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Viele der 13 Songs lagen seit Mitte der Neunziger unfertig herum, wie etwas "Soul Searchin'", noch mit dem verstorbenen Bruder Carl eingesungen. So klingt es auch wie eine emotionale Aussöhnung und Heilung alter Wunden. Ein lang gehegter Traum erfüllte sich für Brian Wilson, als er drei seiner größten Rockheroen für dieses Album gewinnen konnte. Elton John singt auf der Opening-Nummer mit Ohrwurm-Charakter "How Could We Still Be Dancin'" mit ihm im Duett und sitzt am Piano. Da leben Surf-Zeiten und College-Party-Stimmung wieder auf. Eric Clapton griff für den "City Blues" mit Rock-'n'-Roll-Bläsern zur Gitarre, und das romantische "A Friend Like You" ist für und mit Paul McCartney entstanden.
Zwischen langsamer Dance-Craze wie "Make A Wish" und dem verhaltenen Teenie-Drama "Rainbow Eyes" in Moll mit Cello verblüfft der Altmeister und Erfinder vielschichter Harmonien auch wieder mit ungewöhnlichen Arrangements. Wieso Kraftwerk ihn als größten Einfluss ihrer Musik nennen, hört man auf "Desert Drive", wenn zu filigranem Glockenspiel schräge Hammerakkorde der Keyboards monotones Autogehupe imitieren. Und "The Waltz" mit Schiebergeige im Western-Stil betont Wilsons Wurzeln in der amerikanischen Musikgeschichte ganz leichtfüßig. Animiert zum Mitsingen, ist aber weitaus nicht so leicht, wie man anfangs denkt. --Ingeborg Schober
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Und so stelle ich nach etlichem Durchhören fest: Wirklich (vom Songwriting) das Beste, was Brian Wilson seit 1988 (und die Beach Boys seit "Sunflower" 1970) veröffentlicht hat. Das Songwriting ist superb - jeder Song birgt mindestens eine Hookline, von der viele andere Künstler in ihrem Lebenwerk allenfalls einmal träumen dürften. Aber an Brian Wilson werden besondere Maßstäbe gesetzt. Würde Brian doch nur endlich seine Wondermints den Großteil des Gesangs übernehmen lassen (wie auf der phänomenalen "SMILE"-Tour 2004) und an einigen Stellen an der Instrumentierung sparen (Was hätte Rick Rubin aus diesem Album gemacht?), dann würde diese Scheibe vielleicht die verdiente Würdigung erfahren. So bleibt Fans wie mir wieder nur, sich den Rest im Kopf dazu zu denken, und diejenigen zu bedauern, die keinen Zugang zur einzigartigen Qualität dieser Songs finden. Checkt diese unglaublichen Harmonien an, die entschädigen alles!
Dies ist zweifelsohne richtig, denn bei den Songs dieses Albums handelt es sich um Songmaterial, welches in den letzten 20 Jahren geschrieben worden ist und für dieses Album in zum Teil neuen Versionen wieder verwendet wurde. Es ist dadurch ein sehr HETEROGENES Album geworden: „How Could We Still Be Dancing" (mit Elton John) und „Desert Drive" erinnern an die grossen Stücke der „Beach Boys", der Titelsong „Gettin'In Over My Head", „Rainbow Eyes" oder „Don't Let Her Know She's An Angel" können locker mit den wunderschönen Liedern des „Pet Sounds"-Albums mithalten, das soulige, anrührende „Soul Searchin'", welches den Gesang von Brians grossartigem, 1998 verstorbenen Bruder Carl Wilson enthält, neben Brian der beste Sänger der „Beach Boys", sollte auf einer zukünftigen „Best-Of" nicht fehlen. Lieder wie „Saturday Morning In The City" oder „The Waltz" (geschrieben mit dem legendären „Smile"-Lyriker Van Dyke Parks) zeigen Brian Wilsons Sinn für Humor und den Mut zur Selbstparodie, welcher uneingeweihten Zuhörern entgehen kann, vor allem letzteres „The Waltz" hat einen besonders sarkastischen Text. Übrig bleiben „You've Touched Me", ein seiner Ehefrau Melinda gewidmetet (zugegebenermassen geschmäcklerisches) Liebeslied, das rockige „City Blues" mit Eric Clapton an der Gitarre, „A Friend Like You" mit Paul McCartney (wobei nicht der Song selbst, sondern alleine die Tatsache, dass er überhaupt zustande gekommen ist, zählt, wenn man das Verhältnis von McCartney und Wilson kennt), das weltverbesserische "Make A Wish" sowie das glatte, aber anrührende „Fairy Tale", in welchem Wilson in verklausulierter Märchen-Lyrik über die Bezwingung seiner Geisteskrankheit in den 70ern und 80er singt.
Obwohl dieses Album, wie bereits erwähnt, über keinen „roten Faden" verfügt, welcher den unerfahrenen Wilson-Hörer beim ersten Reinhören sicher verstören dürfte, erkennt man doch durchgehende Motive: Lebensbejahung, Optimismus, Sehnsucht nach Unschuld und Kindlichkeit. Bei Wilsons Biographie kein Wunder. Dennoch sind diese Themen sicherlich in der heutigen Musiklandschaft nicht „markttauglich" oder „kommerziell".
Gleichzeitig wird gerade durch die Unterschiedlichkeit der einzelnen Songs die musikalische Vielfalt Wilsons aufgezeigt: „Beach Boys"-Fröhlichkeit, „Pet Sounds"-Introvertiertheit, „Smile"-Humor und Experimentierfreude und „Imagination"-Kommerzialität mit gelgentlichem Hang zur Süsslichkeit und knappem Vorbeischrammen am Kitsch. Dies alles macht Brian Wilson, deswegen könnte das Album auch „The Many Sides Of Brian Wilson" heissen.
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