auf Effekte und Klischees begeisterte Leser und Kritiker weit über die Comic-Szene hinaus. Die Erfolgsgeschichte von Enid und Rebecca soll nun verfilmt werden.
Enid und Rebecca, zwei Teenager um die 18, verbringen ihre Nachmittage mit Vorliebe im «Angels», einem besonders hässlichen und genau deswegen finden sie coolen Diner. Sie tratschen über ihre Bekannten, beobachten die Gäste an den Nebentischen, lästern über Fernsehshows und Popstars und von Zeit zu Zeit fragen sie sich, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Denn Zeit haben sie genug. Nachdem die beiden Mädchen die Highschool abgeschlossen haben, lassen sie sich nun durch die Sommermonate treiben und verdrängen, so gut es geht, alle Gedanken an die Zukunft. Ebenso unspektakulär wie die Stunden im Diner sind ihre Unternehmungen: Mal suchen sie in Plattenläden nach den Hits ihrer Kindheit, mal legen sie einen älteren Mann rein, mal verkleiden sie sich.
Die Anekdoten aus dem Leben der beiden jungen Frauen könnten kaum alltäglicher sein, und ihre Gespräche kaum natürlicher. Beim Zeichnen von «Ghost World» kam sich der Autor und Zeichner Daniel Clowes denn auch vor «wie ein unsichtbarer Geist, der Enid und Rebecca aus unmittelbarer Nähe belauschte und beobachtete.»
Daniel Clowes ist einer der Stars der unabhängigen Comic-Szene Amerikas. Der Underground-Veteran Robert Crumb nannte ihn einmal seinen einzigen legitimen Nachfolger, sein Heft «Eightball» gehört mit einer Auflage von 25 000 Exemplaren zu den erfolgreichsten Comic-Publikationen Amerikas, sein unverwechselbarer Strich ziert überdies auch zahlreiche Plattenhüllen von Underground-Bands und Filmplakate.
Berühmt wurde Clowes dank seiner kühlen und sarkastischen Auseinandersetzung mit der Popkultur und dem amerikanischen Spiessertum. «Um die wahre Kultur einer Gesellschaft zu verstehen, muss man sich mit ihren niedersten und geschmacklosen Produkten beschäftigen», sagt Clowes mit einem liebenswürdigen Lächeln. Der 1961 geborene Künstler redet leise, ist immer bescheiden und von ausgesuchter Höflichkeit. Eine Höflichkeit, die er in seinen Comics aber ablegt und ersetzt durch wütenden Humor und einen ebenso sauberen wie unerbittlichen Strich. In den abstrusen Abenteuern um den erfolglosen Detektiv Lloyd Llewellyn persiflierte er die amerikanische Trash-Kultur der sechziger Jahre und ihre nostalgische Verklärung; in «Wie ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln», einem surrealen Albtraum von lynchesken Qualitäten, beschwor er Amerikas düstere Abgründe und verdrängte Obsessionen herauf, und die meisten seiner Antihelden sind kulturpessimistische Jünglinge, die ihre Unsicherheiten mit der Arroganz von blasierten Snobs zu kaschieren versuchen.
Zu seinen satirischen Rundumschlägen holt Clowes nie aus sicherer Distanz aus er beschäftigt sich so kritisch mit der Trivialkultur, weil er sie aufrichtig liebt, und selbst seine Beziehung zum fiktiven Superheldenzeichner Dan Pussey, dessen Biographie er in «Pussey!» erzählte, ist ambivalent und genährt von einer persönlichen Sorge: «Wäre ich in einem anderen Umfeld aufgewachsen, hätte auch aus mir ein Superheldenzeichner werden können, einer dieser lächerlichen Typen, die noch mit Dreissig bei ihrer Mutter wohnen, von einem spannenden Leben träumen und den Markt mit schlechten Comics überschwemmen.» Wieder lächelt Clowes. «Ich bin wirklich sehr sehr froh, dass aus mir kein Dan Pussey wurde.»
Anders als die Dan Pusseys der Comic-Szene widersteht Daniel Clowes der Versuchung, ein erfolgreiches Muster endlos zu wiederholen. «Viele Comic-Zeichner bleiben zu lange mit ihren Figuren zusammen», glaubt er. «Ich dagegen versuche immer wieder Neues auszuprobieren.» So wandelte sich der Comic-Amokläufer langsam zu einem Erzähler immer feinerer Geschichten. Das sei eine Frage des Selbstvertrauens. «Ich glaube, ich bin heute in der Lage, die Aufmerksamkeit des Lesers auch ohne offensichtliche Übertreibungen, ohne surrealistische Effekte oder parodistische Klischees zu wecken. In Ghost World wollte ich Geschichten aus dem Leben erzählen, subtil und realistisch.»
Aber auch in «Ghost World» ist vieles nicht so, wie es zu sein scheint. Enid und Rebecca sind zwei sehr normale Teenager, die sich und auch das ist normal für aussergewöhnlich halten und sich die Banalität ihres Alltags nicht eingestehen wollen stets scheinen ihnen deshalb mutmassliche Kinderschänder, Massenmörder und andere gefährliche Unholde über den Weg zu laufen. Ihre innige Beziehung wird dabei durch das leise Unbehagen getrübt, das ihre ungewisse Zukunft hervorruft. Und als Rebecca entdeckt, dass Enid heimlich für die Aufnahmeprüfung eines Colleges büffelt, fühlt sie sich verraten und rächt sich, indem sie der Freundin den Freund ausspannt.
Das Ringen von Enid und Rebecca um Einzigartigkeit, Suspense und ewige Treue hat etwas Rührendes, ja Lächerliches, doch macht sich Daniel Clowes in keinem Moment lustig über seine Heldinnen. Im Gegenteil, er beschwört die Stimmungen und Spannungen dieser kurzen Zeitspanne zwischen Jugend und Erwachsensein mit grosser Behutsamkeit herauf. Zum einen erinnert das kühle Blau, das er über seine Schwarzweisszeichnungen gelegt hat, an die distanzierende Reflexion eines Fernsehbildschirms, zum anderen schafft er immer wieder eine intime Nähe zu den beiden Mädchen, die in Wahrheit nichts anderes seien «als zwei Seiten von mir, die sich ständig streiten».
Christian Gasser
Perlentaucher.de
Wenig erfreulich findet Rezensent Martin Zeyn das von Zeichner Daniel Clowes geschilderte Leben zwischen High School und College. Die Figuren lebten ihr Leben, als hätten sie es bereits hinter sich. Fraglich bleibe, ob Terry Zwigoff, der einen Film über Robert Crumb drehte und nun "Ghost World" verfilmt, die "bittere Lakonie" treffen werde.
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Kurzbeschreibung
Daniel Clowes erzählt höchst subtil eine nur auf den ersten Blick bekannte Coming-of-Age Geschichte. Seine knappen Dialoge, die mit sparsamen Mitteln die Figuren präzise charakterisieren, und seine meisterhaften Zeichnungen haben "Ghost World" zu einem Kultbuch gemacht, das 2001 erfolgreich mit Scarlett Johansson und Steve Buscemi verfilmt wurde.