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Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit
 
 
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Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit [Gebundene Ausgabe]

Steven Pinker , Sebastian Vogel
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (20 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 1216 Seiten
  • Verlag: Fischer (S.), Frankfurt; Auflage: 1 (20. Oktober 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3100616049
  • ISBN-13: 978-3100616043
  • Originaltitel: The Better Angels of Our Nature
  • Größe und/oder Gewicht: 22 x 15,4 x 5,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (20 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 19.991 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Steven Pinker
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Die Geschichte der Menschheit eine ewige Abfolge von Krieg, Genozid, Mord, Folter und Vergewaltigung. Und es wird immer schlimmer. Denken wir. Doch ist das richtig?
In einem wahren Opus Magnum, einer groß angelegten Gesamtgeschichte unserer Zivilisation, untersucht der weltbekannte Evolutionspsychologe Steven Pinker die Entwicklung der Gewalt von der Urzeit bis heute und in allen ihren individuellen und kollektiven Formen. Unter Rückgriff auf eine Fülle von wissenschaftlichen Belegen beweist er anschaulich und überzeugend, dass die Menschheit dazulernt und Gewalt immer weniger als Option wahrgenommen wird. Pinkers Darstellung verändert radikal den Blick auf die Welt und uns Menschen. Und sie macht Hoffnung und Mut.

Über den Autor

Steven Pinker, geboren 1954, studierte Psychologie in Montreal und an der Harvard University. 20 Jahre lange lehrte er am Department of Brain and Cognitive Science am MIT in Boston und ist seit 2003 Professor für Psychologie an der Harvard University. Seine Forschungen beschäftigen sich mit Sprache und Denken, außerdem schreibt er regelmäßig für die "New York Times", "Time" und "The New Republic". Sein Werk ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden.

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58 von 67 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe
Es ist praktisch unmöglich, diesem dicken und dichten Buch in einer Rezension gerecht zu werden, die nicht selbst zu einem Essay wird und damit den Rahmen einer lesbaren Amazon-Rezension sprengt. Ich möchte mich auf wenige Aspekte konzentrieren.

Manche stoßen sich an Pinkers Umgang mit der Statistik. Da ist was dran. Die Schautafel in Kap.5 etwa, wo er die großen Kriege und Massentötungen der Geschichte auflistet, um sie dann proportional zur Gesamtbevölkerung zu gewichten, was dann zur Folge hat, dass der 2. Weltkrieg nur auf Platz 9 landet, ein Bürgerkrieg im alten China dagegen auf Platz 1, dann will mich das nicht so recht überzeugen. Nicht nur, weil wir nicht wissen, ob die Zahlen aus dem China des 8. Jahrhunderts stimmen oder vielleicht aufgebauscht wurden, sondern vor allem, weil es mir widerstrebt, den Wert eines Menschenlebens quantitativ in Relation zu allen anderen Menschen zu bestimmen. Pinkers Vorgehen mag wissenschaftlich einwandfrei sein, aber mich überzeugt diese Art der Verrechnung nicht.

Meine Meinung ist, dass das Buch auch dann sehr lesenswert ist, wenn man die Statistik ausblendet! Ich könnte mir vorstellen, dass das Buch sogar an Lesbarkeit und Überzeugungskraft gewonnen hätte, wenn Pinker es als großen Essay verfasst hätte. Denn was er zwischen den Tabellen und Graphiken berichtet, ist unglaublich faszinierend, packend und lehrreich. Mein stärkster Eindruck während der Lektüre war, dass wir es uns heute gar nicht mehr vorstellen können, wie sehr Gewalt in allen Ausprägungen das alltägliche Leben von Menschen wie Du und Ich früherer Zeiten durchdrungen hat. Einige Beispiele:

Das fing schon mit der Geburt an: schwächliche oder gar behinderte Babys wurden bis in die Neuzeit hinein ganz selbstverständlich nach der Geburt umgebracht (in vielen Teilen der Welt ist das auch heute noch Usus). Heute werden bei uns auch schwerbehinderte Kinder liebevoll großgezogen.
Kinder, so dachte man bis vor hundert Jahren, kommen als kleine Teufel zur Welt (Stichwort Erbsünde) und müssen durch Züchtigungen erst zu brauchbaren Menschen werden Was wir heute Kindesmisshandlung nennen, war damals normale Erziehung !

