Ich gebe zu, es gibt einige formale Schwächen, aber das ändert doch
nichts an dem brillanten Inhalt dieses Buches!
Zwei Warnungen vorab:
1. Wer glaubt, er wisse schon alles über die Entwicklung unserer in uns
schlummernden Möglichkeiten, sollte dieses Buch weder kaufen noch
lesen. 2. Wer Probleme mit dem amerikanischen Stil hat (tell the
people what you are going to tell them; tell them; tell them what you
told them), könnte Probleme haben. Er/sie könnte jedoch auch ein wenig
Toleranz üben und sehen, was das Buch ihm/ihr TROTZDEM zu bieten haben
könnte. Es folgen Hinweise zu neun meiner Lieblingsstellen plus ein
zehnter Bonus-Grund: Was ich an diesem Buch wertvoll finde:
1. Zum
Stichwort DIREKTES LERNEN das Fallbeispiel, als der Autor und seine
Frau begriffen, daß Kinder, die man nicht fordert und fördert, sich
nicht entwickeln werden (es ging um den eigenen Sohn, den sie damals
für möglicherweise „unterbelichtet" gehalten
hatten). S. 188ff
2. Hierzu gehört auch die Grundregel des
sog. DIREKTEN LERNENs: Man stelle sich vor, was man können möchte. Man
male sich aus, wie es sich anfühlen wird, wenn man es kann. Diese
Übung, regelmäßig ausgeführt, führt bald zu großartigen Veränderungen,
die man nicht bewußt herbeigeführt hat!
3. Das Glocken-Experiment (S. 41 - 43)
oder: was passiert, wenn jemand durch Fehler lernen soll (im
Vergl. dazu, wie man sich bei positivem Feedback entwickelt). Und
jedem, der sagt „alter Kaffee, schon oft gehört!", halte ich
entgegen: Gehört ok. Aber GELEBT? Bei Rollenspielen sind es gerade
jene Meckerer, die ständig kritisieren und nicht loben können. Schon
interessant, gell?
4. Die Erklärungen über die Methode von Dr. Peter
KLINE (Autor von zwei hervorragenden Büchern über das Genie und über
die Lernende Organisation - letzteres mit einem Co-Autor) bezüglich
der UNBEWUSSTEN KOMPETENZ-Erweiterung (S. 96ff) mit Bezügen zum
Sprachenlernen im Ausland (vgl. Birkenbihl-Sprachlern-Methode:
passives Hören ist ebenfalls wie ein Mini-Aufenthalt im Zielland) sind
außerordentlich wertvoll, auch für Menschen, die ihre regionale
Sprachfärbung verstärken oder loswerden wollen...
5. Das
Intuitions-Spiel (S. 103f): Sie denken an drei Personen mit demselben
Namen (SCHEELE wählte drei Johns; a. seinen Sohn, b. seinen
Schwiegervater und c. einen Freund). Nun denken wir jeweils an einen
der drei Menschen, während ein anderer zu raten versucht, an welchen
wir denken. Ob Sie das, was Sie dabei trainieren, als INTUITION
bezeichnen wollen oder als verbesserte Wahrnehmung,
insbes. nonverbaler Signale (vgl. auch die vielen
Körpersprache-Wahrnehmungs-Übungen in meinem Taschenbuch: „Signale
des Körpers"), ist völlig egal. Tatsache ist erstens, daß die
meisten Menschen weit besser „raten" können, als sie sich
zugetraut hätten (und so wieder einen Anteil ihrer inneren
„Brillanz" finden). Zweitens lernen die Menschen extrem schnell,
wenn sie ein wenig trainieren. Drittens sind solche Fortschritte
später genausowenig „verlierbar", wie die Fähigkeit zu
schwimmen, radzufahren etc.
6. Absolut brillant ist der Abschnitt
S. 107 - 110, in dem SCHEELE schildert, wie ein Mann in einem seiner
Seminare das dort Gelernte umgesetzt hat. Dieser Teilnehmer, Markus
WYNNE, trainiert Leute mit Waffen umzugehen, und konnte, unter
Anwendung der Scheele-Tips, die Ausbildungszeit von Tagen auf Stunden
reduzieren. Schon alleine diese Text-Passage ist den Preis des Buches
mehr als wert! Eine der wichtigsten Einsichten für WYNNE war, daß wir
den Leuten tausend Dinge erzählen, die sie NICHT tun sollen, statt,
was sie tun sollen
7. Ebenso wichtig ist der Tip von Paul WATZLAWICK
(S. 114), daß es eigentlich keine Mißerfolge gibt, wenn wir es lernen,
jedes Ergebnis als das zu sehen, als Ergebnis! Wenn wir dazu fähig
sind, können wir jedes Ergebnis als Wegweiser akzeptieren, das uns
weiterhilft, auf unserem WEG zum Ziel, nach dem Motto: Ich bin noch
nicht dort, wohin ich möchte...
8. Es ist wichtig zu lernen, die
Zukunft zu simulieren (S. 223): Hier finden Sie kurz und knapp warum
und vor allem wie. Eine sehr wichtige Stelle in diesem Buch! Übrigens
weisen HAMEL und PRAHALAD in ihrem Bestseller „Wettlauf um die
Zukunft" darauf hin, daß Führungskräfte sich in der Regel weniger
als vier Prozent Ihrer Arbeitszeit in der Zukunft
„aufhalten". Und Joel BARKER meint hierzu: „Da wir uns den
größten Teil unseres weiteren Lebens in der Zukunft aufhalten werden,
sollten wir ihr heute mehr Aufmerksamkeit schenken." Recht haben
sie. Um die persönliche Zukunft zu „sehen", hilft diese
einfache, aber extrem wirksame Trainings-Aufgabe.
9. Auf S. 195
zitiert SCHEELE einen Therapeuten, der als STORYTELLER fungiert, zur
Wichtigkeit von Stories : „Wir erschaffen unsere
Realität durch die Geschichten, die wir uns selbst und anderen
erzählen. Es ist sehr befreiend, zu wissen, daß wir nur um
Gedankenlänge davon entfernt sind, unser Leben zu verändern. Recht hat
er!
10. BONUS: Schon alleine die Zitate in dem Buch (vor allem in
den Marginalien) sind es wert. Mindestens 30% davon wollen Sie
unmittelbar anmalen und mehrmals lesen...
Vera F. Birkenbihl