Entmythologisierung
der Gestapo?
Keine Allmacht der Organisation
Über die Arbeitsweise und das Funktionieren von Hitlers Geheimer Staatspolizei (Gestapo) sind eine Unmenge von Untersuchungen angestellt worden. Die darüber publizierten Bücher sind kaum absehbar. Viele von ihnen schlossen sich der gängigen These an, die Gestapo habe in ihrem Herrschaftsbereich die Lage jederzeit im Griff gehabt, sie sei als Lauscher und stets präsenter Verdachtschöpfer am längeren Hebelarm gesessen und habe sich im Rahmen des Nazi-Regimes einen eigenen «Staat im Staate» aufzubauen vermocht. Das war in globo Kritik an dem Bild, das beispielsweise Eugen Kogon und später die bis heute als Standardwerk geltende Untersuchung von Jacques Delarue über die Geschichte der Gestapo vermittelt haben.
Denunziantentum als Basis
Dieser These von der Macht der Gestapo treten Gerhard Paul und Klaus-Michael Mallmann in einer von ihnen herausgegebenen Publikation entgegen. In der umfangreichen Studie, zu der nicht weniger als 27 Mitarbeiter ihre Beiträge beisteuerten, wird unter anderem der Versuch unternommen, diese «Mystifizierung» der Gestapo als ein die Zäsur von 1945 überdauerndes, gelungenes Manöver der Naziführung selbst darzustellen. Von allem Anfang an wurde in der deutschen Öffentlichkeit bewusst die als Mittel eines verdeckten Terrors gedachte Version der Allgegenwärtigkeit der Staatspolizei verbreitet. Eingehende Untersuchungen auf lokaler und regionaler Ebene haben in den letzten Jahrzehnten an diesem Bild Retuschen angebracht. Vor allem der kanadische Historiker Robert Gellately und in seinem Gefolge viele andere Forscher gelangten zu der Überzeugung, dass sich die Gestapo bei ihren Informationsquellen auf ein weitverbreitetes Netz mehr oder minder freiwilliger Zuträger gestützt habe. Ohne diese Mitarbeit weiter Bevölkerungskreise hätte die Gestapo überhaupt nicht funktionieren können. In dem System der gesellschaftlichen Selbstüberwachung, die das Dritte Reich charakterisierte, hatte die Gestapo mehr eine reaktive als eine aktive Funktion. Es war die erschreckende Bereitschaft zum Denunziantentum, welche die Terrormaschine in Gang hielt. Dieser Hang zu Verdächtigungen und zum Anschwärzen bildete, so diese These, einen zentralen Bestandteil der inneren «Verfassung» des Hitlerreiches.
Auch von ihrem Ursprung her war nach dieser Darstellung die Gestapo keineswegs die «detektivische Grossorganisation», wie sie später oft dargestellt wurde und heute noch durch viele Filme geistert. Die Geheime Staatspolizei war schon personell schwach besetzt. Die meisten ihrer Angehörigen waren von der Polizei der Weimarer Republik übernommen worden; die Kaderstellungen besetzten ein paar frischgebackene, dem Regime meist treu ergebene Verwaltungsjuristen. Sie war auch keineswegs eine reine Männerorganisation. Der Anteil an weiblichem Personal, meist Hilfskräfte, lag bei Kriegsende in Kiel bei 25 Prozent, in Wien sogar bei 35 Prozent. Auch von diesem Gesichtspunkt aus hätten sich neue Aspekte für die Gestapo-Forschung ergeben. Das Schicksal der Gestapo-Angehörigen nach dem Zusammenbruch von 1945 schliesslich ergibt alles in allem genommen ein Bild, das sich entscheidend von der landläufigen Saga unterscheidet, ein Grossteil von ihnen habe sich der Verantwortung zu entziehen vermocht. Nur wenigen gelang es unterzutauchen. Die meisten mussten sich nach 1945 mit untergeordneten Stellen begnügen. Eine verhältnismässig grosse Anzahl blieb bei der Polizei, zum Teil in andern Funktionen.
Differenzierung und Einmaligkeit
Der Band soll, wie Peter Steinbach in seiner Einleitung schreibt, Bilanz ziehen und Ausgangspunkt sein für weitere Forschungen. Vor allem bemüht sich Steinbach, den Vorwurf zu entkräften, Entmystifizierung und «Historisierung» der nationalsozialistischen Zeit sei gleichzusetzen mit versuchter Verharmlosung. Es zeige sich, «dass sich vielmehr im quellengesättigten Rückgriff auf die Überlieferung ein genaueres Bild zeichnen lässt, welches die vergangene Realität präzisiert». Wie komplex das Bild wird, zeigt sich beispielsweise in dem Artikel über die Gestapo-Herrschaft in Polen. Hier wird ausführlich die schwankende und widersprüchliche Haltung der Nazimachthaber gegenüber den verschiedenen Nationalitäten im Bereich des einstigen Polen analysiert und festgestellt, dass an den Ausschreitungen gegenüber andern Völkern (auch an Misshandlung und Ausrottung der Juden) nicht nur Deutsche beteiligt gewesen seien. Das wird niemand ernsthaft bestreiten. Aber es vermag die Tatsache nicht zu verdecken, dass der im Völkermord endende Rassenhass von einer Ideologie ausgegangen war, der sich vor allem und in einmalig konsequenter Weise die Nazis verschrieben hatten. Die Gestapo und ihre Helfershelfer waren die ausführenden Organe in dieser gezielten Vernichtung Andersartiger. Die Generation der Deutschen, die sich die Ideologie des Rassenhasses zu eigen gemacht hatte, trägt schwer an dieser Hypothek. Kein Versuch der «Historisierung» des Nationalsozialismus vermag ihre eigene historische Schuld zu tilgen.
Alfred Cattani
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.