"Wer auf der Suche nach Wissen hinauszieht, der ist auf dem Wege Gottes, bis er wiederkehrt."
(aus den ahadith)
"Gesichter des Islam" ist der Begleitband zu einer gleichnamigen ARD-Sendereihe, die am Sonntag, den 14. November 2011, 17.30 Uhr, mit der ersten Folge "Glaube und Kultur" ihren Auftakt nimmt. An den darauf folgenden Sonntagen erfolgt die Ausstrahlung von drei weiteren, ebenfalls 30minütigen Beiträgen unter den Titeln, "Männer und Frauen", "Frieden und Gewalt" und "Wissenschaft und Fortschritt".
Nachdem der Autor in seinem Vorwort kurz auf die "Islamische Vielfalt" eingegangen ist, wird diese faszinierende Kultur in sieben Kapiteln vorgestellt, die jedoch weder an die Titel der Fernseh-Episoden angelehnt sind, noch einer historischen Chronologie folgen. Der Islamwissenschaftler und langjährige ARD-Korrespondent in Kairo, Reinhard Baumgarten, hat sich vielmehr für eine Querschnittsdarstellung entschieden, die er an sieben Ländern und einer für das jeweilige Land spezifischen Überschrift festmacht. Darüber hinaus wurde jedem dieser Länder ein bestimmtes Logo und eine bestimmte Farbe zugeordnet. Zu jedem Hauptkaptel gehört ein "Länderinfo" mit einer Landkarte und Informationen zur Größe, Bevölkerzungszahl, Zeitpunkt der Islamisierung und Prozentsatz der Muslime an der Gesamtbevölkerung. Die sieben Hauptkapitel sind in weitere Kapitel und ebenfalls - mit einer Überschrift versehene - Abschnitte oder farblich abgesetzte, thematische "Kästen" untergliedert. Daneben gibt es noch vier Interviewes mit bedeutenden islamischen Persönlichkeiten.
Das erste Kapitel "Türkei - Säkuläres Modell für die islamische Welt" (hellblau) beschäftigt sich u. a. mit Aufstieg und Fall des hauses Oman und der anschließenden laizistischen Kanalisierung unter Atatürk. Hier wird auch deutlich, dass sich die sechs wesentlichten Glaubensartikel nicht von denen der Christen unterscheiden. "Indonesien - Lächelnder Islam in Fernost"(hellgrün) ist dem Land mit dem höchsten muslemischen Bevölkerungsanteil von 200 Millionen Menschen gewidmet.Neben der Geschichte des Archipels und seiner Islamisierung, werden die "5 Säulen des Islam", die "Sunna" un der "Sternengucker von Lambang" vorgestellt. Auch die vielfältige Bedeutungsebene des Begriffes "Dschihad", im eigentlichen Sinne als "persönliche Anstrengung" oder "sich bemühen" zu vertehen, wird hierbei anlaysiert. Von besonderer aktueller bedeutung ist das Kapitel "Deutschland - Neuer Teil einer alte(rnde)n Gesellschaft" (lila). Die Unterkapitel "Chancen und Hemmnisse" und "Der unbekannte Islam" bieten Diskusionen zu kontroversen Themen, wie "Kopftuch und Glauben", "Republik der Angst", "Scharia und Grundgesetz" usw. Auch die salafitische Rückbesinnung auf den Ur-Islam wird erläutert.
Anschließend gibt es mit "Spanien - Brücke zwischen Morgen-- und Abendland" (rot) einen (histor"Glaube und Vernunft" in einer Zeit ohne Dogmatismus waren die Menschen auf der Suche nach Wissen und Vervollkommnung der Techniken, des Handwerks, der Kunst, wo auch immer es ihnen möglich war. Erstaunlich ist, wieviele Worte arabischen Ursprungs sich in unsere heutigen Sprachen gerettet haben. (Algebra, Kabel, Kümmel, Aprikose pp.) Auch der "Wert der Null" wurde von Indien aus über islamische Mathematiker vermittelt. Danach wird in einem zweiseitigen Essay der Koran als Richtschnur der Gläubigen präsentiert. "Ägypten - Mühsamer Weg ins 21. Jahrhundert" (braun) legt die Zusammenhänge zwischen "Wissen und Macht", sowie "Glauben und Gesellschaft" offen. Neben den Essays zu den Muslimbrüdern, aus denen schließlich auch die palästinensische Hamas hervorgehen sollten und zur (ganz und gar unislamischen) "Beschneidung von Mädchen" ist das "Leben der Dhimmi" (koptische Christen und Juden als Buchbesitzer und Schutzbefohlene) von besonderem Interesse. "Saudi-Arabien - Ringen von Tradition und Moderne" (gelb) und "Iran - Die unvollendete Revolution" (türkis) sin die Headlines der beiden letzten Kapitel, in denen u. a. "Der Familienstaat" und "Terror made in KSA" (Mudschaheddin, Dschidadisten, Taliban, Osama bin Laden etc.), sowie Traum und Wirklichkeit der persischen Tragödie im Schatten Khomenis und Geschichte und tägliches Leben des schiitischen Islam erörtert werden.
Den Abschluss des Bandes bilden ein Epilog, eine Literaturauswahl und ein Impressum. Daneben bietet die Innenseite des vorderen Buchdeckels zwei farbige Karten zur historischen Ausbreitung des Islam, der hintere Buchdeckel eine Weltkarte, auf der der muslimische Bevölkerungsanteil der Ländern mittels unterschiedlicher Grüntöne markiert ist. Reinhard Baumgarten ist es gelungen, ein facettenreiches und objektives Kaleidoskop des Großteils der islamischen Welt zu vermitteln. Leider wurde der "alteingesesse" europäische Islam in Albanien und Bosnien & Herzegowina ausgespart, der sicherlich ein achtes Kapitel wert gewesen wäre. Der Band ist dennoch ein gelungener Überblick und Einstieg in ein toppaktuelles Thema und ein Beitrag zum gegenseitigen Verständnis.
Mit der Hoffnung auf eine spätere Ergänzung um den Islam des Balkans ist der Band mit 4 1/2 Amazonsternen zu bewerten.