...und dafür, dass Erikson durch sein gesamtes Opus mit dem Vorurteil aufräumt, Fantasy sei Trivialliteratur, gibt es schon 4 Sterne.
Sprachlich, stilistisch (was auch die dt. Übersetzung aufrechterhält - ein großes Lob)muss er keinen Vergleich mit der sog. hohen Literatur scheuen.
In der Tat bin ich von ebendiesem so begeistert, dass es trotz der von mir anzubringenden Kritik am Inhaltlichen für die 4 Sterne reicht.
Zum Inhaltlichen (hier beziehe ich mich zugleich auf den dt. Band 8, "Kinder des Schattens", also auf "Midnight Tides" insgesamt).
Erikson hat mit dem "Spiel der Götter" allem voran auch eine hochkomplexe Welt erschaffen, erzählt eine sehr komplexe Geschichte.
Manchmal zu komplex in dem Sinne, dass er aus meiner Sicht zu viele Handlungsstränge entwirft, zu viele neue Charaktere einführt, damit dem Leser etwas zu viel abverlangt, sind doch aus den vergangenen Büchern noch derart viele offene Fragen geblieben, dass es etwas frustrierend ist, sich schon wieder auf gänzlich - abgesehen von Trull Sengar - neue Protagonisten einzustellen. Den Überblick zu behalten wird zusehends schwerer.
Hatte man bei den Bänden 1, 4 und 5 mit Ganoes Paran, den Brückenverbrennern, Anomander Rake, bei 2,3,6 und 7 mit Heboric, Felisin zu tun, konnte man nach Band 7 schon einige Verknüpfungen anstellen, wird bei Band 8 und 9 eben ein fast neuer Strang eingeführt, ohne dass einige "auf den Nägeln brennende" Fragen beantwortet würden.
- was treibt der Herr der Drachenkarten? Stichwort Draconus, Dragnipur
- was treibt Silberfuchs?
- wie ergeht es Brand?
- was - ganz brisant - hat es mit den Jaderiesen auf sich?
- mit welchen gefährlichen Gegnern haben jene Imass zu tun bekommen, von denen die weibliche Imass Lady Missgunst berichtet
u.v.m.
Dass bei Ende von Band 7 Trull Sengar den T'lan Imass von den Hintergründen seiner Fesselung in jenem schon in Band 2 aufgetauchten Bruchstück von Kurald Emurlahn berichtet, lässt zu Anfang von Band 7 die Vermutung aufkommen, eben diese Geschichte würde aufgeklärt.
Leider ist dem nicht so.
Kurzum: Man läuft Gefahr, den Überblick zu verlieren, auch wenn all diese Fragen in den folgenden Bänden noch beantwortet werden.
Ungeachtet der beachtlichen Qualität hätte auch so mancher Handlungsstrang in "Midnight Tides" gestraffter dargestellt oder sogar weggelassen werden können, da die Gesamthandlung nicht wirklich vorangebracht wird.
Zu ersterem ist zu bemerken, dass Erikson fast jeden seiner Protagonisten - sei es Trull, Udinaas, Seren Pedac - als innerlich zerrissenen Charakter darstellt. Selbstzweifel u.ä. werden inflationär eingebracht.
Der Handlungsstrang um Tehol Beddict mag dank Bagg am Ende eine besondere Note erhalten, er steht letztlich aber stark im leeren Raum.
Sinnvoller wäre es m.E. gewesen, dem Leser etwas genauer zu erklären
- was es mit jener Feste auf sich hat, in die Brys mit des Ceda Hilfe "eintaucht".
- wo Drachen, Wyrm - als Tiams Kinder bezeichnet - herkommen
- wer Udinaas' Sohn ist
u.v.m.
Die Welt von "Spiel der Götter", die Völker, die Mythologien, die Magie - all das sucht seinesgleichen.
Das Werk würde m.E. aber unglaublich gewinnen, hätte der Leser ein klein wenig besser die Möglichkeit - ohne die Gefahr zerstörter Spannung heraufzubeschwören - die vielen Mosaiksteinchen zu zumindest einem etwas deutlicherem Gesamtbild zusammen zu setzen.
4 Sterne gibt es dank literarischer und "infrastruktureller" (o.g. Weltordnung, Ethnographie etc.)Güte des Gesamtwerkes. Wäre diese nicht so bemerkenswert, könnte ich für die reine Geschichte von MT nur maximal 3 geben, 2 für dt. Band 8, 4 für dt. Band 9.