Johann Wolfgang von Goethe ist einer der bekanntesten Persönlichkeiten des frühen 19. Jahrhunderts und fast allen Deutschen wie auch Europäern ein Begriff, selbst in Übersee ist er bei gebildeten Schichten bekannt. Goethe steht für vieles, und vieles wurde mit ihm und Schiller gern verknüpft. Doch Goethe steht auch für eine Gastlichkeit, welche wieder Einzug halten sollte in den deutschen Haushalt. Er war es, der unkonventionelle Rezepte an seinen Gästen ausprobierte und den Mächtigen seiner Zeit auch gerne einmal die gut bürgerliche Küche vorsetzte.
Autorin Sybil Gräfin Schönfeldt hat es in ihrem Buch "Gestern aß ich bei Goethe" geschafft, die Kindheit und Jugend Goethes in seinem Elternhaus plastisch zu machen. Die Eltern führten ein "Kassabuch", und somit kann man genau nachvollziehen, was und wie viel zu welchem Preis eingekauft wurde. Goethes Kindheit bestand aus barocker Gastlichkeit, Teller und Becher waren noch aus Zinn. Es gab keine Elektrizität, keine Rührgeräte und auch keinen Edelstahl - alles war Handarbeit und aufwendig, und doch entbehrten die Tafelfreuden der damaligen Zeit keinen Genuss und waren immer eine Augenfreude.
Die Beeinflussung Johann Wolfgang von Goethes durch seine Großmutter, insbesondere bei den Speisen, wird deutlich, wenn man Auszüge aus dem Kochbuch der betagten Dame liest. Auch das Elternhaus war eine Wiege der Inspiration für den jungen Goethe. Über die Jahre zu Hause, den Jahren bei Hofe in Weimar, und über die Erfahrungen Goethes aus seiner Zeit in Italien lässt sich viel ablesen, woraus Johann Wolfgang von Goethe seine Inspirationen zum Kochen bezog und warum er oft andere Wege ging. Seine Gastlichkeit in den eigenen vier Wänden, in denen er Essen als Entspannung ansah, über die Gastlichkeit, der er unterwegs begegnete, bis hin zu seiner Wandlung in Punkto Essen in den späten Jahren, in denen auch seine Schokoladenempfänge bekannt und berüchtigt waren, schließt sich der Reigen mit über 80 Rezepten aus dem Hause Goethe, von denen so gut wie alle nachkochbar sind und auch Inspiration bieten, wie zum Beispiel seine "Geburtstagsschlange".
Das Buch "Gestern aß ich bei Goethe" wendet sich an interessierte Leser, die mit Goethe bereits etwas anfangen können, und die auch eine gewisse Liebe zu der damaligen Zeit haben sollten, denn das Buch basiert ja auf einem Zeitabschnitt der längst vergangen ist. Es wird viel um diese Zeit, die damaligen Verhältnisse - politische wie auch gesellschaftliche - geschrieben, und erst dieses Wissen vermittelt uns eine Möglichkeit, die Küche und die Gastlichkeit Goethes zu verstehen. Sybil Gräfin Schönfeldt hat in mühevoller Detailarbeit alle Informationen zusammengetragen, welche nun dieses einzigartige und schöne Buch ergeben, welches Gastlichkeit und Kochen so detailgetreu im Hause Goethe widerspiegelt. Es erfreut den Leser, einen so sinnenfrohen Goethe zu erleben, welcher auch weiß, wie wichtig Essen und Trinken für den Zusammenhalt der Seele ist. Ein Goethe, wie ihn viele bestimmt noch nicht kennen gelernt haben!