Dazai Osamu war schon zu Lebzeiten ein Mythos und Idol seiner und der nachfolgenden Generationen. Sein autobiographisch inspirierter Roman -Gezeichnet- gehört zu den meistgelesenen japanischen Büchern des Jahrhunderts.
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Dazai Osamus Roman «Gezeichnet»
Eine Art von japanischem Kleist kann man in Dazai Osamu sehen: Auf die Selbsttötung scheint sein Leben von Anfang an angelegt. Am 19. Juni 1948, seinem 39. Geburtstag, beendet er es nach mehreren vergeblichen Versuchen zusammen mit einer Geliebten in einem Tokioter Kanal. Kurz zuvor hat er seinen Roman «Gezeichnet» abgeschlossen. Das Erscheinen will er nicht mehr abwarten. Dass ihm «auf Erden nicht zu helfen war», lässt sich von ihm wie von Kleist sagen.
Auch in Japan hat er einen Vorläufer: Akutagawa Ryunosuke, den Namengeber des berühmtesten japanischen Literaturpreises, der zwanzig Jahre vor Dazai bei seiner Selbsttötung mit dem «Leben eines Narren» (NZZ vom 9. 12. 97) ebenfalls die «Chronik eines angekündigten Todes» hinterlässt. Ob Dazai überhaupt und wo gegebenenfalls ihm zu helfen gewesen wäre, ist nach der Lektüre seines ausserordentlich deprimierenden, ausserordentlich eindrucksvollen Opus definitivum mehr als fraglich.
In der Form des in der japanischen Literatur dieses Jahrhunderts so populären shishosetsu, des Ich-Romans, distanziert nur durch den Rahmenbericht eines Schriftstellers, der drei Photos des «als Mensch Disqualifizierten» betrachtet (so der Originaltitel des im übrigen vorzüglich übersetzten und kommentierten Romans) und ein kommentierendes Nachwort zu seiner Geschichte schreibt, erzählt Dazai von einem Leben, das von Katastrophe zu Katastrophe führt: ein einziger «Weg nach unten». Der gleichzeitige künstlerische Weg nach oben, im Roman nur angedeutet, macht im Gegensatz zu den schönen Legenden vom Schreiben als Selbsttherapie das Über-Leben nicht möglich. Die Sucht (Alkohol, Nikotin, Morphium) und die Sucht aller Süchte: der Todestrieb, siegen.
Für das Unglück des Antihelden mag man die familiären Lebensumstände des isolierten Kindes verantwortlich machen: «Sein Vater war schuld», lautet das Schlusswort. Dazais romanhaftes Alter ego lässt hingegen keine Gelegenheit aus, sich masochistisch selber zu bezichtigen, ohne daraus wie später der Held von Camus' «Fall» eine falsche sekundäre Selbstrechtfertigung gewinnen zu können. Die Wahrheit ist aber wohl eher, dass es einfach Menschen gibt, die unglücklich sind nur dadurch, dass sie sind und dass sie sie sind, «gezeichnet» von ihrem Beginn an, ganz ohne «Zeichner». Die Zumutung dieses Romans ist das Gefühl völliger Ausweglosigkeit. Wie gut nur, dass es ein Ende gibt.
Eine punktuelle Erlösung gewähren in diesem Leben nur die Frauen, die magisch von der Erlösungsbedürftigkeit des Unglücks angezogen werden und in fragloser Hingabe allemal bereit sind, mit in den Tod zu gehen. Sie sind die eindrucksvollsten Personen des Romans. Die Ecce-Homo-Gesten, von Dazai mit zahlreichen Bibelanspielungen versucht, gewinnen dagegen keine Stringenz. Die jähen stilistischen Brüche des literarischen Kontinuums wiederum sind nur scheinbar paradox, weil auf das Kontinuum des Unglücks unter allen Umständen Verlass ist. Nur wenige Seiten nach dem ausführlichen Zitat eines Gedichtes von Omar Khayyam, das Weinseligkeit und Nihilismus verbindet, spuckt der lungentuberkulöse Kranke sein Blut in der Form «eines grossen roten Sonnenbanners» in den Schnee: das Bild ist gleichsam «invertierter» Kitsch, nationale Blasphemie.
Trotzdem, gerade deswegen haben sich in Dazais Roman gleich mehrere «gezeichnete», geschlagene Generationen von Japanern wieder erkannt, die, statt von der Zumutung der Aussichtslosigkeit schockiert zu werden, hier wohl eine homöopathisch wirkende, allerdings in hohen Dosierungen verabreichte Verzweiflung fanden. Der für den Ich-Roman so charakteristische Pakt zwischen Autor und Publikum sorgt sogar für eine unverhoffte Aufhellung: Wenn der Antiheld stets fürchtet, von den Menschen seiner «schändlichen» Wahrheit überführt zu werden, so schafft der Autor Komplizenschaft durch rückhaltlose Selbstoffenbarung.
Für westliche Leser ist aufschlussreich, dass der Suizid im Lande der begeisterten Selbstmörder sehr wohl als Schande gelten kann. Von aktuellster Bedeutung als Korrektur allfälliger Japan-Klischees und als Antidot gegen die weltweite mediale Lach- und Fun-Gesellschaft: Dieser Roman reisst mit der Innenansicht der Clownrolle, die das isolierte Kind verzweifelt spielt, um wenigstens so zu den Menschen zu gehören, und mit leitmotivischer Insistenz die hinter dem Lachen verborgenen Abgründe auf. Das «verlorene Lachen», das der traurige Humorist Gottfried Keller so eindrucksvoll beschrieben hat, findet bei Dazai ein japanisches Pendant. Genauer: hier wird es nicht eigentlich verloren, es gefriert. Die lachende wie die lächelnde Maske Japans wird von Dazai zerbrochen.
Ludger Lütkehaus -- Neue Zürcher Zeitung
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