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Albert Cosserys zynische Revolution
Ist der Zynismus die Kehrseite der Menschlichkeit, oder ist die Menschlichkeit die Kehrseite des Zynismus? Hört man auf Albert Cossery und das sei mit Nachdruck empfohlen , ist Letzteres der Fall. Die Prostituierte, mit der Karim zu Anfang des Romans eine Nacht verbringt, die er verachtet und mit Hilfe einiger rhetorischer Kunststückchen um ihren Lohn prellt, beschenkt er am Ende des Buchs mit dem Wertvollsten, was er besitzt: einem eigens für sie hergestellten, kunstvollen Papierdrachen. Mit dem Bau von Papierdrachen für Kinder verdient Karim sein Geld der Polizeibeamte, der zu ihm geschickt wird, um den ehemaligen Revolutionär auszuhorchen, will es kaum glauben und lässt sich dann, er hat Kinder, doch noch mit einem bestechen.
Die Menschlichkeit ist die Kehrseite des Zynismus, und wenn wir über diesen lachen, ist es auf fast angenehme Art rührend, wenn sich schamhaft dahinter die Menschlichkeit auftut. Der Gouverneur wir stellen uns, da Cossery aus Ägypten stammt, einen arabischen Diktator à la Nasser vor hat der schönen Stadt an der Küste (sagen wir Alexandria) eine rabiate Säuberungskampagne von der Art verordnet, wie sie (man zuckt kurz zusammen bei dem Gedanken) auch die demokratische Hemisphäre dank der Politik eines Giuliani oder Schönbohm kennen gelernt hat: Bettler, Prostituierte und anderes «Gesindel» sollen aus dem öffentlichen Raum verbannt werden. Das ist Gewalt, aber wenn in der Eingangsszene der verschwitzte Schutzpolizist dem «Prachtexemplar» von Bettler, das er vor einer schicken Bank erspäht, aus Versehen den Kopf abreisst und zum Buhmann der Passanten wird, kann sich der Leser des überraschten Auflachens nicht erwehren. Das anfänglich schlechte Gewissen dabei wird auch bald beruhigt, wenn wir erfahren, dass es Karim war, der, um der Staatsmacht einen Streich zu spielen, diese Bettlerattrappe mit dem schlecht sitzenden Kopf gebastelt hat.
«Gewalt und Gelächter» selten war ein Titel so treffend wimmelt von derartigen Szenen. Es gibt in der Stadt einen Zirkel subversiver Anarchisten, deren erstes und einziges Ziel es ist, die Torheit des Systems und die Mediokrität der Reichen und Mächtigen blosszustellen. Ihr Kopf und geliebtes Vorbild ist Heykal, ein Freund von Karim und ein Dandy aus dem Lehrbuch, dessen Scharfblick für die menschlichen Schwächen ihn zwar zum Misanthropen prädestiniert, der aber Hass und Verachtung durch Reflexion und Sanftmut ersetzt hat. Und wenn es nach aussen hin so aussieht, als verspotte er die verrückte Mutter eines Freundes, indem er sich auf ihre Wahnwelt einlässt, erweist er sich schliesslich als der Einzige, der sie ernst nimmt und menschenwürdig behandelt. «Gewalt und Gelächter», im Original 1964 erschienen, setzt auf literarische Weise auch die Lehren aus Foucaults «Histoire de la folie» von 1961 um.
Heykals ebenso witzige wie geniale Idee ist es nun, den Gouverneur durch überall in der Stadt geklebte Plakate zu stürzen, auf denen die staatlich verordneten Lobeshymnen um eine Variante bereichert werden, die so übertrieben klingt, dass sie den Gouverneur der Lächerlichkeit preisgibt. Diese gleichsam homöopathische und gewaltlose Attacke löst in Regierungskreisen wie erwartet grosse Bestürzung aus. Denn wer sie veranlasst hat und ob die Lobhudeleien ernst zu nehmen sind oder eine Verballhornung, weiss niemand mehr zu entscheiden.
«Gewalt und Gelächter» ist ein politologischer Thesenroman, aber das merkt man nicht, weil die zynische Revolution aus lebendigen, nirgends papieren wirkenden Charakteren geschöpft ist, die überdies kraft ihrer Humanität und des Gelächters, das sie beim Leser auslösen, selbst kritische Geister zur Identifikation einladen dürften. Zugleich ist die Geschichte ein Traum, die Utopie einer unerhörten, gewaltlosen Ästhetik des Widerstands, die erst heute als solche offenbar wird. Bei Erstpublikation des Buchs in den sechziger Jahren dürfte die Geschichte eher als eine dekadente Alternative zu den damals gängigeren, blutig-konkreten Revolutionsphantasien aufgefasst worden sein. Dies hat dem 1913 geborenen Cossery eine literarische Randständigkeit beschert, die er nicht verdient (ebenso wenig wie die zu vielen Druckfehler in dieser an sich dankenswerten Neuauflage), auf die er aber stolz ist. Konsequenterweise scheitert Heykals homöopathischer Coup d'État kurz vor dem Ziel, als sich ein gestandener echter Revolutionär einmischt und seine blutigen Methoden ins Spiel bringt.
Dass Cosserys Utopie eine bleiben wird, weiss im Übrigen jeder, der einmal einen Blick in Lobeshymnen für einen Diktator wie Saddam Hussein geworfen hat: Das ist an Lächerlichkeit nicht mehr zu überbieten, und doch ernst gemeint. So wenig also Hoffnung besteht, Dummheit und Gewalt den Garaus zu machen, so erfrischend ist gleichwohl das Gelächter; und wenn dieses in einem Humus von Menschlichkeit wurzelt wie bei Cossery, darf man sich ihm wohltuend ungehemmt überlassen.
Stefan Weidner -- Neue Zürcher Zeitung
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