Selbst auf kleinste Vergehen standen brutale Strafen (brutal für unseren heutigen Geschmack). Eine harmlose Strafe wie "An den Pranger stellen" etwa hieß, tagelang dort zu gefesselt zu stehen, sich in die Hose machen zu müssen, und die Leute entleerten lachend den festen und flüssigen Inhalt ihres Nachttopfes in das Gesicht des Unglücklichen. Beleidigungen wurden oft durch das Abschneiden der Nase des Gegners heimgezahlt (eine in Afghanistan auch heute noch gängige Praxis, wie wir wissen). Verhöre durch die Obrigkeit waren immer mit Elementen durchsetzt, die wir heute als Folter bezeichnen. Heute verliert ein Polizist seinen Job, weil er einem Kindsmörder Gewalt nur androht !

Das öffentliche Zu-Tode-Foltern von Delinquenten (oder auch von Tieren, einfach nur so zum Spaß) war normaler Alltag und hatte etwas von einer Kirmes für die Groß und Klein. Kommunen, die gerade keinen Verbrecher zum Hinrichten hatten, kauften einen bei der Nachbarstadt, damit das Volk sich amüsieren konnte. Uns schaudert heute allein der Gedanke. Bis jetzt konnte ich mir unter dem Ausdruck "Auf das Rad flechten" nichts Genaues vorstellen. Nach der Lektüre des Buches kann ich es, leider.

Vergewaltigte Frauen hatten keinerlei Anspruch auf Wiedergutmachung. Verletzt wurde ja nicht die Frau, sondern der Rechtsanspruch des Ehemannes oder der Familie, deren Besitz die Frau war. "Ehrenmorde", für uns heute Inbegriff des Barbarischen, waren früher Teil der Tradition.

Noch im 18. Jahrhundert verdienten ehrbare Bürger ihr Geld mit Sklavenhandel. Heute ist Sklaverei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ist das kein Fortschritt ?
Vor hundert 100 Jahren haben wir die Herrero noch selbst abgeschlachtet und die Massenmörder geehrt. Heute schämen wir uns dafür, 1997 in Ruanda nicht eingegriffen zu haben (Damals hätten die Leute bloß gesagt "Die Schwarzen bringen sich gegenseitig um ? Sollen sie, dann brauchen wir es nicht tun"). Ist das kein Fortschritt?

Ich könnte so seitenlang fortfahren, ganz ohne Statistik (und die Themen "Homizidrate" und "Krieg" habe ich noch gar nicht erwähnt). Die Frage, ob das 20. Jahrhundert quantitativ betrachtet nun das brutalste oder friedlichste war, ist irgendwie akademisch. Pinker verwendet viel Mühe darauf nachzuweisen, dass der 2. WK, die Massenmorde von Stalin, Mao oder Pol Pot statistische "Ausreißer" waren, die ohne die Wahnideen der bekannten drei, vier Männer nicht stattgefunden hätten. Das mag sein oder nicht sein. Niemand kann das wissen oder entscheiden, denn wir können die Geschichte nicht zurückdrehen um zu sehen, wie das letzte Jahrhundert ohne Hitler oder Stalin ausgesehen hätte.

