Ein kühler, bedrückender Film, angesiedelt in einer wahrhaft gespenstischen Kulisse, nämlich dem Berlin der ersten Dekade des neuen Jahrtausends aus der Sicht und in der Wahrnehmung der verlorenen Seelen, die wir 24 Stunden lang auf ihrem Weg begleiten. Nina und Toni scheinen nirgendwoher zu kommen und nirgendwohin zu gehen, beiden haftet etwas Unwirkliches an, sie sind gleichzeitig anwesend und abwesend - Gespenster oder, wie Oliver Baumgarten im "Schnitt" (Nr. 39, S. 37)so treffend bemerkt: "Sozialzombies (...) Gesellschaftlich exekutiert und sich selbst entfremdet, bleibt bloßes Funktionieren, gesteuert von Konvention und Gewohnheit." Sie scheinen keine Geschichte zu haben, keine Vergangenheit, keine Zukunft: gefangen in der Geisterbahn des Hier und Heute. Sie treiben ziellos durch ein seltsam entvölkertes Berlin: Potsdamer Platz und Tiergarten, Heim, Hotel und H&M - Filiale - dort sieht man sie durch die Überwachungskamera. Bei einem Casting für eine Soap mit dem hintersinnigen Titel "Freundinnen" erfindet Toni die Geschichte des Beginns ihrer Freundschaft, ebenso unwirklich wie banal, Nina erzählt einen Albtraum: "Ich habe schon von Toni geträumt, bevor ich sie kannte..." - es folgt die Geschichte einer beobachteten Vergewaltigung, von Hilflosigkeit und lähmendem Entsetzen.
Gespenster treffen auf ein Gespenst, auf die Mutter, die in Berlin ihre vor vielen Jahren entführte Tochter sucht (die übrigens durchaus Nina sein könnte), eine Tochter, der gleichfalls etwas Unwirkliches anhaftet - der einzige sichtbare Beweis, daß sie nicht nur im verwirrten Geist der Mutter existiert, ist ebenfalls eine Aufnahme einer Überwachungskamera. In Nina glaubt die Mutter ihre verlorene Tochter zu erkennen....
Die egoistische, oberflächliche, völlig desillusionierte und zynische Toni, die erstarrte und resignierte Heimleiterin, die frustrierte, arrogante und kaltherzige Ehefrau des Regisseurs, der sich selbst entfremdete Regisseur, die ihre längst verlorene Tochter suchende Mutter, die mit Nina, die auf sie zugeht und um ihre Zuneigung wirbt, gar nichts anfangen kann und sie nach einem gemeinsamen Frühstück zurückläßt wie ein Spielzeug, das einem langweilig geworden ist, oder wie ein lästig gewordenes Haustier..... zwischen all diesen Gespenstern bewegt sich Nina, das kleine Gespenst, dem man wider besseres Wissen soviel Gutes wünscht: Thomas Warnecke im "Schnitt" (Nr. 39, S. 37): "Was aus Nina wird,wenn man sie mit dem Abspann des Filmes verläßt, bleibt eine bedrückende Vorstellung." Und Oliver Baumgarten (ebd.) faßt zusammen: "Die Gespenster, so konstatiert der Film, sind unter uns. Und es werden täglich mehr."