Endlich ist die erweiterte 2. Auflage (2008) mit weiteren Co-Autoren erschienen. Eigentlich ein Paradoxon - eine psychotherapeutische Richtung, die (nur) in Deutschland nicht zu den (über die Kasse abrechnungsfähigen) Regelverfahren zählt, ist nach wie vor sehr lebendig und verbreitet in Psychotherapie (mit Elementen integriert in Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie...), Seelsorge, Pädagogik und Sozialarbeit.
Diese Buch lohnt die Lektüre aus folgenden Gründen:
eingebettet in "10 Quintologe" (in denen Therapeuten/Interessierte aus fünf(Therapie)Richtungen z.T. humorvoll, mit Lust und Laune(n) unterhalten, austauschen, ihre Wahrnehmungen schildern), wird die psychotherapeutische Schule der Gestalttherapie kompakt, fundiert erläutert und eingeführt.
Folgende Themen werden auf 512 Seiten behandelt:
1.
Was ist Gestalttherapie (und was ist Gestalttherapie nicht)
Darunter auch: Abgrenzungen und Schnittmengen mit anderen psychotherapeutischen Verfahren.
2.
Geschichte / Zeit- und Ideengeschichte
3.
Gestaltpsychologie (Geschichte, Gestalt-Phänomene, Innen- und Außenwelt, Gestalt als Feld...)
4.
Theoretische Grundlagen (Naturwissenschaftlicher Hintergrund, Philosophie, Bewusstsein, Wachstum, Kontakt- & Beziehungsdimension, Persönlichkeitsmodell.
5.
Krankheits- und Störungslehre: Gesundheit und Krankheit, phänomenologischer Zugang, wachstumsorientierter Klassifikationsvorschlag;
Gestalttherapeutische Störungskategorien (etc.)
6.
Methodik der Gestalttherapie (bei Standardbelastbarkeit):
z.B. Arbeit mit Träumen, Körperarbeit (insbesondere bei psychosomatischen Störungsbildern), Umgang mit Zeit und Raum, "Hier und Jetzt", Regression und Projektion, Arbeit mit Verhaltensmustern.
7.
Die therapeutische Beziehung und deren fünf Ebenen.
8.
Spezielle Behandlungsmethodik: Arbeit mit psychosenahen, strukturlabilen, süchtigen / abhängigen Menschen, gestalttherapeutische Traumatherapie, Persönlichkeitsstörungen.
9.
Setting-Varianten und Anwendungsbereiche: Einzel-, Paar-, Gruppentherapie, Familienstellen, Kinder und Jugendliche, mit älteren Menschen, in der Organisationsberatung und Supervision.
10.
Verbreitung, Ausbildung und berufspolitische Situation.
11.
Forschungsstand der Gestalttherapie.
12.
Gestalttherapie weltweit / Ausbildungsstätten, Adressen Publikationen etc.
Das Buch ist ein Grundlagenwerk, zu jedem Thema gibt es weiterführende Literatur. Es ist gut verständlich, manchmal auf hohem (adäquatem) Niveau geschrieben, auf jeden Fall lesenswert, gut strukturiert.
Der "Erfolg" der Gestalttherapie liegt darin, dass gestalttherapeutische Elemente (nicht nur) in den zugelassenen psychotherapeutischen Verfahren (Analyse, Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie) in großer Fülle zu finden sind.
Ihre Vielseitigkeit ist ihr Erfolg und ihr Problem (Zulassung als Verfahren für die Abrechnung über Krankenkassen) zugleich.
Dieses Buch liefert mehr als nur einen Einblick, warum dies so ist.
An mangelnden Forschungsergebnissen kann es kaum liegen. Hier wird getan, was unter derzeit finanziellen Gesichtspunkten möglich ist.
Sicherlich wäre es wünschenswert, dass noch mehr Gestalttherapeuten forschend tätig werden bzw. mehr publizieren. Gut ist auch, dass die therapeutischen Richtungen sich gegenseitig öffnen und austauschen. Wünschenswert wäre noch, dass gestalttherapeutische Elemente explizit als solche auch benannt werden würden.
Sehr empfehlenswert!