Seinem Theaterstück "Gespenster" gibt Henrik Ibsen den Untertitel "Ein Familiendrama". Ibsen schildert auf welch tönernen Füßen das gesellschaftliche Moralgebäude ruht und wie leicht dieses einzustürzen droht, wenn die Gespenster der Vergangenheit in unser Leben drängen. Sofort nach seinem Erscheinen löste das Drama einen gesellschaftlichen Skandal aus. Sein Frontalangriff auf das Establishment, die Institutionen Kirche und Ehe schockierte die Mitbürger im 19. Jahrhundert sicher heftiger als er dies heutzutage vermag. Sein Schlussakkord, in dem Ibsen die Frage nach aktiver Sterbehilfe aufwirft, ist auch heute noch aktuell.
Ibsens Protest blieb nicht unverhallt. In ganz Europa brachen literarische Revolten aus. Emile Zola machte sich zum Anwalt der Armen in Frankreich. Gerhard Hauptmann und die Naturalisten erregten in Deutschland die Gemüter. Auch in Ibsens "Gespenster" fehlen die naturalistischen Symbole nicht: der Alkohol wird als Fluchthelfer dargestellt.
Die Hauptperson des Dramas ist Frau Alving. In jungen wurde sie von der Mutter und den beiden Tanten für eine gute Mitgift an den lebenslustigen Leutnant Alving verheiratet. Ein durchaus üblicher Brauch zu jener Zeit, wie uns das Nachwort versichert. Der junge Mann geht auch nach der Ehe seinen Gelüsten nach. Deshalb flüchtet Frau Alving in die Arme Pastor Manders, einem Freund der Familie. Ihre Zuneigung nicht von ihm nicht erwidert. Vielmehr überredet er Frau Alving, die Ehe fortzusetzen. Eine Scheidung wäre zu jener Zeit einem gesellschaftlichen Affront gleichgekommen. Aus dem Leutnant wird der Kammerherr Alving. Nachdem er das Dienstmädchen schwängert, stürzt sich seine Frau in die Arbeit und vergrößert das Vermögen. Kammerherr Alving stirbt an den Folgen seines "ruchlosen" Lebens. Später wird diese Krankheit als Gehirnerweichung beschrieben.
Um dem negativen Einfluss des Vaters zu entkommen, gibt Frau Alving ihren Sohn Osvald als siebenjähriges Kind außer Haus. Diese Entscheidung lastet ihr ganzes Leben lang auf ihr. Ebenso quält sie das Schuldgefühl, den Sohn und die Öffentlichkeit die Wahrheit über ihren Mann zu verheimlichen: "So feige war ich". Mit dem Bau eines Kinderasyls, als Ehrenmal für Kammerherr Alving, will Frau Alving nicht nur die Öffentlichkeit täuschen sondern auch sich selbst. Als das Gebäude in Flammen aufgeht wirkt dies wie eine Befreiung. Sie schöpft Mut: "jetzt kann ich alles frei heraussagen." Ebenso wie das Denkmal ihres Mannes in Schutt und aufgeht, wird auch das makellose Bild Kammerherr Alvings gestürzt "und trotzdem werden keine Ideale stürzen". Eine mutige Frau, die ihren Zeitgenossen aufgeklärt und Neuerungen gegenüber aufgeschlossen entgegentritt. Ihr Sohn erklärt denn auch: "Hältst du wirklich an dem alten Aberglauben fest, du, die sonst so aufgeklärt ist?"
Den Gegenpart zu Frau Avling bildet der Charakter Pastor Manders. Er lehnt alle Neuerungen ab und ist peinlich darauf bedacht, in gutem Lichte zu erscheinen. Ängstlich wägt er das Urteil der Menge ab und schwimmt mit dem Strom. Immer wieder betont er die Wichtigkeit pflichtgemäßen Handelns. Das Dienstmädchen Regine ermahnt er an ihre "töchterliche Pflicht". Frau Alving hält er vor: "Wie sie zuerst die Pflichten der Ehefrau versäumt haben, haben sie dann die der Mutter versäumt." Aber nach dem durch ihn verursachten Brand im Kinderasyl übernimmt er nicht die Verantwortung, sondern versteckt sich nur allzu bereit hinter Tischler Engstrand. Pastor Manders ist der angepasste, eigensüchtige Moralapostel, dem im entscheidenden Augenblick der Mut fehlt.
Osvald, der Sohn der Alvings verbrachte seine Jugendjahre als Maler in Paris. Dort lernt er die Freuden und Nöte der jungen Menschen kennen: "Ein armer junger Künstler ein armes junges Mädchen Es kostet viel Geld, zu heiraten. Was sollen sie also tun?" Pastor Manders wirft er die Bigotterie der "mustergültigen Ehemänner und Familienväter" vor, die sich in Paris vergnügen. Seine Verbitterung gegenüber Vater und Mutter gibt er offen zu. Seinem Vater, den er nicht kannte, verdankt er die Krankheit, die ihn zum Pflegefall werden lässt. Familien- und Lebenslügen stumpfen ihn ab. Für seine Mutter kann er keine Liebe empfinden, er betrachtet sie nur als "nützlich".
Regine, die uneheliche Tochter des Kammerherrn Alving, lebt wie ihre Mutter als Dienstmädchen im Hause der Alvings. Sie besitzt Lebensmut und ihr großer Wunsch ist der Armut zu entkommen. Sie träumt davon, mit Osvald in Paris zu leben und lernt schon fleißig Französisch. Doch Osvald will sie nur ausnutzen. Als sie von seiner unheilbarer Krankheit hört, orientiert sie sich sofort um: "Nein, ich bin nicht daran interessiert, mich hier auf dem Land für kranke Leute abzuschinden". Während ihr Lebenshunger ungestillt ist hat Osvald längst mit dem Leben abgeschlossen.
Ibsens Drama schildert uns zweierlei Gespenstern: die Gespenstern der Vergangenheit, die uns immer wieder einholen und nach der Wahrheit drängen und die Geister in uns drinnen, das "was wir von Vater und Mutter geerbt haben, das in uns herumgeistert", die alten, überkommenen Moral- und Sittenbilder. Insofern bleibt Ibsens Werk zeitlos.