Was mir durch Pinkers Buch wirklich zu Bewusstsein gekommen ist: Gewalt war früher Teil des Alltags, sie wurde akzeptiert und sogar verherrlicht: Krieg war noch 1914 ein "reinigendes Gewitter". Gefallene Soldaten waren früher Helden, heute sind sie eher Opfer des Krieges (OK, in den USA ist man noch nicht ganz so weit). Wir heute dagegen betrachten Gewalt generell als PROBLEM, auf allen Ebenen, privat wie zwischen Staaten. Kriege sind für uns furchtbar, und nur als ultima ratio, nicht mehr ganz normale "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln". Wir hier in Europa kennen auch nicht mehr die "Kultur der Ehre", wo echte MÄNNER ihre Konflikte noch unter sich regeln. Wer heute z.B. einen Nachbarschaftsstreit mit den Fäusten austrägt, wird nicht wie früher als einer bewundert, der sich nichts gefallen lässt, sondern er wird als "irgendwie gestört" verspottet, als halber Affe, der sich nicht unter Kontrolle hat. Wer sich beleidigt fühlt, zieht heute eher vor Gericht, anstatt die Sache mit Sekundanten im Morgengrauen zu erledigen.

Ich glaube, Pinker zeigt in diesem Buch sehr gut, dass wir, Statistik hin oder her, heute in einer weniger gewalttätigen Welt leben als unsere Vorfahren vor 100, 1000 oder 10000 Jahren.

Das Buch zu lesen lohnt sich auf jeden Fall. Man lernt unglaublich viel, und wird direkt zum Nachdenken angeregt. Mehr kann man nicht verlangen.
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49 von 62 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe
Als ein eher zum Pessimismus neigender Typ war auch ich natürlich skeptisch bis ablehnend: ein Rückgang der Gewalt im Verlauf der Geschichte ? Kann das sein ? Wir wissen doch alle, dass das 20. Jahrhundert das mit Abstand blutigste der Geschichte war, und dass das 21. auch schon schlecht angefangen hat, mit Terrorismus, Bürgerkriegen, Gewalt in der U-Bahn usw.
Und dann kommt da Steven Pinker, von Haus aus Psycholinguist, und behauptet, dieser Eindruck sei einer Art "historischen Kurzsichtigkeit" geschuldet. Seine These: Die Menschheitsgeschichte ist, was die Gewalt betrifft, eine Geschichte des Fortschritts. Und weil der Autor um die Skepsis seiner Leser weiß, versucht er jeden nur denkbaren Einwand vorwegzunehmen und mit hunderten von Statistiken und Graphiken zu entkräften.

Mein Eindruck ist: dieser Versuch ist gelungen. Allerdings, und dies ist eigentlich auch schon mein einziger Kritikpunkt, macht dieses Vorgehen nicht nur das Buch sehr dick, sondern den Text an einigen Stellen auch sehr detailverliebt. Der Autor ergeht sich manchmal in Darlegungen, die eher dazu führen, dass man als Leser den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht (so z.B. wenn er lang und breit die mathematischen Berechnungen erklärt, wenn es um die Frage geht, welche Kriege der letzten 200 Jahre auf der Gewalt-Skala wie zu gewichten sind). Aber diese Stellen sind die Ausnahme. Ansonsten liest sich das Buch flüssig und spannend.

Aber der Reihe nach. Steven Pinker macht sechs große positive Trends der Geschichte und der Gegenwart aus:
1. Einen Prozess der allg. Befriedung (= Pacification Process): der in Jahrtausenden zählende Übergang von der anarchischen Lebensweise der Jäger und Sammler hin zu den ersten größeren Gemeinwesen oder Staaten. Dieses Kapitel wird all denen nicht gefallen, die immer noch der weit verbreiteten romantischen Vorstellung anhängen, die Steinzeit sei, zumindest was die Gewalt betrifft, eine Art Garten Eden gewesen, aus welchem die Menschheit nach der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht vertrieben wurde. Pinker zitiert eine Reihe von Statistiken die belegen, dass die vorgeschichtlichen Menschen keineswegs die Edlen und friedlichen "Wilden" waren, und dass dieser Übergang mit einer etwa fünffachen Verringerung der Tötungsrate einherging (unter Männern, wohlbemerkt).

