Wie kommt es zu Religionskriegen? Neigt der Monotheismus von Natur aus zur Gewalt? Was kann man tun, um das in seinem Namen angerichtete Blutvergießen einzudämmen? Diese Fragen stehen im Zentrum des neuen Buches von Hans Kippenberg.
Die Abhandlung beginnt mit einer Skizze des aktuellen Forschungsstandes. Nachdem er die Beiträge Walter Burkerts, Rene Girards, Jan Assmanns und anderer Autoren gewürdigt hat, kommt Kippenberg zu dem Befund, dass der Monotheismus als solcher weder grundsätzlich gewaltorientiert noch prinzipiell friedlich sei. Ob er Gewaltanwendung rechtfertige, verstärke, hervorrufe oder aber bekämpfe, hänge von den jeweiligen Umständen ab. Wer die Beziehung zwischen Religion und Gewalt klären wolle, müsse sich auf die Erörterung konkreter Fälle einlassen.
Im Hauptteil des Buches werden acht Beispiele für moderne "Religionskriege" untersucht: Der Konflikt der amerikanischen Behörden mit den Gemeinden um Jim Jones und David Koresh, die iranische Revolution, die Aktivität der Hisbollah im Libanon, der Einfluss jüdischer Fundamentalisten auf die israelische Besatzungs- und Siedlungspolitik, die Rolle der Hamas im Kampf gegen Israel, der Beitrag protestantischer Fundamentalisten zur Gestaltung der amerikanischen Nahostpolitik, die Anschläge Al-Kaidas vom 11. September, sowie der von den USA geführte "Krieg gegen den Terror".
Ausdrücklich bemüht sich Kippenberg darum, das Selbstverständnis und die Situationsdeutung der beteiligten Religionsgemeinschaften in seine Dartellung einfließen zu lassen. So kann er eindrucksvoll vor Augen führen, wie tiefgreifend sich die Lagebeurteilungen frommer Juden und entschiedener Hamas-Anhänger, amerikanischer Prämillenaristen und Anhänger Al-Kaidas unterscheiden.
Seine abschließende Bilanz macht deutlich, dass in keinem der untersuchten Fälle ein direkter Zusammenhang zwischen der religiösen Haltung einer Gruppe und ihrer Entscheidung zur Gewaltanwendung vorliegt. Auch andere Faktoren, wie wirtschaftliches Elend oder politische Unfreiheit könnten den Ausbruch der Feindseligkeiten nicht erklären. "Weder kann man Kulte, Fundamentalismus, Terrorismus zu den Hauptschuldigen erklären noch politische Unterdrückung oder Entrechtung. Weder ist allein eine religiöse Gemeinschaft noch ein sozialer Konflikt der Verursacher von Gewalt." (S. 198).
Ausschlaggebend sei vielmehr die Art der Wechselwirkung der Konfliktparteien. In der Regel neigten religiöse Gemeinschaften nämlich nur zur Gewalt, wenn sie sich angegriffen fühlten. Selbst dann seien ihre Aktionen meist an konkrete Ziele gebunden und richteten sich nicht auf die völlige Vernichtung des Gegners. Sogar Selbstmordattentäter verfolgten mit ihren Taten klar umschriebene Absichten. Wer religiös gefärbte Auseinandersetzungen vermeiden wolle, müsse sich daher mit der Binnenperspektive der Beteiligten vertraut machen und die Eigenlogik ihres Weltbildes ernst nehmen. Eine Haltung, die religiöse Gemeinschaften von vornherein als irrational oder menschenfeindlich abstemple (etwa als "Terroristen" oder "Kultanhänger") erschwere dies und solle vermieden werden.
Außerdem hätten die bisherigen Erfahrungen gezeigt, dass Demokratisierungsprozesse nicht selten zur Stärkung fundamentalistischer Bewegungen führten. Infolgedessen sei es naiv, die Demokratie als Generallösung im Kampf gegen den Terrorismus zu betrachten.
Schließlich müsse man den wohltätigen Charakter fundamentalistischer Organisationen ernst nehmen. Es sei durchaus kein Widerspruch, dass viele von ihnen (Hamas, Hisbollah, usw.) sich sowohl dem bewaffneten Kampf als auch sozialer Arbeit widmeten. Beides unterschiedslos zu bekämpfen, könne dazu führen, dass terroristische Gruppen neuen Zulauf erhielten.
Kippenbergs Buch ist ebenso ausgewogen in seiner Darstellung, wie vorsichtig und plausibel in seinen Schlussfolgerungen. Auch wenn zu diesem Thema noch viel zu sagen bleibt, wird jeder Interessierte es mit Gewinn lesen.