Nach circa einer halben Stunde habe ich "Gestade" wieder beiseite gelegt. Es soll ja Menschen geben, die sich aus reinem Masochismus mit Werken herumschlagen, die sie nicht verstehen - ich zähle nicht zu ihnen. Führt man sich vor Augen, wie viel es im Leben noch zu lesen und zu bedenken gibt, fällt das Zuklappen eines Buches nicht mehr allzu schwer, vor allem dann, wenn sich der Inhalt dem Verständnis so beharrlich entzieht wie in diesem Fall hier.
Eigentlich mag ich ja das Sätze knacken und bin auch durchaus mit dem Stolz einiger Autoren vertraut. Ich kenne zum Beispiel die Kluft, die bei Dietmar Kamper einen Satz von dem anderen trennt, jene "Technik des verschwiegenen Verdeckens und der heimlichen Sinnverzauberung", die den Witz dem Rätsel verwandt macht (Helmuth Plessner in "Lachen und Weinen"). Kurzum, ich weiß, dass es für viele eine Schande ist, verstanden zu werden. Aber wenn man fast gar nichts mehr versteht? Obwohl ins Deutsche übersetzt, schienen mir Derridas Aufsätze in einer anderen Sprache verfasst zu sein; ich hatte das Gefühl, einem Geheimdiskurs lauschen zu dürfen, wie es ihn wohl unter Gelehrten der Quantenphysik geben mag und von dem man als Laie ausgeschlossen bleibt. Mit Wehmut dachte ich da an solche Autoren wie Enzensberger, Canetti oder Günther Anders zurück, die den Leser wie einen Schuljungen an den Händen nehmen und einem als gute Lehrer die ganze Welt erklären.
Aber was will man auch erwarten, der Band spricht nicht zu uns, sondern zu Maurice Blanchot, einem Freund von Derrida, der in seinem "erzählerischen" Werk gerade den Akt des Verstehens als solchen suspendiert. "Thomas der Dunkle" hab ich übrigens auf Seite 23 zugeklappt. Vielleicht muss man einfach intelligenter sein, um besser nicht verstehen zu können. Mir zumindest macht diese Negativität keinen Spass - und dass sie höchst unterhaltsam und fesselnd sein kann, weiß jeder Kafka-Leser aus eigener Erfahrung. Wir können diese Autoren getrost den Fachwissenschaftlern überlassen; sollen sie sich doch an ihnen aufreiben, um ihre mühsame Arbeit nach Jahren mit kryptischen Zitaten zu umkränzen.
Hier gibt es nichts für dich, sagt mir mein Spürsinn und schweift weiter, göttliche Unbekümmertheit eines Dilettanten. Es gibt noch so viel geistig Anzuschmecken und schließlich bin ich - wie wir alle hier wahrscheinlich - bloß ein "épicurien intellectuel" und "nihiliste délicat" (Paul Bourget).