Nachts träumen die Menschen ihre Geschichten. Diese Nachtgeschichten erzählt der berühmte portugiesische Schriftsteller António Lobo Antunes in seinem neuen Roman "Gestern in Babylon hab ich dich nicht gesehen". Einer Reihe großer Romane (u. a. "Das Handbuch der Inquisitoren" und "Fado Alexandrino") fügt der schon seit vielen Jahren literatur-nobelpreis-verdächtige Autor einen weiteren, sehr bedeutenden Roman hinzu.
Es mag etwas damit zu tun haben, dass Lobo Antunes Medizin studiert hat und mehrere Jahre eine Psychiatrische Klinik in Lissabon geleitete hat. Denn über weite Strecken liest sich sein neues Buch wie die Protokolle eines Psychiaters - und ist doch ganz große Prosa.
Lobo Antunes macht es allerdings dem Leser nicht leicht, sich einzulesen in eine Nacht zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens. In eine Nacht, in der niemand schläft, in eine Nacht voller Träume und Albträume. Verschiedene Menschen in Lissabon, in Évora, in Estremoz geben sich Gedanken und Wachträumen hin, Kindheitserinnerungen, Versehrungen und unerfüllten Begierden. Wie die Träume sind auch die Träumenden engmaschig miteinander verstrickt: zwei Ehepaare, eine Tochter, Verwandte und Kollegen, Polizisten und Mitglieder einer ehemaligen Geheimdienstorganisation. Sie alle träumen von Mord und Selbstmord, von Betrug, Verrat und Verschweigen. Und jeder Art von Schuld. Jeder/jede hat eine eigene Version von Geschichten und Ereignissen. Und doch trifft sich alles wieder in einer einzigen großen Geschichte, die da Portugal heißt. Für dieses Portugal steht das Bild von "Babylon" (den Titel des Romans leiht sich Lobo Antunes von einer Tonscherbe aus der Zeit 3000 v. Chr.), wo man sich gestern nicht und überhaupt nicht gesehen hat, aber auf seltsame Weise voneinander weiß.
Ein verwirrendes Spiel, eine großartige Erzählung, die Lobo Antunes vorgelegt. Er erzählt im Rhythmus der Nacht, mäandernd, oft gebrochen, in surrealen Bildern, voller Überraschungen: von der Nacht des Einzelnen und der Nacht Portugals, aber auch von unser aller Nacht. Und über allem liegt eine tiefe Melancholie, das was wir spätestens seit Fernando Pessoa, des großen Vorgängers von Lobo Antunes als "Saudade", dieser typisch portugiesische Lebenshaltung, kennen. So steht dieser Roman ganz eindeutig in der Tradition einer langen portugiesischen Literatur - und ist doch ein sehr eigenständiges, faszinierendes Werk.