2. Einen Zivilisationsprozess (durchaus im Sinne von Norbert Elias), als Folge einer doppelten Steuerung der Individuen: einmal von außen, durch eine Konzentration und Stärkung der öffentlichen, d.h. staatlichen Gewalt, als auch von innen, durch vermehrte Aneignung von Normen ('Gewissen'). Auch vermehrter Austausch und vor allem Handel bewirkte Schritt für Schritt eine Zivilisierung des Umgangs der Menschen untereinander. Zudem outet sich Pinker hier auch als Anhänger von Thomas Hobbes: das zunehmende Gewaltmonopol des Leviathan hatte zur Folge, dass die Einzelnen ihre Konflikte nicht mehr unter Einsatz von Gewalt unter sich ausmachen mussten, sondern den Anderen verklagen konnten.

3. Einen Humanisierungsprozess: Beginnend mit der Aufklärung kam es nach und nach zur Verringerung oder gar Abschaffung bis dahin gängiger grausamer Traditionen, etwa der Folter von Verdächtigen, öffentlicher Hinrichtungen (je grausamer, desto besser !), Sklaverei, Hexenverfolgung, Gewalt gegen Kinder (die Tötung Neugeborener etwa war früher gang und gäbe, heute ist es ein monströses Verbrechen) und Gewalt gegen Tiere (die gibt es auch heute noch, aber wenns publik wird, ist die Öffentlichkeit entsetzt; früher war das nicht der Fall). Als treibende Kraft hinter dem Humanisierungsprozess mach Pinker die zunehmende allgemeine Bildung aus, die von den Eliten ausgehend nach und nach das einfache Volk erfasste: durch vermehrte Lektüre (Romane, Reiseberichte, Sachbücher...) lernten immer mehr Menschen, sich die geistige und emotionale Position Anderer anzueignen; zudem lernten sie, sich selbst quasi von außen zu betrachten, und so in Frage zu stellen (Wissenschaft!). Immer größere Bevölkerungsteile waren an einem allgemeinen Gedankenaustausch beteiligt, was wiederum dazu führte, dass man eigene Vorurteile hinterfragen musste.

4. Die vierte große Veränderung nennt Pinker den "Langen Frieden", und meint damit den Zeitraum seit dem Zweiten Weltkrieg, der insofern einzig in der Geschichte sei, als noch nie zuvor so lange die führenden Mächte der Welt keinen Krieg gegeneinander geführt haben. In diesem Kapitel kommt die schon erwähnte Mathematik voll zum Einsatz, etwa in der Frage, ob die beiden Weltkriege Teil eines Trends oder eher statistische "Ausreißer" (freak events) waren.
Fünftens glaubt der Autor seit dem Ende des Kalten Krieges einen Neuen Frieden ausgemacht zu haben. Dieses Kapitel hat mich nicht sonderlich überzeugt, denn die Zeit von 1989 bis heute ist m.E. zu kurz, um hier schon einen echten Trend feststellen zu können.

Sechstens schließlich die "Revolution der Rechte": in den letzten 200 Jahren wurden immer mehr Menschen und Gruppen Rechte zuerkannt, was es so vorher nicht gab: Angefangen bei den allgemeinen Menschenrechten, über die Rechte von Frauen, von Tieren, Kindern, bis hin zu Rechten von Minderheiten und Homosexuellen. Hier zeigt Pinker überzeugend, dass unser Eindruck, es gebe immer mehr Gewalt, vor allem von einer verstärkten, in manchen Bereichen sogar geradezu überzüchteten Sensibilität herrührt (siehe political correctness). Diese Sensibilität der Zeitgenossen ist ein Indiz dafür, dass die Gewalt seltener geworden ist.

