Es gilt, eine Entdeckung zu feiern, eine noch junge Autorin (Jahrgang 1981), die so souverän mit der literarischen Form der Kurzgeschichte umgeht, dass die Kritik ins Staunen gerät. Hanna Lemkes 18 Stories unter dem Titel 'Gesichertes' erzählen von einem Leben voller Unsicherheiten. Das betrifft nicht nur die finanziellen Grundlagen wie scheinbar in der titelgebenden Geschichte, sondern vor allem auch um Beziehungen, die unklar bleiben, um Unausgesprochenes und Unaussprechliches.
Es sind Geschichten aus dem Leben, dem ganz normalen. Geschichten von Menschen, die mit einander leben ohne einander wahrzunehmen. Dabei erzählt Lemke eher beiläufig. Und vielleicht macht gerade dieser fast schon lapidare Stil, der so ganz ohne große Gefühle auskommt, diese kleinen Geschichten so eindringlich. Denn trotz aller Reduziertheit aufs Wesentliche gelingen der Autorin Bilder, die den Abgrund andeuten, der hinter der scheinbaren Banalität steckt: 'Ich lief über den dunklen Hof, als wäre ich nur ein vorauseilender Schatten, und jemand Eigentliches käme erst hinter mir her.'
Man bekommt Angst um die Menschen in diesen Geschichten, die ziellos in ihrem Leben umher irren und die sich mit Mittelmäßigkeit zu begnügen scheinen ' auch in Liebesdingen übrigens. Lemke beobachtet diese Großstadtnomaden genau, allerdings nur im Hier und Jetzt. Ihre Geschichten kommen ganz ohne psychologischen Hintergrund aus.
So wird der Leser zum Voyeur, ein Bruder im Geist vielleicht von Boris in der gleichnamigen Geschichte. Der ist Außenseiter in der Clique und hat immer etwas 'Prolliges' an sich, so dass man ihm 'wenig zutraute'. Aber dieser Boris ist auch einer, der 'jederzeit alles wahrzunehmen' scheint und dem das, was er sieht, nicht gefällt. Für die coolen Statisten eines Spiels, das sich Leben nennt, hat er nur Verachtung.
Die teilt Hanna Lemke nicht. Trotz der Ziellosigkeit ihrer Protagonisten, die oft in Mutlosigkeit mündet, begegnet sie ihnen mit Sympathie, in der allerdings ein Rest Unbehagen mitschwingt.