"So viele Glaubensrichtungen teilen die Welt, wie es heißt,/Daß man kaum noch erkennt, welcher des Lebens Pfad./Weil entgegengesetzt so viele Glaubensdogmen der Welt,/Handelt ein jeder so, wie sein Volk tradiert./Niemand wagt es zuletzt,darin die Vernunft zu befragen,/Während ein jeder strebt,sich zum Frieden zu leben."
Ein Satz des großen Peter Abaelard, Intellektueller, Gottesgelehrter und Reformtheologe (1079-1142), wegen seiner Liebe zur siebzehnjährigen Heloise verurteilt und verstümmelt, hat heute noch Gültigkeit. Abaelard hat aus diesem Satz selbst Konsequenzen gezogen - in seiner Denkweise, in seiner Theologie. Er hat die Vernunft befragt. Mit dem seiner Schrift "Dialogus inter Philosophum, Iudaeum et Christianum - Gespräch eines Philosophen, eines Juden und eines Christen" hat Abaelard eine der ganz großen und bedeutenden Toleranzschriften verfasst. Und ein in der Tat visionäres Programm formuliert, in dem eine offene und im Geiste der Brüderlichkeit geführte Diskussion der Weltreligionen gefordert wird. Dass in diesem Gespräch ein Vertreter des Islam fehlt, ergibt sich aus der Situation der Zeit. Die vertretenen Thesen haben jedoch Gültigkeit über die Konfessionen hinweg. Letztlich haben sich alle der Vernunft und dem natürlichen Sittegesetz zu stellen. So hat diese Schrift an Aktualität nichts verloren.