Dieses Buch ist vollgestopft mit kurzen Einführugen und Darlegungen zu den unterschiedlichsten Gebieten: Konflikte in der Steinzeit; das Leben von Jägern und Sammlern vor 20.000 Jahren und heute ; die Entstehung der ersten Staaten ; Menschenopfer ; die Geschichte der Kindheit, der Sklaverei, der Folter, der Vergewaltigung ; die Ergebnisse der Spieltheorie ; die Bedeutung Immanuel Kants für die Rechtsdiskussion im 19. und 20 Jahrhundert ; Pluralistische Ignoranz und Konformismus und deren Bedeutung für Gewalt zwischen Gruppen ; Spiegelneuronen (und warum sie überschätzt sind) ; der Flynn-Effekt (d.h. insbesondere die abstrahierende Intelligenz nimmt seit 100 Jahren zu), und und und ... Dieses Buch ist geradezu ein Lesebuch der Geschichts-, Psycho- und Sozialwissenschaften, zusammengehalten durch das Thema Gewalt. Hier schreibt kein Fachidiot ein jargonlastiges Fachbuch für Fachkollegen, sondern wirklich ein umfassend gebildeter Wissenschaftler schreibt für alle, die das Thema Gewalt in all seinen Dimensionen (historisch, sozial, psychologisch) interessiert. Keine leichte Kost. Aber es lohnt sich ungemein.

Dies ist zudem ein im besten Sinne unzeitgemäßes Buch. Zeitgemäß wäre es, entweder im Stil des postmodernen Diskurses alle Seiten darzulegen, und sich dann auf eine scheinbar überlegene Position des Alles hängt von der Perspektive ab" zurückzuziehen. Oder gleich auf das zynische "Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast" . Pinker dagegen präsentiert sich in diesem Buch als engagierter Aufklärer und Humanist. Das wird die überraschen, die in ihm einen Vertreter der finsteren Soziobiologie sehen, welche bekanntlich behauptet, dass der Mensch von Natur aus böse sei (Stichwort Aggressionstrieb; Homo homini lupus), dass das immer so war und immer so sein wird. Pinker zeigt in diesem Buch sehr klar, dass der Homo sapiens selbstverständlich als ein biologisches Wesen eine Natur hat, dass aber zu dieser Natur nicht nur die "inneren Dämonen" (wie Gier, instrumentelle und ideologische Gewalt, Macht- und Dominanzstreben, Rachegelüste, Sadismus) zählen, sondern eben auch "The Better Angels of our Nature" (so der Originaltitel des Buches) : Empathie; die Möglichkeit zur Selbstkontrolle; ein Gefühl für Fairness und Moral und schließlich das Vernunftvermögen (wie unzeitgemäß ist es, dieses Wort überhaupt noch anders als ironisch zu verwenden !).

Und diese Besseren Engel sind es, die nach und nach den Fortschritt in Sachen Gewalt bewirkt haben, und ihn noch bewirken. Der in meinen Augen interessanteste Gedanke ist dabei der: Die Besseren Engel gehören seit zig-tausend Jahren zur menschlichen Grundausstattung. Warum aber gewinnen sie erst seit kurzem (seit etwa 500 Jahren) vermehrt Einfluss ? Pinker meint, dass der wichtigste Katalysator dieser positiven Entwicklung der reale und ideelle Umgang der Menschen miteinander gewesen sei. Eine fortschreitende Vernetzung der Gehirne, und die daraus resultierende Fähigkeit, von der eigenen Position (und - nicht minder wichtig - von der Position der eigenen Gruppe !) abstrahieren zu können (siehe das Kapitel über die Vernunft) verhalf und verhilft den Besseren Engeln unserer Natur zum Durchbruch.

