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Emile M(ichel) Cioran,: mit rumänischem Namen Emil Mihai C., * 1911 in Rèõinari bei Sibiu (Hermannstadt) im ungarischen Teil der Habsburgermonarchie, heute Rumänien, + 1995 in Paris.
Indem er sich gegen jede Form von Systemen wendet, spricht er einem Individualismus das Wort, das erst im entgrenzten Erleben zu sich selbst findet. Auch wenn C.s Leben und Werk tiefe mystische Züge tragen, entscheidet er sich zwischen den zwei Möglichkeiten, der Verzweiflung angesichts der Erkenntnis philosophisch zu entkommen: der Mystik und dem Skeptizismus, für den letzteren. Dieser Schritt kommt für ihn einem »Erkennen ohne Hoffnung« gleich. Dabei richtet sich sein Skeptizismus nicht allein gegen Sprache, Philosophie, Geschichte und Religion, sondern in einem beinahe selbst zerstörerischen Duktus auch gegen sich selbst. Im Laufe der Jahre entwickelt sich C.s Philosophie auf eine stoische Position zu, deren Mittelpunkt die Beschäftigung mit dem von Leid, Tod und dem Bösen geprägten Dasein des Menschen bildet. Aufgrund seiner Ideen und seiner eigenwilligen Persönlichkeit kann C. als bedeutendster Skeptiker und radikalster Kulturkritiker des 20. JH angesehen werden.
Wohin bewegt sich der Mensch? Strebt er einem bibel-ähnlichen Paradies entgegen, dem er dem christlichen Mythos nach einst entsprungen sein soll, wo er sich aber zu Tode gelangweilt und deswegen "eine wirkliche Sehnsucht nach der Hölle" (S.62) entwickelt hat?
In "Gevierteilt" geht Cioran dieser Frage nach und präsentiert dem Leser seine bitter schmeckende Antwort: Unaufhaltsam bewegt sich der Mensch auf das Ende des geschichtlichen Prozesses, also seinen Untergang, zu. "Wir können die Ewigkeit nur begreifen, indem wir alles Vergängliche, alles, was für uns zählt beseitigen." Eben, auf die Erde geworfen mit dem Zwang zu entscheiden, ist der Mensch verurteilt, zur Tat und zum Wagnis. Diese kann er nur erreichen, wenn er den Zuschauer in sich erstickt. So wie alte Nationen und Kulturen sich in einer herrlichen Erstarrung haben feiern lassen können, ist der moderne Mensch aus der langsamen Geschichte in eine keuchende katapultiert. Von den guten Dingen innerhalb der Zeit wird er nahezu nichts mehr haben, er wird sich vor "neuen Trugbildern niederzuwerfen" haben. Den Vorwurf der fatalen Schläfrigkeit, den die griechische Antike noch abbekam, wird die moderne Welt nicht mehr erhalten. Im Gegenteil, sagt Cioran: "Bald wird in Gärten der ganzen Welt die Schlussstunde schlagen."
In "Der Memoiren-Freund" findet er den Zusammenhang von Verstand und Gefühl und wünscht, dass niemand die Erfahrung machen werde: "den Verlust des Gefühls und den Schmerz, es nicht entbehren zu können." Denn der souveräne Verstand lehnt sich gegen alle Werte auf und führt zum "Verlust des Gefühls".
"Was uns zugrunde richtet, nein, was uns zugrunde gerichtet hat, ist der Hunger nach einer Bestimmung, nach einem Schicksal; und wenn uns diese Schwäche, dieser Schlüssel des geschichtlichen Werdens, ruiniert hat, wenn sie uns zunichte gemacht hat, so hat sie uns gleichzeitig gerettet, indem sie uns am Zusammenbruch Geschmack finden ließ und den Wunsch nach einem Ereignis weckte, das alle Ereignisse überragen würde, nach einem Schrecken, der alle Schrecken überragen würde." (S.47) Man kann daraus nur folgern, Überlebensstrategien sind einzustellen. Und so folgt die "Dringlichkeit des Schlimmsten", nämlich die Schöpfung völlig unter Kontrolle zu haben, aber eben mit dem Wissen, "je mehr Macht der Mensch erwirbt, desto verwundbarer wird er." Leben ist eben für Cioran nur eines: die Vorbereitung auf den Untergang. Und so sind die aphoristischen "Ansätze zum Taumel" zu verstehen. Einige Beispiele:
"Wenn der Tod nicht eine Art Lösung wäre, hätten die Lebenden gewiss irgendeinen Weg gefunden, ihn zu umgehen."
"Ein Buch muss Wunden aufwühlen, sogar welche verursachen. Ein Buch muss Gefahr sein."
"Der Tod ist der Zustand der Vollkommenheit, der einzige, der für einen Sterblichen erreichbar ist."
"Im Zoo. - Alle Tiere benehmen sich zurückhaltend, außer den Affen. Man spürt, dass der Mensch nicht fern ist."
Cioran pflegt den starken und übertriebenen Nihilismus. Er prägt das Leichte des Sterbens, des Nicht-Seins und den Selbstmord. er regt damit an, und zwar den inneren Widerspruch, des Ausrufs, des möglichen Schreis, dass es so nicht geht. Und somit hilft er zum Leben durch Widerspruch.
Lesen Sie die anderen Bücher ((Rezensionen, Der Absturz in die Zeit, Die verfehlte Schöpfung; Vom Nachteil, geboren zu sein). So erhalten Sie einen kleinen Vorgeschmack auf große Wortkunst im kritischen Skeptizismus.