Gestatten: Elite - Auf den Spuren der Mächtigen von morgen heißt das Buch von Julia Friedrichs, die mir vorher nur durch ihr erfolgreiches Einschleichen bei McKinsey bekannt war. Ein Titel, der mich sicher nicht zum Kaufen angeregt hätte, doch meine Schwester kaufte es sich für unseren Sommerurlaub, und da meine eigene Schule oft als Eliteschule bezeichnet wird, interessierte mich das Thema naturgemäß sehr. Und anscheinend ist der Titel von der Autorin, die eigentlich Journalistin ist, geschickt gewählt denn das Buch, das ich in den Händen halte ist bereits die 6. Auflage obwohl es erst dieses Jahr erschienen ist.
Ist dieser Erfolg berechtigt? Auf jeden Fall ist das Buch angenehm zu lesen. Journalistisch-interessant geschrieben, kann man sich nicht beklagen. Die 250 Seiten hat man schnell durch und das Buch liest sich eigentlich wie eine erweiterte Reportage, was es wohl auch ist.
Es ist eine Reportage über Julia Friedrichs` Suche nach der Elite. Der Leser verfolgt gespannt wie sie private Universitäten wie die EBS in Oestrich-Winkel besucht, Internate wie Schloss Salem am Bodensee, Stiftungen wie das Maximilianeum in Bayern und schließlich sogar die Reise nach Amerika, zur University of Harvard wagt. Dabei hat Frau Friedrichs ihre Karten schon relativ am Anfang offen auf den Tisch gelegt: sie ist als Teil des linken Mittelstandes aufgewachsen, schon als kleines Mädchen hat sie auf den Schultern ihres Vaters gegen Atomkraftwerke demonstriert. Da verwundert es nicht, dass sie Jörg Müller, dem Stiftungsvorstand von Schloss Neubeuern (einem der teuersten Internate Deutschlands) Fragen stellt wie: Berührt das ihr Gerechtigkeitsempfinden, dass Ihre Schüler Chancen haben, die andere nicht haben?" Eindeutig berührt es das Gerechtigkeitsempfinden von Frau Friedrichs, die in diesem Fall aber auch zu den anderen" zählt.
Und dennoch, obgleich sie ihre Meinung - eine starke Ablehnung der meisten Anstalten die sie besucht - nicht für sich behält ist das Buch auch für jemanden wie mich, der im konservativen Mittelstand aufgewachsen ist und ihre Meinung deswegen nur selten teilt, lesenswert gewesen. Weite Strecken des Buches sind nämlich einfach nur informativ. Man hat nie das Gefühl, dass Julia Friedrichs uns gemein und hinterhältig beeinflussen will. Oft beschreibt sie einfach nur, gibt Gespräche wieder und kontrastiert diese dann mit ihrer eigenen Meinung oft eingeleitet durch Floskeln wie Ich denke" oder Ich erinnere mich". Der Leser kann dann für sich selbst entscheiden ob er diese Meinung teilt, oder ob das behandelte Gespräch bei ihm andere Assoziationen hervorruft.
Dann gibt es aber auch die Strecken wo ich tatsächlich mit der Autorin über einstimme. Wenn sie zum Beispiel über ihre Ablehnung gegenüber Internate wie Salem und Neubeuern berichtet, deren Absolventen durch das Alumni Netzwerk ihrer Schule hohe Positionen in der Wirtschaft erhalten, obgleich sie sich von den Schulleistungen her eigentlich nicht für diese qualifizieren. Und die, schlimmer noch: so abgeschieden von der Welt aufwachsen, dass sie einen Arzt mit einem Harz IV Empfänger vergleichen. Auch ihr Ausflug in die Villa Ritz, eine Kindertagesstätte in der Kleinkinder deren Eltern das nötige Kleingeld haben, Chinesisch- und Ballettunterricht erhalten um danach im hauseigenen Wellnessbereich zu entspannen wirkt auf mich so abschreckend, dass ich mich bei Julia Friedrichs` Gedanken erwische. Jedoch erwähnt Frau Friedrichs leider nicht, dass die Internate, die sie besucht hat sich in erster Linie selber als Elite bezeichnen und dass ihr Ruf in Deutschlands Bildungskreisen eher zweifelhaft ist. Es fehlen auch Statistiken darüber welche Berufe ihre Absolventen denn nun wirklich ergreifen. Der Leser bekommt von Frau Friedrichs nur ihre Aussage, dass es diesen Schulklüngel gibt - keine Fallstudien. Auch muss ich ehrlich sagen, dass ich bezweifele ob sich KiTas wie die Villa Ritz durchsetzen werden. Mir scheinen sie eher als ein weiteres Mittel überforderten und verängstigten Eltern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Ein Zeichen, dass in Deutschland eben freier Markt herrscht.
Etwas was ich Frau Friedrichs jedoch wirklich vorwerfe, ist ihre Selektivität mit der sie nämlich ihre Leser doch klammheimlich negativ beeinflusst. Sie stellt fast ausnahmslos Institute da, die in ihr Schema passen. Die Bucerius Law School in Hamburg, die Jacobs University in Bremen werden jeweils in einem kurzen Nebenabsatz abgefertigt, obgleich beide als die Elite der Elite Universitäten gelten, oft auch von anderen und nicht (nur) von sich selbst als Elite bezeichnet werden und sich vor allem (was Frau Friedrichs davon abgehalten haben wird, sie näher zu beleuchten) nicht durch die Finanzen ihrer Studierenden finanzieren und damit wirklich need-blind" sind. Auch fehlen die Internate, die ihre Schüler nach Leistung auswählen und vom Staat getragen werden, wie die Landesschule Pforta in Thüringen oder Hessens Eliteinternat Schloss Hansenberg. Dadurch, dass sie solche Institute ausspart zeichnet Julia Friedrichs ein viel dunkleres Bild als in Deutschland eigentlich vorherrscht. Es fehlt die Feststellung, dass viele Institute die sich selber als Elite bezeichnen damit vor Allem das Geld der Eltern anlocken, die sie sich leisten können und nicht ihren Absolventen den Erfolg kaufen.
Bleibt die Aussage des Buches. Eigentlich gibt es eine solche nicht, eher ist es eine Feststellung. Nämlich dass der Elitebegriff in Deutschland nach und nach unbewusst enttabuisiert wurde. Und wie das so mit unbewussten Sachen ist, gleiten sie oft außer Kontrolle. Was Julia Friedrichs nämlich nach einem Jahr Recherche feststellen musste ist, dass Elite kein festgelegter Maßstab, keine Definition ist, sondern eher ein ungeprüftes Gütesigel. Ähnlich wie das Prädikat erlesen" in der Nahrungsmittelwerbung: keiner weiß was das eigentlich heißt, daher ist es schwer zu überprüfen, aber es klingt gut und verkauft sich deshalb auch gut. Und - Überraschung ! -genau von diesem Wort, nämlich vom Französischem elire" leitet sich der Begriff Elite auch tatsächlich ab. Julia Friedrichs geht aber noch einen Schritt weiter. Sie sieht dies als Gefahr, die es sicherlich gibt, welche sie aber (aus für mich völlig legitimen, marktwirtschaftlichen, nämlich dramatischen Gründen) sehr überspitzt. Dennoch ist das Buch informativ, teilweise unterhaltsam und auf jeden Fall ein Denkanstoß in eine für mich ungewohnte Richtung, daher mein Prädikat: nicht zu ernst zu nehmen, aber lesenswert.