Eine Wecker-Rückseite schaut einen traurig an: unten der bogenförmige traurige Mund (zum schneller-langsamer Stellen der inneren Feder), die Nase ist der nürselige Drehknopf für Stunden- und Minutenzeiger, die lidschweren Augen sind die Aufzieh-Falldrehknöpfe für Uhrwerk und Weck-gerassel. Eine braune Aktentasche öffnet ihren Reißverschluß wie ein mauliger Beamtentölpel, eine Astschneide-Schere erinnert eher an einen Pinguin aus Patagonien als an die Gärtnerei, der sie visuell entpflanzt wurde: Nach wenigen Übungsminuten erkennt man, wie vielen Dingen der Warenwelt unterschwellig ein menschliches Gesicht zugrunde liegt. Radios und Häuschen-Fronten, Bürsten, Küchengeräte, Messvorrichtungen: für technische Arbeiten geschaffen, rütteln sie doch unterschwellig das scheinbar verlorengegangene Menschliche in uns wach. War der Steckdosen-Designer traurig, als er zeichnete, wollte er uns heimlich und spitzbübisch Hinweise geben auf eine aussichtslose Arbeitssackgasse mit geringem Lohn? Der Hersteller der Meßgeräte - vermisste er, von Tieren umgeben zu sein an seinem Fließband? Die Auswahl der Fotografen Francois und Jean Robert zerrte ans Licht, was vielleicht nur als anonyme Mitteilung an die Umwelt gedacht war - oder den Schöpfern nicht einmal ins Bewusstsein geriet, weil ihr Unterbewusstes sich unbemerkt von den vernünftigen Kontroll- und "Über-Ich"-Instanzen vordrängte, ungebremst und unzensiert wie Träume, welche thematisieren, was sie selbst unwirsch wollen, und nicht was unsere übervorsichtige Berufsfassade will. Die durch die Technik verlorengegangene Welt der emotionalen Expressionen - sie scheint sich heimlich in die Gegenstände hineingeschlichen zu haben, auf Abwege geraten bei der die Gattung wechselnden Seelenwanderung der Hindus, - scheint die Kaufprodukte beseelt zu haben, wie afrikanische Kunst verlebendigend wirkt, von magischem, vorreligiösen Zauberglauben angetrieben. "GESICHTER" ist deshalb nicht nur ein Buch für Designer und werdende Künstler, Voodoo-Fachleute und Trödelmarkt-Fetischisten, sondern auch eines ganz besonders für Kinder, die noch unverstellter am Leben teilhaben als die scheinbar mit allen Wassern Gewaschenen - und ich weiß nicht, ob manches Tier nicht auch Freude an diesem Buch haben könnte - und es als Versöhnungs-Brücke empfinden könnte hin zu den Menschen, die manchmal so tierfeindlich erscheinen - und doch die Seele von Tieren unbewusst darzustellen vermögen - und sei es nur als Anordnung von Knöpfen, die tief in uns die schmerzliche Erinnerung auszulösen vermögen, dass manche Tiere Hunger leiden müssen und betteln - andere aber sich mit schier unglaublichem Optimismus in die Lüfte zu schwingen vermögen. Dieses quadratische, dickliche Buch hat lauter verlorengeglaubte kleine Seelen zwischen seinen Blättern wie eine magische Suchaufgabe ...