Es geht Oskar Negt um eine soziale Bewusstseinsbildung für Europa, also für Länder, die leider nicht zusammen wachsen, weil sie naturgemäß weniger zusammengehören als Ost- und Westdeutschland. Sind wir Europäer und nicht Deutsche? Europäer und nicht Franzosen? An diesen Grenzlinien entlang geht es um die Frage, welchen Lastenausgleich wir alle zu tragen bereit sind, auch für die Tatsache, dass bestehende Ungleichgewichte heute nicht mehr durch Kriege gelöst werden (können). Der 30-jährige Krieg und die Naziherrschaft haben Verwerfungen hinterlassen, die wir heute unter allen Umständen vermeiden sollten. Es geht um die Frage, wie ein zusammen stehendes und ein zusammen wachsendes Europa aussehen könnte.
Wie kommt es, dass eine ganze Gesellschaft verrückt wird und einen hochzivilisierten Rückfall in die Barbarei erleidet? (S 12) Es ist kollektive Unterdrückung durch einseitiges, wahnhaftes, vermeintlich richtiges Denken, das alle wie eine Seuche ergreift! Heute ist dies der Konsumerismus, das Geld, der Neid, Zwietracht und eine ausrastende, grenzenlose Gier. Darauf gibt es nur sozialstaatliche Antworten: Schutz der lebendigen Arbeit gegen die Übergriffe der toten Arbeit (Finanzspekulaten, die sich ihre Verluste sozialisieren lassen). Letztere führt bei uns zum Tod der Sozialstaatlichkeit, der Gerechtigkeit und des Miteinander, betriebswirtschaftliche Rationalität schlägt Gemeinsinn und Recht. Genau hier entscheidet sich Europa und die Frage, ob Griechen faul seien oder nicht (ein idiotisches, wahnsinniges Feindbild).
Wir hatten in den letzten Jahren nur ein grandioses Wachstum: das Wachstum der Angst, Angst essen Seele auf, Angst essen Zukunft auf, Angst vor allem und der Zukunft, die wie Heroin durch unsere Adern fließt, nicht beruhigend, sondern von Schock zu Schockstarre treibend.
Das Schicksal der EU hängt wesentlich davon ab, in welchem Maße Energien und Geldmittel darauf verwendet werden, die Probleme einer kapitalistisch strukturierten Arbeitsgesellschaft öffentlich zu machen und zu bearbeiten. (S 18)
Oskar Negt verweist darauf, dass die Europäischen Staaten sich darauf konzentrieren müssen, die existenziellen Probleme von Menschen zu lösen - und nicht primär die der Banken und Hedge Fonds. Wichtig ist die friedensstiftende Erinnerung an das Soziale, aber nicht als Element von Transferleistungen, sondern als kategorischer Imperativ für die gerechte Teilhabe aller.
Alleine die im Buch stehenden Kapitelüberschriften sind zielführend klar:
Protest gegen die anmaßende Welt der Tatsachen-Menschen (S. 20)
Die phantastische Macht des Geldes. (S. 23)
Das Wirklich-Unwirkliche der Realabstraktion (S. 24)
Bindungsverlust und Bindungsbedürfnisse. (S. 28)
Kulturelle Erosionskrisen (S 32)
Drei Herrschaftsmechanismen, die sich als Krisenlösungen präsentieren: Polarisierung, Flexibilisierung, Abkoppelung (S. 35)
Was die Gesellschaft auseinandertreibt: Polarisierung (S. 37)
Identitätsbedrohende Flexibilisierungsideologien (S. 48)
Abkoppelungstendenzen (S. 52)
Gemeinwesenarbeit - ein originärer öffentlicher Tätigkeitsbereich (S. 57)
Demokratie muss gelernt werden - Wandlungen im Bild vom Menschen (S. 60)
Krisenherd: Globalisierung (S. 65)
Krisenherd: Arbeitslosigkeit (S. 67)
Krisenherd: Strukturwandel bei den Erziehungs- und Lernorten (S. 71)
Krisenherd: Technologischer Fortschritt und Ethik (S. 74)
Krisenherd: Die schleichende Tendenz der Entpolitisierung (S. 77)
Leben begleitendes Lernen: Erwachsenenbildung für eine europäische Identität (S. 86)
Wie holen wir Geschichte in die Gegenwart? (S. 89)
Wo sind die Grenze Europas? (S. 92)
Das Europa-Problem Russland (S. 95)
Die enge Verbindung von Erinnern und Lernen (S. 97)
Aus Krisenherden Handlungsfelder machen (S. 101)
Bildung ist Anlegen von Vorräten (S. 112)
Selten habe ich eine bessere, lesbare, mit klaren Sätzen skizzierende Analyse der europäischen Situation gelesen, eine Kritik an der kapitalistischen Gier zum einen, aber doch die Bereiche beleuchtend, die aus allen Krisenherden heute Handlungsfelder werden lassen könnten.
