In seinem philosophischen Hauptwerk
Das Sein und das Nichts: Versuch einer phänomenologischen Ontologie. (Gesammelte Werke in Einzelausgaben / Philosophische Schriften, 3) (1943) schrieb Jean-Paul Sartre: "Wahrnehmen ist nämlich anblicken, und einen Blick erfassen ist nicht ein Blick-Objekt in der Welt erfassen [...], sondern Bewusstsein davon erlangen, erblickt zu werden. Der Blick, den die Augen manifestieren, von welcher Art sie auch sein mögen, ist reiner Verweis auf mich selbst. Was ich unmittelbar erfasse, wenn ich die Zweige hinter mit knacken höre, ist nicht, daß jemand da ist, sondern daß ich verletzlich bin, daß ich einen Körper habe, der verwundet werden kann, daß ich einen Platz einnehme und daß ich in keinem Fall aus dem Raum entkommen kann, wo ich wehrlos bin, kurz, dass ich gesehen werde" (Sartre, Das Sein und das Nichts, 467). Genau dieser Aspekt steht im Zentrum des Dramas "Geschlossene Gesellschaft" welches Sartre parallel zu "Das Sein und das Nichts" verfasst hat und welches unter anderem eine praktische Umsetzung eines wichtigen Punktes seiner Philosophie darstellt.
Folgende Ausgangssituation: Drei sich unbekannte Menschen werden von einem höflichen Diener in einen Raum gesperrt. Garcin, Ines und Estella versuchen zunächst einmal herauszufinden, in was für eine merkwürdige Situation sie da hineingeschlittert sind. Schon bald dämmert dem Trio die Erkenntnis:
Ines: Es gibt keine körperliche Folter, nicht wahr? Und doch sind wir in der Hölle. Und niemand darf kommen. Niemand. Wir werden bis zum Ende allein zusammensein. Ist es das? Kurz, es fehlt hier jemand: der Folterknecht!
Garcin (halblaut): Ich weiß, ich weiß.
Ines: Ganz klar, eine Personaleinsparung. Das ist alles. Die Kunden machen die Arbeit alleine [...]. Der Folterknecht ist jeder von uns für die beiden anderen (28).
Für Sartre zeichnet sich die Hölle nicht durch körperliche Leiden, sondern vielmehr durch die Anwesenheit, die Blicke, der anderen Personen aus, da wir durch diese, wie gesagt, erst konstituiert werden und uns selbst als Individuum konstituieren. Was hat das nun für Konsequenzen?
Garcin: [...] All diesen Blicken, die mich auffressen [...] Ha! Ihr seid nur zwei? Ich dachte, ihr wäret mehr. (Er lacht) Also das ist die Hölle. Ich hätte es nie geglaubt... Wißt ihr noch: Schwefel, Scheiterhaufen, Rost... Was für Albernheiten. Ein Rost ist gar nicht nötig, die Hölle das sind die anderen (59).
"Die Hölle, das sind die anderen", dieses Bonmot hat quasi sprichwörtlichen Charakter angenommen. Sartre selbst legte allerdings Wert darauf hinzuweisen, dass nicht alle zwischenmenschlichen Beziehungen zwangsläufig in einer Hölle enden müssen. Im Nachwort stellt er klar: "In welchem Teufelskreis wir auch immer sind, ich denke, wir sind frei, ihn zu durchbrechen. Und wenn die Menschen ihn nicht durchbrechen, dann bleiben sie, wiederum aus freien Stücken, in diesem Teufelskreis. Also begeben sie sich aus freien Stücken in die Hölle" (62). Hier kommt ein weiteres zentrales Element von Sartres Philosophie zum Ausdruck, welchem er in "Das Sein und das Nichts" folgende unvergessliche Formulierung gegeben hat: "[D]er Mensch ist zur Freiheit verurteilt" (Sartre, Das Sein und das Nichts, 838).
Fazit: Große Philosophie, große Literatur! Existentialisten wie Sartre und Camus haben es wie kein anderer verstanden, ihre Philosophie packend und verständlich zu fiktionalisieren. Was bleibt, ist eine faszinierende Lektüre, in der eine gesamte Weltanschauung verkörpert ist.