Viele Bücher nennen sich Roman. Das hier ist einer! Der Starfighterpilot Gustav Hasse provoziert den Absturz seines Widersachers Zürndorfer in der Wüste von Arizona bei einem Übungsflug nachdem dieser ihm bereits zwei Mal eine angebetete Frau ohne Mühe und ohne ernsthafte Absichten vor der Nase weggeschnappt hat. Zürndorfer überlebt den (brillant geschilderten) Absturz mit schweren Hirnverletzungen und ist fortan ein geduldeter Gast in den Bundeswehrkasernen ("unser Zürndorfer"), der jedoch unfähig ist, Termine einzuhalten und dessen Verhalten komplett unberechenbar bleibt. Hasse, mittlerweile locker mit der von Zürndorfer schwangeren Roswitha (seinem früheren Kindermädchen) liiert, nimmt sich Zürndorfers an, welcher trotz seiner geistigen Unzurechnungsfähigkeit in regelmässigen Abständen befördert (Kritik am Dünkel der Bundeswehr?)wird bis es zu einem Eklat kommt und er in völliger Umnachtung in den Fernsehraum der Kaserne defäkiert. Zürndorfer ist im übrigen gleichsam der uneheliche Sohn eines Rechtsanwaltes aus dem Dorfe Solsbüll, in dem dieser Roman spielt, und wurde in einem Lebensborn der Nationalsozialisten geboren.Bei diesem Rechtsanwalt arbeitet die von Zürndorfer geschwängerte und von Hasse umworbene Roswitha im übrigen als Haushälterin. Die Schilderungen aus dem Lebensborn e.V. sind ebenfalls äußerst beklemmend und aufschlußreich zuhleich und sind ein Beispiel für die excellente Recherche des Autors, die sich in der gesamten Handlung niederschlägt. Der Roman bietet neben den sehr allgemein gehaltenen technischen Details auch hervorragende Naturbeschreibungen von großer dichterischer Kraft. Der einsame Schwan Gottfried wird ebenso zu einem Teil der Erzählung, wie die Bienen, denen der Soldat Siemsen leidenschaftlich verfallen ist und mit denen er sich sogar auf Kreta auf eine Erkundung eines merkwürdigen Höhlensystems begibt. Das Buch ist vielschichtig und geschichtenreich, die Personen werden weit aus der Vergangenheit hergeleitet, erwachen zu intensivem Eigenleben und erscheinen absolut authentisch. Zuletzt bietet der Roman einen Ritt durch etwa 50 Jahre Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, begonnen in den 40er Jahren bis zum Ende der kommunistischen Ära.
Dieses Buch ist fast zu gut für den deutschen Literaturhimmel. Es wurde zwar von der Kritik sehr positiv, fast begeistert aufgenommen, wird aber aufgrund des Umfanges und der Komplexizität der Handlung wohl weiterhin nicht die vordersten Plätze der Bestsellerlisten erobern. Dieses ist jedoch meines Erachtens sowohl für den Laien als auch für den Literaturwissenschaftler geeignetes Buch. Die Anspielungen auf diverse Klassiker sind zahlreich, aber wenig aufdringlich. Ein Buch das Zeit und Aufmerksamkeit beansprucht und beides gleichermassen verdient und mit außergewöhnlichen Leseerfahrungen belohnt.