Wenn man die 12 Seiten, offenbar für derartige Werke unvermeidlichen Grußworte, Danksagungen und Verzeichnisse der Leihgeber und Autoren überblättert hat, stößt man auf 5 Essays (84 Seiten), die zu lesen sich durchaus empfiehlt. Dies nicht nur, weil einige Ausstellungsobjekte, darunter Leonardos Dame mit dem Hermelin, in diesem Abschnitt abgebildet werden. Vor allem machen diese Beiträge verständlich, dass und warum im 15. Jahrhundert in Italien keine Rückbesinnung auf die antike Kunstauffassung stattfand, sondern eine so nie da gewesene, auf das Individuum zentrierte Kunst entstanden ist. (Um das Ausmaß der Veränderung dieser Kunstrevolution zu erfassen, leistet übrigens der Roman "Rot ist mein Name" von Orhan Pamuk, Hanser Verlag, München/Wien 2001, unterhaltsame Dienste. Er beschreibt die Wirkung dieser Malerei auf die traditionelle osmanische Kunst.)
Die Themen der Essays sind durch die Gliederung der Ausstellung bestimmt. Sie sind nicht nur vom kunsthistorischen Standpunkt interessant und erfreulich frei von dem in dieser Art von Publikation vorherrschenden Wortgeklingel. Zum Beispiel wird deutlich, dass der einfach erscheinende Begriff "Ähnlichkeit" in der Porträtkunst sehr unterschiedlich zu deuten ist und die anzustrebende Ähnlichkeit für den Maler eine Herausforderung war, der nur schwer zu genügen war. Porträts befriedigten vorrangig die Absicht, etwas Vorteilhaftes über die dargestellte Person mitzuteilen. Hierbei war der Überzeugung zu genügen, dass in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohne. Der Erfolg des Künstlers hing deswegen wesentlich davon ab, wie weit es ihm gelang, äußere Merkmale, die auf einen nicht ganz und gar gesunden Geist verweisen könnten, im Kunstwerk mit einer geeigneten Abbildungsstrategie zu unterdrücken. Patrizier und Bürger, Adel und Geistlichkeit konkurrierten mit ihren in Öl und Bronze dokumentierten guten persönlichen Charaktereigenschaften. Man wird nie mehr die so überraschend gut aussehenden, interessant erscheinenden Köpfe auf Wahlplakaten ansehen können, ohne sich der ersten vier Essays aus diesem Band zu erinnern! Anders, aber keinesfalls weniger interessant, steht es mit dem fünften Essay. Dieser ist eine Deutung der Dame mit dem Hermelin. Er arbeitet das Besondere an dem Bild heraus und schließt aus der Körperstellung der abgebildeten Cecilia Gallerani und des Keuschheit symbolisierenden Tieres, das von der aus dem Bild schier herausragenden Hand kaum berührt, geschweige denn festgehalten wird, dass Leonardo auf eine besonders subtile Art, eine Beziehung zwischen dem Herzog von Mailand, der der Auftraggeber war und der Porträtierten zum Ausdruck brachte, die den Erwartungen des Herzog gerecht werden konnte.
Den Essays folgt der eigentliche Katalog, der auf 376 Seiten die Ausstellungsbilder beschreibt und die nicht bereits zuvor im Text abgebildeten, zeigt. Leider ist nur ein Teil ganzseitig eingefügt worden. Das zumindest subjektiv vorherrschende kleine Format erinnert weniger an eine sogenannte Jahrhundertausstellung als an Papas Fotoalbum vom Italienurlaub. Allerdings gelingt es durch eine hohe Qualität der Abbildungen, immerhin einen noch angemessenen Eindruck von den Kunstwerken zu vermitteln.
Natürlich ersetzt dieses Werk nicht den Besuch der Ausstellung, aber anders als diese selbst, hätte man die prächtige Schau im Buch auch ohne den immer fragwürdiger werdenden Kunstwerketourismus haben können. Hohe Papierqualität und ein fester Einband sichern immerhin, dass die Idee der "Jahrhundertausstellung" über Jahrhunderte dokumentiert bleibt.