Morrissey kann man nur bedingungslos verehren oder komplett ablehnen. Diese Plattheit ist weder wahr noch sehr repräsentativ für dieses ansonsten sehr geschmackssichere und wunderbare Buch über den Iren und Fan von Manchester (inklusive Manchester United) Steven Patrick Morrissey. Der britische Journalist Len Brown erzählt viel von seiner Arbeit für Zeitschriften wie den NME (seine HipHop- und Dance-begeisterten Kollegen, die The Smiths für eine Retro Gruppe, eine Beat-Band hielten, meinten, dass der glühende Fan Brown den New Musical Express zum New Morrissey Express gemacht habe) und ganz besonders über die kostbaren Momente, in denen er sein Idol Morrissey persönlich treffen und interviewen durfte. Zu Beginn seiner Biographie des Smiths-Frontmanns weist der Autor darauf hin, dass sämtliche anderen Bücher über Morrissey und The Smiths nichts taugen würde, mit Ausnahme von Johnny Rogans Werk
Morrissey & Marr: The Severed Alliance (von dem im übrigen auch die bislang beeindruckendste Biographie von Neil Young stammt
Neil Young: Zero to Sixty).
Sehr viel im Schaffen und Leben von Morrissey ist offensichtlich von seinem grossen Vorbild Oscar Wilde beeinflusst worden und so ist es auch sehr hilfreich, dass sich am Ende des Buches eine Liste mit weiterführender Literatur von Wilde und anderen findet. Des weiteren listet der Autor einige der besonders wichtigen Songs des Sängers auf, denen er ein, zwei kurze Sätze widmet. Ausserdem werden Weggefährten und Idole von Morrissey in wenigen Sätzen vorgestellt.
Im Gespräch mit Morrissey muß ganz einfach ein gebundenes Buch mit Schutzumschlag sein! So wird die edle Aufmachung auch dem Ausnahmekünstler gerecht, den es beschreibt, der Mann, der stolz darauf ist die Welt der Popmusik um Begriffe wie Bigmouth, Shoplifters und Coma bereichert zu haben.
Gut die Hälfte des Buches widmet sich der Smiths-Phase. Leider kamen Gitarrist und Co-Autor Johnny Marr und die beiden anderen Musiker nicht zu Wort. Gleich zu Beginn des Buches gibt es dafür Lobpreisungen von Harry Potter Autorin J. K. Rowling, von U2`s Bono und Noel Gallagher von Oasis.
All zu kritisch wird der Mensch und Künstler Morrissey in diesem Werk nicht durchleuchtet, allerdings werden seine Höhen und Tiefen sehr spannend geschildert.
Mir persönlich ist durch Len Brown nun klarer warum etwa Max Goldt so ein Verehrer der Smiths ist. Das grösste Kompliment das ich einer Musiker-Biografie machen kann trifft auch auf Im Gespräch mit Morrissey zu: es weckt grosse, grosse Lust darauf jetzt sofort sämtliche Lieder hören zu wollen, die dieser charming man je geschrieben hat!
Die hochgelobten Klassiker The Smiths und The Queen is dead habe ich bereits in meiner Sammlung, Meat is murder sollte ohnehin folgen und das vierte und (bislang?) letzte Studioalbum
Strangeways, Here We Come wird in vielen Berichten über die Band gerne unterschlagen, Len Brown lobt dieses Album ausdrücklich und zitiert aus seiner Rezension zur Veröffentlichung der Platte 1987.
Sehr interessant finde ich Morrisseys Meinung zu Bands wie Radiohead und Coldplay, für ihn sei es unverständlich wieso seine Musik als traurig abgestempelt werde und dabei der Humor völlig übersehen werde, die Musiker um Thom Yorke und Chris Martin hätten schließlich, so Morrissey, ebenfalls traurige Lieder nur fehle ihnen jeglicher Humor.
Brown gibt zu bedenken, dass Morrissey möglicherweise gar nicht immer autobiographische Texte schreiben würde, sondern aus der Sicht anderer Menschen schreiben würde.
Morgens früh aufstehen, abends zeitig zu Bett gehen, dazu stehen ein Sonderling und Stubenhocker, Discoverächter und Snob im positiven Sinne (Max Goldt hat diesen Begriff in einem seiner Texte sehr schön definiert) zu sein - Morrissey (und Marr) haben wirklich micht nur die Musikwelt wesentlich bereichert! Endlich mal ein echter Rebell, der sich an die wirklich relevanten Themen herangewagt hat und das Klischee-Rockstar-Leben vermieden hat. Abstinenz und Zölibat - wahrscheinlich ist das bei Morrissey ähnlich ernst gemeint wie bei Britney, dafür hat Manchesters Held deutlich mehr zu sagen. Je mehr ich über dieses Buch nachdenke um so begeisterter werde ich und um so schaler erscheint mir ein Großteil der restlichen populären Musik. Max Goldt hat völlig recht wenn er schreibt, dass die radikalste Botschaft eines provokativen Rocksongs keine platte Punk-Platitüde ist, sondern so ein radikaler Satz wie: ich bin intelligent und habe keine finanziellen Sorgen. DAS IST WAHRER PUNK! ;-)
Auch wenn meine Lieblingsband der 1980er Jahre die Pixies sind und ich kein fanatischer Morrissey-Fan bin, sondern einfach nur Freude an herrlichen Songs wie There's a light that never goes out, How soon is now? und anderen Meisterwerken habe, ist dieses Buch auch für mich sehr unterhaltsam, spannend und hochinteressant! Help the DJ, help the DJ, help the DJ who plays Morrissey! ;-)
422 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, s/w-Fotos, Liste: Weiterführende Literatur, Register, Diskografie, Übersetzung: Henning Dedekind & Karin Lembke, Hannibal 2010