Als ein eher zum Pessimismus neigender Typ war auch ich natürlich skeptisch bis ablehnend: ein Rückgang der Gewalt im Verlauf der Geschichte ? Kann das sein ? Wir wissen doch alle, dass das 20. Jahrhundert das mit Abstand blutigste der Geschichte war, und dass das 21. auch schon schlecht angefangen hat, mit Terrorismus, Bürgerkriegen, Gewalt in der U-Bahn usw.
Und dann kommt da Steven Pinker, von Haus aus Psycholinguist, und behauptet, dieser Eindruck sei einer Art "historischen Kurzsichtigkeit" geschuldet. Seine These: Die Menschheitsgeschichte ist, was die Gewalt betrifft, eine Geschichte des Fortschritts. Und weil der Autor um die Skepsis seiner Leser weiß, versucht er jeden nur denkbaren Einwand vorwegzunehmen und mit hunderten von Statistiken und Graphiken zu entkräften.
Mein Eindruck ist: dieser Versuch ist gelungen. Allerdings, und dies ist eigentlich auch schon mein einziger Kritikpunkt, macht dieses Vorgehen nicht nur das Buch sehr dick, sondern den Text an einigen Stellen auch sehr detailverliebt. Der Autor ergeht sich manchmal in Darlegungen, die eher dazu führen, dass man als Leser den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht (so z.B. wenn er lang und breit die mathematischen Berechnungen erklärt, wenn es um die Frage geht, welche Kriege der letzten 200 Jahre auf der Gewalt-Skala wie zu gewichten sind). Aber diese Stellen sind die Ausnahme. Ansonsten liest sich das Buch flüssig und spannend.
Aber der Reihe nach. Steven Pinker macht sechs große positive Trends der Geschichte und der Gegenwart aus:
1. Einen Prozess der allg. Befriedung (= Pacification Process): der in Jahrtausenden zählende Übergang von der anarchischen Lebensweise der Jäger und Sammler hin zu den ersten größeren Gemeinwesen oder Staaten. Dieses Kapitel wird all denen nicht gefallen, die immer noch der weit verbreiteten romantischen Vorstellung anhängen, die Steinzeit sei, zumindest was die Gewalt betrifft, eine Art Garten Eden gewesen, aus welchem die Menschheit nach der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht vertrieben wurde. Pinker zitiert eine Reihe von Statistiken die belegen, dass die vorgeschichtlichen Menschen keineswegs die Edlen und friedlichen "Wilden" waren, und dass dieser Übergang mit einer etwa fünffachen Verringerung der Tötungsrate einherging (unter Männern, wohlbemerkt).
2. Einen Zivilisationsprozess (durchaus im Sinne von Norbert Elias), als Folge einer doppelten Steuerung der Individuen: einmal von außen, durch eine Konzentration und Stärkung der öffentlichen, d.h. staatlichen Gewalt, als auch von innen, durch vermehrte Aneignung von Normen ('Gewissen'). Auch vermehrter Austausch und vor allem Handel bewirkte Schritt für Schritt eine Zivilisierung des Umgangs der Menschen untereinander. Zudem outet sich Pinker hier auch als Anhänger von Thomas Hobbes: das zunehmende Gewaltmonopol des Leviathan hatte zur Folge, dass die Einzelnen ihre Konflikte nicht mehr unter Einsatz von Gewalt unter sich ausmachen mussten, sondern den Anderen verklagen konnten.
3. Einen Humanisierungsprozess: Beginnend mit der Aufklärung kam es nach und nach zur Verringerung oder gar Abschaffung bis dahin gängiger grausamer Traditionen, etwa der Folter von Verdächtigen, öffentlicher Hinrichtungen (je grausamer, desto besser !), Sklaverei, Hexenverfolgung, Gewalt gegen Kinder (die Tötung Neugeborener etwa war früher gang und gäbe, heute ist es ein monströses Verbrechen) und Gewalt gegen Tiere (die gibt es auch heute noch, aber wenns publik wird, ist die Öffentlichkeit entsetzt; früher war das nicht der Fall). Als treibende Kraft hinter dem Humanisierungsprozess mach Pinker die zunehmende allgemeine Bildung aus, die von den Eliten ausgehend nach und nach das einfache Volk erfasste: durch vermehrte Lektüre (Romane, Reiseberichte, Sachbücher...) lernten immer mehr Menschen, sich die geistige und emotionale Position Anderer anzueignen; zudem lernten sie, sich selbst quasi von außen zu betrachten, und so in Frage zu stellen (Wissenschaft!). Immer größere Bevölkerungsteile waren an einem allgemeinen Gedankenaustausch beteiligt, was wiederum dazu führte, dass man eigene Vorurteile hinterfragen musste.
4. Die vierte große Veränderung nennt Pinker den "Langen Frieden", und meint damit den Zeitraum seit dem Zweiten Weltkrieg, der insofern einzig in der Geschichte sei, als noch nie zuvor so lange die führenden Mächte der Welt keinen Krieg gegeneinander geführt haben. In diesem Kapitel kommt die schon erwähnte Mathematik voll zum Einsatz, etwa in der Frage, ob die beiden Weltkriege Teil eines Trends oder eher statistische "Ausreißer" (freak events) waren.