Auf Seite 113 finden wir ein Zitat von Robert Musil, welches im Grunde alles erhellt: Dieses Bedürfnis nach Eindeutigkeit, Wiederholbarkeit und Festigkeit wird auf seelischem Gebiet durch die Gewalt befriedigt, und eine Spezialform dieser Gewalt, eine unerhört geschmeidige, entwickelte, und nach vielen Richtungen schöpferische, ist der Kapitalismus. ... Wer auf Stein bauen will im Menschen, muss sich der Gewalt oder der Begierden bedienen...Ich lasse Dich gewinnen, damit ich mehr gewinne..."
Es ist die Betriebswirtschaftlichung unserer Zeit, die Negt kritisiert, die fehlende Kooperation und eine durch mediale Exzesse zerstörte Bildung. Was Not tut ist Persönlichkeitsbildung jenseits von Zahlen und Kurven, ein ethisches Fundament, das Europa gerade heute nötiger denn je hat, wenn man in Oligarchen- und Diktatorengesichter blicken muss, die in allen Stadien von Brot und Spielen ihre mit kleinlicher Münze zurückzahlende Herrschaft übernommen haben.
Ein neuer Gesellschaftsentwurf für Europa muss etwas sehr Schwieriges leisten: er muss das Auto "Kapitalismus" während schnellster Fahrt reparieren, während niemand den Fuss vom Gas nehmen möchte, ja einige überhaupt erst beginnen, den Fuss auf das Gas zu setzen. Aufgabe für uns alle wäre es vor allem, alles Autoritätsgetriebene abzulegen, endlich Demokratie wirklich zu praktizieren (und nicht nur zu wählen). Betrachtet man den aktuellen Zustand z.B. der CDU Baden-Württembergs, dann sieht man, wo wir stehen und das neue Oligarchen alte Königreiche übernommen haben. Es gibt in der CDU Fraktion nach wie vor Mappus-Anhänger, die ebenso aggressiv und fundamentalistisch agieren wie Sozialisten anderer nationaler Prägung. Schreckliche Zustände der Intoleranz und Verachtung, die jegliche Menschenwürde kleinreden.
Kant steht am Ende der Betrachtungen. Bei ihm war zentraler Anker die menschliche Würde und Teilhabe. Sie hat keinen Preis und ist elementar. Dies den Unternehmen wieder klar zu machen, ihren Erfolg auf jene Würde zurückzuführen, verbietet geldkleinliche Aktionen, niemand muss sich in unserer europäischen Gesellschaft zu einem Wurm machen lassen, dem die Angst alles auffrisst. Der Begriff Idiot kommt aus dem Griechischen und bezeichnete jenen Privatmann, der sich nicht um das Gemeinwesen kümmerte. Wieviele Ehtik-ferne Politiker und Unternehmer haben ihre Selbstsucht inzwischen soweit gesteigert, dass die eintretende Hybris keine Grenzen mehr kennt, aber auch keine Menschlichkeit mehr?
Beginnen wir, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. (Marx, S. 118). Exakt darum geht es heute, vor allem in Europa. Hier kann kein Platz mehr sein für Leute wie Mappus oder Berlusconi oder jene griechischen Reeder, die keine Steuren zahlen. Stürzen wir deren Denkgebäude ein, in dem wir beginnen, wirklich frei zu denken und zu handeln.
Tatsächlich:
"Die Gegenwart leidet an einer chronischen Unterernährung der produktiven Phantasie."