Die 33 „Gespräche über das Neue Testament" erschienen vor rund einem Jahrhundert (1901-1904) im „Evangelisch-protestantischen Kirchenboten für Elsaß und Lothringen". In manchen Details ist Schweitzers Kenntnisstand von damals überholt. Lohnt sich dann überhaupt die Lektüre? Ich meine: Ja! Und nenne dafür die folgenden Gründe:
a) Die Beschreibungen des Glaubens sind anschaulich, einladend und darum hilfreich. „Als ob es etwas nützte, einen Acker zu pflügen, ohne etwas darauf zu säen! Wenn im Herzen kein Glaube und keine Frömmigkeit ist, nützt alles Wissen nichts, denn der Glaube kommt nicht aus dem Verstand; dann werden die Menschen nur eitel und aufgeblasen über ihr Wissen. Nur wo Glaube und Frömmigkeit schon sind, da nützt auch das Wissen über die Dinge etwas. Der Glaube ist wie ein herrliches Bild, das wir von unseren Eltern erben. Mit der Zeit aber, durch das Licht, den Staub und die Feuchtigkeit, verliert es den Glanz der Farben. Dann muß man es vorsichtig reinigen, damit der leuchtende Farbenton wieder hervorkommt. Wer aber unvorsichtig dabei umgeht, der verdirbt es" (S. 10f.; Einleitend: „Wachset in der Erkenntnis").
b) Die Bedeutung der Bibel wird klar dargestellt. „Die Unwissenheit in der Bibel ist eine der schlimmsten Schäden unserer Zeit. Es ist ein Hohn auf die Reformation ... Achtlos geht die Menschheit an der Quelle der geistigen Wahrheit vorüber ... Wie in Jesu, wie im Reich Gottes, so sind auch im Neuen Testament das Göttliche und das Menschliche beisammen ... Die Evangelisten waren nicht Gottes Schreiber, sondern seine Minister (S. 15) ... Das Gotteswort ist nur lebendig für uns, wenn es aus Menschenherzen zu uns redet ... Darum haben wir keine Angst, daß jemals eine Gelehrsamkeit, die auf das Menschliche in der Schrift ausgeht, ihr schaden könne. Im Gegenteil. Wir sagen: forschet nach dem Menschlichen! Laßt uns hineinblicken in die Herzen derjenigen, die hier das Evangelium zu uns reden, damit wir sie recht und immer besser verstehen! Zeigt uns die Menschen in der heiligen Schrift - und in den Menschen werden wir Gottes Größe und Wahrheit erkennen" (S. 16f.). „Wie das Göttliche und das Menschliche darin vereinigt sind, das bleibt ein Geheimnis" (S. 21).
c) Erläuterungen zur Geburt des Jesus von Nazareth sind aufschlussreich. „Verliert denn unser Glaube so viel, wenn wir den Satz von der übernatürlichen Geburt des Heilandes dahingestellt sein lassen? Es will manchmal scheinen, als lenke dieses Wunder von dem Gedanken an ein noch viel Höheres und Unbegreiflicheres, das dahinter steht, ab. Ein irdisches Wesen wird von irdischen Eltern geboren, und doch ist dieses Wesen nicht nur irdisch, sondern es bringt auch göttliches unvergängliches Wesen mit auf diese Welt und trägt eine göttliche, unsterbliche Seele in sich! Seine Eltern haben ihm dies nicht gegeben, sondern Gott. Daß in jedem irdisch geborenen göttlicher Geist ist, das ist das große Wunder, das wir sinnend in jedem lallenden Kindlein anstaunen müssen! ... Es gäbe nicht so viele Gleichgültige und Ungläubige unter uns, wenn die Aufklärung, das Eindringen in das Wesentliche des Glaubens, weiter unter uns voran wäre" (S. 51-53).
d) Die Wunder Jesu werden verständlich interpretiert. „Mit einer wissenschaftlichen Erklärung der Heilungen Jesu ist nichts gewonnen, denn die Hautsache kann doch keine Wissenschaft erklären, auch wenn sie sonst erläuternde Beispiele aus verschiedenen Zeiten bis auf die Gegenwart herab anzuführen imstande ist ... In der Frage der Wunder Jesu sollte man schließlich eines niemals außer acht lassen, daß nämlich Wunder einen eigentlichen Wert nur für diejenigen haben, welche als Augenzeugen dabei sind. Erzählte Wunder aber gehen an Krücken und ihre Bedeutung nimmt ab, je weiter sie in der Zeit zurückliegen" (S. 106f.). „Es darf also ruhig gesagt werden, daß es nicht in Christi Geist ist, jemanden verpflichten zu wollen, unterschiedslos alle von Jesu berichteten Wunder als Tatsachen anzuerkennen, und danach den Glauben zu bemessen ... Wir glauben an Jesum als an unseren Heiland nicht um berichteter Wunder willen, sondern um seiner Person, um seines Evangeliums und um seines Erlösertodes willen" (S. 108f.).
Wohl niemand wird die vier Kassetten in einem Zuge abhören. Aber gleich welche Passage er - oder natürlich gleichermaßen: sie - abruft, nach einigen Minuten wird man in den Bann der Schweitzerschen Gedanken hineingezogen - vorausgesetzt natürlich, man ist bei religiösen Fragen auf der Suche.