Es ist ziemlich sicher, dass dieses Buch Wellen schlagen wird. Ich glaube zudem, dass es das Zeug zu einem Standardwerk hat, das alle gelesen haben sollten, die sich kompetent zur historischen Dimension der Gewalt äußern wollen. Bleibt nur zu hoffen, dass alle, die Pinker kritisieren wollen (was natürlich vollkommen legitim ist), dies auch auf seinem Niveau tun, und sich nicht darauf beschränken, mit Schlagwörtern wie "Soziobiologie" oder "Rosinenpickerei" um sich werfen. Und - ganz wichtig ! - dass sie vorher das Buch überhaupt gelesen haben. Und zwar ganz.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Hukrato
Format:Gebundene Ausgabe
Unter den Sachbuchautoren ist Steven Pinker unübertroffen. Hoch verständlich, präzise formuliert und strukturiert, unterhaltsam und intelligent, ohne Arroganz oder übertriebene Gewissheit. Die Freude, die er bei mir als Leser bereits mit The Blank Slate: The Modern Denial of Human Nature und How the Mind Works (Penguin Press Science) hervorgerufen hatte, setzte sich mit The Better Angels of Our Nature: The Decline of Violence In History And Its Causes fort.

Das Buch ist schnell zusammengefasst: Kapitel 2-7 dokumentieren den historischen Rückgang der Gewalt in den teilweise überlappenden Sequenzen Pazifizierung, Zivilisierung, Humanisierung, langer Frieden (nach 2. Weltkrieg), neuer Frieden (nach Kaltem Krieg) und Menschenrechte. Kapitel 8-9 behandeln gewaltfördernde (Prädation, Dominanz, Rache, Sadismus, Ideologie) und gewaltmindernde (Empathie, Selbstkontrolle, Moralität/Tabu, Vernunft) Elemente der menschlichen Natur. Das letzte Kapitel fasst fünf Trends zusammen, die den Rückgang der Gewalt bedingt haben: Leviathan, Handel, Feminisierung, Ausdehnung der moralischen Kreise, und Vernunft (Pinker nennt hier auch Faktoren, die nicht in einem klaren Zusammenhang mit Gewalt stehen: Waffentechnologie, Ressourcen und Macht, Wohlstand, Religion).

Den größten Teil des Buches machen die Kapitel 2-7 aus. Nach deren Lektüre war ich überzeugt, dass Menschen sich heute weniger Gewalt antun als vor 100 Jahren, vor 100 Jahren weniger als vor 1.000 Jahren, und vor 1.000 Jahren weniger als vor 10.000 Jahren. Diese Erkenntnis hatte ich, wie vielleicht der ein oder andere Leser, schon erahnt. Aus dieser Ahnung macht Pinker mit zwei Mitteln aber Gewissheit: Erstens mit den essenziellen Statistiken ("narratives without statistics are blind", S. 193), in deren dutzenden graphischen Repräsentationen die Trends von links oben (früher, mehr Gewalt) nach rechts unten (später, weniger Gewalt) verlaufen. Zweitens mit Beschreibungen zahlreicher Gewaltanwendungen in ihrer heute kaum mehr vorstellbaren Alltäglichkeit ("statistics without narratives are empty", S. 193). Mord, Krieg, Genozid, Folter, Verstümmelung, Vergewaltigung, aber auch weniger schwerwiegende Gewalt wie Unterdrückung/Ungleichberechtigung/Verfolgung von Andersgläubigen, Schwarzen, Frauen, Kindern, Schwulen, Tieren waren früher viel häufiger als heute. Dieser historische Trend ist umfassend und robust, was nicht heißt, dass in der Vergangenheit ein stetiger Rückgang zu verzeichnen war oder heute ein Nullpunkt erreicht ist. Pinker hält sich zudem fern von Prognosen (vgl. Future Babble). Zahlen und Beschreibungen von Greueltaten können natürlich keine 450 Seiten füllen. Die Kapitel sind durchsetzt mit hochinteressanten Diskussionen: Etwa zu den statistischen Eigenschaften von Kriegen, den relativen Beiträgen von Demokratie, Handel, oder Atomwaffen zum Frieden, gewaltsteigernden Gegenepisoden zu Aufklärung (Nationalsozialismus, Kommunismus), Pazifizierung (Entkolonisierung) oder Zivilisierung (1960er), oder zur höheren Gewaltrate in den USA verglichen mit Westeuropa. Hier ist sicherlich für jeden etwas dabei.

