Obwohl "Gestern-Heute Morgen" mit 21 Titeln ein wahrlich umfangreiches Album wurde, hätte zu dem Konzept des Werkes das Format Doppel-Album noch besser gepaßt. Bei einer so außergewöhnlich langen und erfolgreichen Karriere wie der von Udo Jürgens (erste Single 1954!), ist die Idee alte Lieder bis auf das Skelett der Komposition und des Textes abzuklopfen und völlig neu zu arrangieren, sie so neu zu entdecken und in einigen Fällen sogar fast neu zu erfinden ganz und gar nicht verächtlich. Es handelt sich keineswegs einfach nur um einen Aufguß von alt bewährtem aus Ideenlosigkeit. Er greift gerade nicht auf die großen Hits zurück, sondern hat nach alten Liedern gesucht, die aus unterschiedlichsten Gründen nach wie vor Relevanz haben, wichtig waren, wichtig sind und garnierte sie mit neuen Zugaben und Zutaten. Von den 21 Titeln des Albums sind 13 Neuaufnahmen (Neudeutsch: Remakes), acht Stücke sind komplett neu für "Gestern-Heute-Morgen" entstanden. Allein fünf dieser neuen Stücke sind hochwertige, wundervolle Garnitur mit jeweils nur einer ungefähren Minute Spielzeit. Doch trotz der Kürze sind es eigenständige Kurzlieder, zwei davon intrumental im Thema des Titelsongs (ein kraftvolles Orchester-Opening und ein stilles Intermezzo) und die drei textlich und musikalisch vom Lied "Gestern-Heute-Morgen" abweichenden Zwischenstücke "Gestern", "Heute" und "Morgen". Jedes funktioniert inhaltlich auch für sich alleinstehend sehr gut, wenn auch nur sehr kurz, sie sind eben Bindeglieder und Wegweiser die durch das Album führen. Hinzu kommen gänzlich neu der erwähnte dynamische Titelsong, das gewaltige, groß orchestrierte Deutsch-Englische Duett mit Jocely B. Smith "Never give up" und die augenzwinkernde Piano-Ballade "Nichts als Unsinn im Sinn".
Bei den 13 Wiederentdeckungen könnte man nun lange über die Auswahl lamentieren. Mir persönlich gefällt sie, anderen vielleicht nur teilweise und jeder Fan würde wohl eine andere Liste anfertigen und selbst die dann von Tag zu Tag, je nach aktuellen Befindlichkeiten und Prioritäten im Leben, wieder und wieder ändern. Als das Album 1996 erschien, hatte Udo Jürgens bereits ungefähr 600 Lieder veröffentlicht, wie soll man da auswählen? Die vorliegenden Auswahl ist gut, aber wie eingangs erwähnt, ein Doppel-Album hätte ein tieferes Graben im Archiv zugelassen. Herausheben möchte ich aus den Neueinspielungen nur die, die ich für ganz besonders wertvoll halte. Da wäre "Wer hat meine Zeit gefunden?" - Ein federleichtes Stück das bittersüß, gleichsam fröhlich und melancholisch den unermeßlichen Wert von Zeit, Lebenszeit beschreibt. Suptil, ohne moralischen Zeigefinger mahnt es Zeit nicht einfach zu vertun, am Wegrand liegenzulassen, denn der Tag kommt ganz sicher, wo man all die vergeudeten Stunden und Minuten gern einsammeln würde, um sie mit Leben zu füllen. Ein tolles Lied, im (immernoch sehr schönen) Original auf dem Album "Zeig mir den Platz an der Sonne" aus 1971, hier frisch im Sound der Neunziger. Wunderbar ist auch die Total-Restauration von "A little nearer to heaven" aus dem phantastischen '81er Album "Leave a little love". Nach 15 jahren bekam das Lied einen neuen, sehr poetischen deutschen Text, so wurde daraus "Champagner regnet vom Himmel". Doch nicht nur das, neben modifiziertem Arragement setzt Udo Jürgens dem Lied ein fast einminütiges neukomponierties Intro nebst Text auf, was der Neuaufnahme eine deutlich größere Dimension gibt, als Udos eigenem englischen Original 15 Jahre zuvor.
Ich will nun nicht jede Neueinspielung kommentieren. Allesamt sind gelungen, mindestens gut, einige genial, "Tausend Jahre sind ein Tag" und "Ich glaube" sind einfach überwältigend! Ob einem "Sag ihr, ich laß sie grüßen" im 90er-Disco-Sound gefällt, muß jeder selbst entscheiden. Ich mag dieses frische Arragement dieser Einspielung, wie auch das 1963er Original im "Sinatra-Anzug", kann aber verstehen, wenn einigen die Umwandlung zu weit ging. Abschließend herausheben will ich das einzigartige "Einmal, wenn Du gehst". Wohl eines der besten, der einfühlsamsten Lieder, was je über das aufrechte Auseinandergehen ohne Haß, das schmerzvolle, doch vorwurfsfreie Eingestehen des Scheiterns einer Liebe, geschrieben wurde. Im Original mit Judy Cheeks 1977 schon ein beeindruckendes, kraftvolles "Gänsehaut-Lied", in der (textlich leicht veränderten) Neuaufnahme mit voller Big-Band und lassig coolem Computer-Groove im Hintergrund und neuer Duett-Partnerin Yvonne Moore noch etwas intensiver. Allein dieses Liedes wegen, möchte ich das Album nicht missen.