Während über den Wert der Berliner Mauer als Denkmal schon viel diskutiert wurde, ist die (ehemalige) Grenze, die sich zwischen 1952 und 1989 zunehmend unüberwindbarer durch Deutschland zog, und deren Nutzung für Zwecke historischer Erinnerung vor und nach 1989 bislang kaum in den Blick der breiteren Öffentlichkeit gerückt. Die Untersuchung von Maren Ullrich überwindet dieses Forschungsdesiderat auf beispielhafte und gelungene Weise, insofern sie den früheren Grenzraum von 1.393 Kilometer Länge als Gedächtnislandschaft erkundet, inventarisiert und deutet. Annähernd 300 Phänomene der Geschichts- und Erinnerungskultur hat die Oldenburger Kunsthistorikerin während einer Spurensuche im Gelände erfasst und zum Thema ihrer Doktorarbeit gemacht, deren Erarbeitung von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mit einem Stipendium gefördert worden ist. Unter Berücksichtigung der historischen Tatsache, dass die Grenzbefestigungen vom Westen her uneingeschränkt betrachtet werden konnten, im Osten dem zivilen Blick aber weitestgehend entzogen waren, hat sie nicht die Grenze selbst, sondern deren Darstellung in Denkmälern, Fotografien und Kunstwerken untersucht.
Der erste Teil des Buches beschäftigt sich mit der Frage, wie die Grenze zu Zeiten der deutschen Teilung gedeutet wurde. Während Stacheldraht und Schießbefehl im Westen die Menschenverachtung der SED-Herrschaft verkörperten, galt der „antifaschistische Schutzwall“ in der Propaganda des Ostens als Garant der DDR und des Friedens im Kalten Krieg. Im Gebiet beiderseits der Grenzlinie inszenierten sich sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR als das jeweils „bessere Deutschland“. Um das Grenzregime der DDR anzuklagen, wurden im westdeutschen „Zonenrandgebiet“ seit den 1950er Jahren von ganz unterschiedlichen Initiatoren Mahnmale, Skulpturen und Gedenksteine errichtet. Anfang der 1960er Jahren betrieben Bund und Länder den Ausbau einer touristischen Infrastruktur mit Informationsangeboten und Aussichtspunkten am Grenzverlauf. Aus erhöhter Position wurde der Blick von der „Freiheit“ in die „Unfreiheit“ eingeübt, der sich auch in Filmen und Fotos nachweisen lässt und die Geschichtsdeutung auf der Ebene des Visuellen bis heute prägt. Aus den 1970er und 1980er Jahren datieren schließlich jene Denkmäler, deren Initiatoren das Schicksal der Grenztoten dem offiziellen Kurs der Entspannungspolitik entgegenhalten wollten.
Im Gegensatz zur Vielfalt westdeutscher Monumente standen im abgeriegelten Grenzgebiet der DDR ausschließlich Denkmäler, die die Toten aus den Reihen der Grenztruppen zu Helden im Kampf gegen den westlichen Imperialismus erhoben. „Maren Ullrichs Buch ist schon deshalb ein Verdienst, weil es durch die Dokumentation der Darstellungen an und von der Grenze zeigt, welcher Geist im geteilten Deutschland des Kalten Krieges vorherrschte“, heißt es zurecht in einer Rezension von Deutschlandradio Kultur.
Im zweiten Teil ihres Buches zeigt Maren Ullrich die vielseitigen Bemühungen, die seit 1989 im Verschwinden begriffene Grenze zu musealisieren und im Rückgriff auf materielle Spuren und Reste Gedenkorte oder Kunstwerke zu etablieren. Die Darstellung der unterschiedlichen, oft konträren Deutungen des historischen Ortes durch Naturschützer, Ausstellungsmacher, Bildhauer und Landschaftskünstler liefert nachhaltige Einblicke in die Dynamiken des Wandels und der Umdeutung historischen Erinnerns. Es geht in ihrem Buch somit nicht um die Erfassung der materiellen Spuren in ihrer Vollständigkeit, sondern um Fragen der Auswahl und der Wertung. Welche baulichen Überreste der Grenzbefestigung fließen wann und auf welche Art und Weise in die gesamtdeutsche Erinnerungskultur ein, welche tauchen gar nicht erst auf, welche erlangen symbolische Bedeutung, welche verschwinden wieder? Gegenstand der Betrachtung sind damit subjektive Rekonstruktionen, die sich in Form von gewollten, aber auch absichtslosen Denkmälern und anderen Phänomenen der materiellen Kultur in einer Landschaft objektiviert haben. Indem sie die Bild- und Formtraditionen vergegenständlichter Erinnerung herausarbeitet, gelingt ihr eine Reflektion der latenten Erinnerungs- und Gedächtnisinhalte, die sich jenseits der manifest geäußerten Anliegen der Akteure bewegen. Maren Ullrich macht in ihren Analysen deutlich, wie sowohl die westdeutsche Sicht auf die Grenze als auch Bilder der Berliner Mauer unsere Vorstellung von der deutsch-deutschen Grenze bis heute prägen und kommt zu dem Ergebnis, dass in der öffentlichen Erinnerungskultur die ostdeutsche Perspektive weitgehend verloren gegangen ist.