Kapitel 8-9 befassen sich mit der Wissenschaft der menschlichen Natur im Bezug auf Gewalt. Hier nimmt die Informationsdichte etwas zu, beispielsweise musste ich die Abschnitte über die beteiligten Hirnareale zweimal lesen. In den Kapiteln werden zahlreiche psychologische Experimente besprochen. Wenngleich es klare Belege für die Heritabilität von Gewalt gibt und wir alle Mechanismen für Gewaltausübung (und Gewaltverzicht) in uns tragen, bleibt die Ausübung von Gewalt ein Resultat der Umweltbedingungen; Zitat: "The violent inclinations of human nature are a strategic response to the circumstances rather than a hydraulic response to an inner urge" (S. 52). Pinker sieht keine überzeugenden Hinweise für eine kürzliche biologische Evolution des Menschen zu einer friedlicheren Natur, sondern macht stattdessen sich ändernde Umweltbedingungen verantwortlich.

In Kapitel 10 fasst Pinker die in den vorhergehenden Kapiteln bereits angeklungenen Erklärungsansätze für den Gewaltrückgang zusammen. Erstens reduzierte sich die Gewalt durch die zunehmende Konsolidierung der Staatsmacht. Wie ein Schiedsrichter steigert der Staat die Kosten gewalttätigen Verhaltens, indem er dieses Verhalten bestraft (im Zuge wird Gewaltverzicht als Norm internalisiert). Ein staatliches Gewaltmonopol steht in einer positiven Rückkopplung mit dem zweiten Faktor, dem Handel. Das gewaltreduzierende Potenzial von Arbeitsteilung und Handel ist vielleicht der von allen Faktoren am wenigsten anerkannte. Handel ist win-win, oder, in den Worten von Friedensforscher Nils Petter Gleditsch: "make money, not war" (S. 288). Der dritte Faktor ist die Feminisierung. Aufgrund fundamentaler biologischer Realitäten ist das weibliche Geschlecht weniger gewaltgeneigt als das männliche (abzulesen in jeder Kriminalstatistik). Der zunehmende Einfluss von Frauen bedeutet, dass primär männliche Nullsummenspiele um Status, Ehre, Dominanz und Ruhm abnehmen. Hinter dem vierten Faktor, der Ausdehnung moralischer Kreise, verbirgt sich das Hineinversetzen in Menschen anderer ethnischer Herkunft, Nationalität, etc. Ursachen sind für Pinker Druckpresse und sinkende Transportkosten (Verbreitung des Romans und anderer literatischer Werke) und später Massenmedien (globales Dorf). Bildung und Kosmopolitismus fördern auch den fünften Faktor, die Vernunft. Wissen und Vernunft erlauben es, sich der Realität zu nähern und sich damit von Aberglaube (z.B. Hexerei) und anderen schlecht gerechtfertigten Praktiken (z.B. Sklaverei) abzuwenden.

Pinker füttert seine Ausführungen mit vielen Veröffentlichungen der Kriminalistik, Anthropologie, Psychologie, Soziologie, Neurowissenschaft, Ökonomie, Geschichts- und Politikwissenschaft. Es gefällt, dass er große Theoretiker (Hobbes, Kant, Elias, etc) nicht einfach erwähnt, sondern sie quantitativ hinterfragt. Als Laie des Forschungsfelds Gewalt/Krieg kann man jedenfalls eine Menge lernen und weiteren Erkenntnishunger mithilfe des umfangreichen Literaturverzeichnisses stillen. Ob man Pinkers Ausführungen überzeugend findet oder nicht: die Lektüre des Buchs lohnt sich allein schon aufgrund der Fülle des zusammengetragenen und unterhaltsam vermittelten Wissens.
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