Was sollte anderes dabei herauskommen, wenn Amerikaner ihre nationale Selbstzerfleischung auf die Leinwand bringen?
Kurzum, dies ist ein optisch überwältigender Film, der atmoshärisch eine unglaubliche Dichte aufweist. Die Detailzeichnung der handelnden Personen auf beiden Seiten - Konföderierte wie Unionisten - geschieht mit viel Herzblut und hält sich, auch assoziativ angelegt, so nah als möglich an die historischen Quellen und bildlichen Vorlagen.
Das Anwachsen der Schlacht von Gettysburg über drei Tage, beginnend mit den ersten Scharmützeln von John Bufords Unionskavallerie am ersten Tag, weiter über John Bell Hoods Angriff durch das Weizenfeld und die Pfirsichplantage auf das "Teufelsloch" und Chamberlains Verteidigung des "Little Round Top" am zweiten Tag und schließlich das furiose Crescendo des Scheiterns von Picketts Angriff auf Cemetary Ridge an Tag 3. Alles immer mit dem Für und Wider auf beiden Seiten, den Selbstzweifeln der Protagonisten und den allzuoft in solchen Konflikten vergessenen persönlichen Geschichten wie z.B. Amistads Bibel und seiner langjährigen Freundschaft zu Hancock, der jetzt auf der anderen Seite steht.
Als brillant ist neben der gewaltigen Filmmusik das Casting der Schauspieler zu bezeichnen. Wer sich die Mühe macht in der Literatur nach zeitgenössischen Fotografien oder Zeichnungen der originalen Hauptakteure zu suchen, der wird die Schauspieler in "Gettysburg" ohne allzugroße Mühe wiedererkennen, was auch bereits im Vorspann ansatzweise gegenwärtig wird.
Wenn überhaupt etwas an diesem Film schade ist, dann dass einige Hauptakteure in geschichtlicher Perspektive vielleicht etwas eindimensional wirken. So findet das den gesamten Sezessionskrieg überdauernde unvergleichliche strategische und taktische Genie von Robert E. Lee kaum Erwähnung und er wird mitunter als leicht starrköpfig und uneinsichtig gezeichnet. Auch die Tatsache, dass Longstreet tatsächlich bis zum Ende des Krieges zwar Lees verläßlichster General blieb, sein Name aber gerade wegen Gettysburg bis heute in den Südstaaten nur mit Verachtung ausgesprochen wird, weil er sich im Anschluss an die Schlacht vor seinen Vorgesetzten Lee stellte und, um dessen Integrität zu wahren, die Schuld für die Niederlage auf sich nahm, findet keine Erwähnung. Dagegen erscheint der konföderierte Kavalleriegeneral James Ewell Brown (JEB) Stuart aufgrund mangelhafter Aufklärung als einer der Hauptschuldigen für das Desater von Gettysburg, obwohl er ohne Zweifel einer der effektivsten Kommandeure der Südstaaten war; der zwar hin und wieder an seinem eigenen Ego scheiterte aber dessen Name noch heute beispielsweise in Texas hoch angesehen ist.
Abschließend eine Empfehlung: Wer des Englischen halbwegs mächtig ist, sollte sich "Gettysburg" im enlischen Original - zur Not auch mit Untertiteln - ansehen. Der absolut zeitgemäße Idiom und das mitschwingende Pathos vom "Glauben an die gerechte Sache" verdichten das Sinnenerlebnis weiter, zumal die deutsche Sychronisierung - vermutlich in Unkenntnis der originalen Textpassagen - das eine oder andere Shakespeare-Zitat glatt verschluckt oder lediglich rudimentär zurücklässt.
Alles in allem bietet "Gettysburg" ein monumentales 4-Stunden-Erlebnis, was vor dem Hintergrund der atmosphärischen Konservierung undingt an einem Stück genossen werden sollte.
Ein gigantischer Film, der als erster seiner Art an den Originalschauplätzen gedreht wurde und die Zerreißprobe der jungen Nation Amerika in opulenten Bildern in Szene setzt.