Rezension : Gewitter über Kentucky (ISBN: 978-3-89950-522-1)
Voranschicken will ich, dass ich zum ersten Mal so ein Buch gelesen habe. Noch dazu von einem völlig unbekannten Autor. Doch Hut ab vor dieser merkwürdigen Geschichte.
Am Anfang glaubte ich mich in die von Terrorhysterie geplagten USA des George W. Bush versetzt. Aber schon bald stellte sich heraus, dass im 22. Jahrhundert noch ganz andere Spiele laufen werden, in einer morbiden Marktwirtschaft, die diesen Namen wahrlich nicht mehr verdient.
Große Unternehmen schalten und walten nach Gutdünken. Nur durch eine gemeinsame Charta gebunden, die Charta der freien Unternehmen. Schulden und Guthaben gibt es da zuhauf; und wer seine Schulden nicht bedienen kann, ist schlecht dran. Selbst unter den großen Spielern, den freien Unternehmen, gibt es welche, die in Schulden zu ertrinken drohen. Und wo der Schuldendienst ins Stocken kommt, geht es richtig zur Sache. Mit Waffengewalt rückt der Gläubiger dem Schuldner auf die Pelle, um sich zu holen, was ihm zusteht.
Die Szenerie des Autors erscheint einerseits gespenstisch und doch irgendwie sehr real.
Man erlebt mit, wie die Schuldeneintreiber sich (nicht ganz legal) Zutritt zu einem Banktresor verschaffen. An anderer Stelle, wie sich die Angegriffenen dagegen zur Wehr setzen. Das ist der Stoff für Abenteuer, und davon gibt es einige.
Man kann sich unschwer vorstellen, wie in kommenden Jahrhunderten unter solchen Verhältnissen sogar ganze Privatarmeen nur darauf warten, an gut betuchte Leute (als Condottiere) vermietet zu werden. Junker Slenz samt seiner Schwarzen Garde oder Osman mit seinen türkischen Kriegern lassen grüßen.
Auch der soziale Sprengstoff kommt nicht zu kurz. Im zweiten Teil des Buches kommt es zum Arbeitskampf. Streik scheint im 22. Jahrhundert etwas höchst Seltenes zu sein, weshalb die heutigen, zivilisierten Umgangsformen längst vergessen sind. Anstatt die Forderungen zu mäßigen und aufeinander zuzugehen, gehen beide Seiten aufs Ganze. Man ahnt die heraufziehende Katastrophe für die Kontrahenten bereits. Das wäre das Normale und geht richtig unter die Haut.
Doch dann geschieht ein Wunder. Ein Ausgleich mit Friedensschluss wie aus dem Bilderbuch.
Das Finale entschädigt für alle Mühen des Lesens. Was das Buch hier bietet, ist des Lesens wert. Schon allein deshalb empfehle ich es. Aber auch an vielen anderen Stellen kommt man auf seine Kosten.
Fazit: Gewitter über Kentucky ist ein außergewöhnlicher und anregender Roman, sauber geschrieben, spannend zu lesen.