Was können wir tun gegen unsere Unterdrückung z.B. durch den Kapitalismus? Castoriadis' Antwort ist einfach: Unter den gegebenen Umständen - nichts. Die Rettung ist die Autonomie aller, die, nicht zu verwechseln mit einem älteren Begriff der Freiheit, nur dann möglich ist, wenn jedes Subjekt sowohl seine Autonomie, wie auch die Autonomie aller will. Autonomie ist kein starres "Phänomen", sondern ein Prozess in steter Erneuerung. Jedes Subjekt ist Teil der Praxis, die einen steten Wandel bedeutet und so nicht nur Notwendigkeit zur Erneuerung, sondern auch Möglichkeit zur Veränderung darstellt. Das große Problem aber ist, dass wenn wir eine Revolution zu Stande bringen und eine Autnomie realisieren wollten, es dem Entgegenwirkendes gibt, dass im Sinne von Castoriadis nicht, vielleicht nie zu eliminieren ist - die Institutionen und die durch sie entstehende resp. von ihnen aufrechterhaltene Entfremdung; wobei die Entfremdung eine Entfremdung der Institution von der Gesellschaft ist. Die Lösung des Problems liegt in der Herrschaft der Autonomie über die Entfremdung, d.h. die Prozesshaftigkeit, in der sich die Gesellschaft befindet, muss sich immer wieder reflektieren und die Beziehung der Autonomie zur Entfremdung hinterfragen.
An diesem Punkt (ungefähr die hälfte des Buches) würde ich den Einstieg in Catoriadis' Philosophie setzen, denn bis hier ist es weitgehenst eine Kritik am Marxismus, Strukturalismus und Funktionalismus; wobei Kritik hier im Sinne einer Ablehnung zu verstehen ist. Dennoch sind natürlich viele Elemente dieser Strömungen Teil von Castoriadis' Philosophie.
Im "Hauptteil" des Werkes geht es darum die idealtypische Forderung nach der Autonomie aller auf die Beine der "Realität" zu stellen. Dies ist der wesentlich komplexere Teil des Buches. Grund dafür ist, das Castoriadis den ersten Teil zehn Jahre vorher in seiner Zeitschrift "Socialime ou barbarie" veröffentlicht hat und zwischen dem und der Veröffentlichung des zweiten Teils im Zusammenhang, ein intensives Studium der Psychoanalyse liegt. An den eher empirische ersten Teil schließt Castoriadis eine Untersuchung schwerwiegender philosophischer Probleme an, u.a. die Frage nach dem "Sein" und das damit verbundene Problem von Immanenz und Transzendenz ds Ursprungs, wobei für ihn ein außerhalb der Welt klar abzulehnen ist. Alles steht in dem großen Zusammenhang des Gesellschaftlich-Geschichtlichen; wobei dieses nicht durch die Brille der Identitäts- und Mengenlogik umfänglich zu erfassen ist, sondern als Magma verstanden werden muss. Darüber hinaus widmet er sich Problmen der Sprachphilosophie, der Phänomenologie, der politische Philosophie, der Wissenschaftstheorie und der Psychoanalyse. Man sieht an der Vielfältigkeit der Unstersuchungen die Absicht des Autors ein umfassendes Werk zur Verfügung zu stellen. Seine Kritikansätze sind oftmals spannend und von einem besonderen Ideenreichtum. Leider ist das Konzept des Imaginären (ich bin bewusst nicht darauf eingegangen) nicht zufriedenstellend ausgearbeitet worden. Man hat den Eindruck, dass Castoriadis über die ganze Polemik gegen Levi-Strauss, Lacan, Sartre, Marx etc. zu keinem Ende in der Frage nach der Bedeutung des Imaginären gefunden hat. Ich bin mir nicht mal sicher, ob er sich selbst im Klaren war wohin ihn dieses Konzept führen sollte.
Wenn Sie sich mit Catoriadis befassen, dann sollten Sie sich unbedingt "Durchs Labyrinth Seele Vernunft Gesellschaft" neben die "Gesellschaft als imaginäre Institution legen" und vielleicht einige Vorarbeiten zu Marx und Bronislaw Malinowski leisten. Als Lektürehilfe empfehle ich die Vorlesungen zur Sozialphilosophie von Hans Joas und Wolfgang Knöbel, sowie den Interpretationenband von Reclam "Hauptwerke zur Sozialphilosophie" mit einem Artikel zu Castoriadis von Gerhard Gramm. Der Begriff des Imaginären freilich ist so umfangreich in der Philosophiegeschichte, dass nur schwer fällt einen Autor neben Castoriadis zu empfehlen, sicher ist aber, dass Castoriadis in Abgrenzung zum Imaginationskonzept von Sartre und Lacan gelesen werden muss.
Zur Person von Castoridis muss noch gesagt werden, dass er kein Philosoph im Elfenbeinturm war, sondern ein linker Aktivist, der zunächst in seinem Heimatland Griechenland aktiv war und später dann mit den Trotzkisten in Frankreich gekämpft hat, um sich nach seiner Abspaltung einem eigenen Ansatz zu widmen.