Fünftens glaubt der Autor seit dem Ende des Kalten Krieges einen Neuen Frieden ausgemacht zu haben. Dieses Kapitel hat mich nicht sonderlich überzeugt, denn die Zeit von 1989 bis heute ist m.E. zu kurz, um hier schon einen echten Trend feststellen zu können.
Sechstens schließlich die "Revolution der Rechte": in den letzten 200 Jahren wurden immer mehr Menschen und Gruppen Rechte zuerkannt, was es so vorher nicht gab: Angefangen bei den allgemeinen Menschenrechten, über die Rechte von Frauen, von Tieren, Kindern, bis hin zu Rechten von Minderheiten und Homosexuellen. Hier zeigt Pinker überzeugend, dass unser Eindruck, es gebe immer mehr Gewalt, vor allem von einer verstärkten, in manchen Bereichen sogar geradezu überzüchteten Sensibilität herrührt (siehe political correctness). Diese Sensibilität der Zeitgenossen ist ein Indiz dafür, dass die Gewalt seltener geworden ist.
Dieses Buch ist vollgestopft mit kurzen Einführugen und Darlegungen zu den unterschiedlichsten Gebieten: Konflikte in der Steinzeit; das Leben von Jägern und Sammlern vor 20.000 Jahren und heute ; die Entstehung der ersten Staaten ; Menschenopfer ; die Geschichte der Kindheit, der Sklaverei, der Folter, der Vergewaltigung ; die Ergebnisse der Spieltheorie ; die Bedeutung Immanuel Kants für die Rechtsdiskussion im 19. und 20 Jahrhundert ; Pluralistische Ignoranz und Konformismus und deren Bedeutung für Gewalt zwischen Gruppen ; Spiegelneuronen (und warum sie überschätzt sind) ; der Flynn-Effekt (d.h. insbesondere die abstrahierende Intelligenz nimmt seit 100 Jahren zu), und und und ... Dieses Buch ist geradezu ein Lesebuch der Geschichts-, Psycho- und Sozialwissenschaften, zusammengehalten durch das Thema Gewalt. Hier schreibt kein Fachidiot ein jargonlastiges Fachbuch für Fachkollegen, sondern wirklich ein umfassend gebildeter Wissenschaftler schreibt für alle, die das Thema Gewalt in all seinen Dimensionen (historisch, sozial, psychologisch) interessiert. Keine leichte Kost. Aber es lohnt sich ungemein.
Dies ist zudem ein im besten Sinne unzeitgemäßes Buch. Zeitgemäß wäre es, entweder im Stil des postmodernen Diskurses alle Seiten darzulegen, und sich dann auf eine scheinbar überlegene Position des Alles hängt von der Perspektive ab" zurückzuziehen. Oder gleich auf das zynische "Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast" . Pinker dagegen präsentiert sich in diesem Buch als engagierter Aufklärer und Humanist. Das wird die überraschen, die in ihm einen Vertreter der finsteren Soziobiologie sehen, welche bekanntlich behauptet, dass der Mensch von Natur aus böse sei (Stichwort Aggressionstrieb; Homo homini lupus), dass das immer so war und immer so sein wird. Pinker zeigt in diesem Buch sehr klar, dass der Homo sapiens selbstverständlich als ein biologisches Wesen eine Natur hat, dass aber zu dieser Natur nicht nur die "inneren Dämonen" (wie Gier, instrumentelle und ideologische Gewalt, Macht- und Dominanzstreben, Rachegelüste, Sadismus) zählen, sondern eben auch "The Better Angels of our Nature" (so der Originaltitel des Buches) : Empathie; die Möglichkeit zur Selbstkontrolle; ein Gefühl für Fairness und Moral und schließlich das Vernunftvermögen (wie unzeitgemäß ist es, dieses Wort überhaupt noch anders als ironisch zu verwenden !).
Und diese Besseren Engel sind es, die nach und nach den Fortschritt in Sachen Gewalt bewirkt haben, und ihn noch bewirken. Der in meinen Augen interessanteste Gedanke ist dabei der: Die Besseren Engel gehören seit zig-tausend Jahren zur menschlichen Grundausstattung. Warum aber gewinnen sie erst seit kurzem (seit etwa 500 Jahren) vermehrt Einfluss ? Pinker meint, dass der wichtigste Katalysator dieser positiven Entwicklung der reale und ideelle Umgang der Menschen miteinander gewesen sei. Eine fortschreitende Vernetzung der Gehirne, und die daraus resultierende Fähigkeit, von der eigenen Position (und - nicht minder wichtig - von der Position der eigenen Gruppe !) abstrahieren zu können (siehe das Kapitel über die Vernunft) verhalf und verhilft den Besseren Engeln unserer Natur zum Durchbruch.
Es ist ziemlich sicher, dass dieses Buch Wellen schlagen wird. Ich glaube zudem, dass es das Zeug zu einem Standardwerk hat, das alle gelesen haben sollten, die sich kompetent zur historischen Dimension der Gewalt äußern wollen. Bleibt nur zu hoffen, dass alle, die Pinker kritisieren wollen (was natürlich vollkommen legitim ist), dies auch auf seinem Niveau tun, und sich nicht darauf beschränken, mit Schlagwörtern wie "Soziobiologie" oder "Rosinenpickerei" um sich werfen. Und - ganz wichtig ! - dass sie vorher das Buch überhaupt gelesen haben. Und zwar ganz.