Tagebücher bereiten ja meist seltsam ambivalente Leseerfahrungen.
Es stellt natürlich eine ungeheuere Versuchung dar, dem inneren Dialog eines anderen zu folgen. Der allerdings ist allein durch den Akt des Niederschreibens bereits gefiltert und zumindest imaginär auch irgendwie adressiert. Das, was P.Celan in einem Gedicht an I.Bachmann die beiden Stimmen genannt hat, die heimliche und die von allen gehörte, verschmelzen in diesem Fall zu einer. Letztlich ist es am Lesenden, zu vermuten, welchen Anteil diese Stimmen besitzen. Und zu bestimmen, mit welcher Berechtigung er ihnen lauscht.
Gewalten - Ein Tagebuch muss allerdings niemanden in einen Gewissenskonflikt stürzen: Der Autor Clemens Meyer hat es im Wissen einer kommenden Veröffentlichung verfasst. Der Fischer-Verlag sei mit der Idee an ihn herangetreten, so der Autor, und die Form habe ihn herausgefordert. Meyer, dem mit ...als wir träumten 2006 ein Aufsehen erregendes Debut gelang, legte 2008 mit dem Erzählband Die Nacht, die Lichter nach und bewies darin wahre Meisterschaft. Seine Erzählungen sind groß und reich, niemals einfach nur kunstfertig. Sie atmen.
Mir scheint, als habe Clemens Meyer sich nun mit prallgefüllten Lungen daran gemacht, den Texten in Gewalten Leben einzuhauchen. Wahnwitziger Alltag, unablässiger Bewusstseinsstrom, untergründige Strömungen, Zockerglück, Verlust, nie enden wollende Assoziationsketten, das Grauen der Zivilisation, Prostituierte und Pädophile- Clemens Meyer fällt das alles an, und diesen reißenden Hund will er auch auf den Leser loslassen.
2009 scheint einige seelische Überforderungen an Clemens Meyer gestellt zu haben. Gewalten" macht das spürbar, es zu lesen, tut weh (das wunderbar passende Titelbild spricht Bände). Ein wenig auch deshalb, weil der Autor sich an seinem Anspruch, hier mehr als alles zu wollen, verhebt.
Woher auf einmal der Hang zum Welterklären und Schwadronieren, der seiner fokussierter Literatur bisher eher fremd war? Ist es doch gerade seine große Kunst, das Ungesagte mitzuschreiben, mit wenigen knappen Worten ein Gefühl zu treffen, ein ganzes Leben zu zeichnen.
Clemens Meyer ist ein junger Autor, es ist also mehr als nachvollziehbar, wenn er sich neuen Formen stellen, fremde Stimmen ausprobieren will. Doch im Vergleich zu den vorherigen Veröffentlichungen fällt Gewalten ab. Es besitzt weder die drängende Energie des Erstlings noch die sichere Tiefe seines Erzählbandes. Rastlos und dünnhäutig verlieren sich die Texte so manches Mal in Deliriumsschwanken oder Katerpessimismus. Dennoch ist Meyer ein überragender Schriftsteller, der immerhin auf beeindruckend hohem Niveau scheitert.
Und gerade bei den sehr persönlichen tragischen Erlebnissen demonstriert C. Meyer echte Tiefe. Wenn er vom Sterben des Jugendfreundes schreibt, von der vorangegangenen Entfremdung, der verdrängten Scham, der bleibenden Verbundenheit, dann findet er einen sicheren Ton. Ebenso wie im Schlusskapitel von Gewalten", dass von dem Tod seines Hundes erzählt. Meyer ist hier nah bei sich, vielleicht kann er deshalb leiser werden, auch Distanz einnehmen. Draußen vor der Tür ist ein literarischer Abschied ohne Pathos und eben deshalb tief bewegend.
Nüchtern.