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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Wichtig, lesbar, streitbar,
Von
Rezension bezieht sich auf: Geschlecht: Wider die Natürlichkeit (Broschiert)
Wer sehr grundsätzlich an das Thema Geschlecht heran will, ist mit dem Buch genau richtig. Der Autor erläutert gut lesbar, wie Geschlecht gesellschaftlich hergestellt wird.Dabei erläutert er erst das emanzipatorische Streiten von Frauen wie Christine de Pizan, Moderata Fonte und Marie le Jars de Gournay und erklärt, wie diese sich deutlich gegen die Vorstellungen wandten, dass Merkmale vorgeprägt und natürlich wären. Dass untere Stände und Frauen "von Natur aus dumm seien", war hingegen eine häufige These derjenigen, die an der herschenden Gesellschaftsordnung festhalten wollten. Argumentierten diese Frauen zunächst zu geistigen Fähigkeiten, so gab es entsprechende Argumentationen auch zu physischen und physiologischen Merkmalen. Das wird im Buch mit Bezug auf Mary Wollstonecraft, August Bebel, dem Habitus-Konzept von Pierre Bourdieu und dem Ansatz von Anne Fausto-Sterling klar. Schließlich arbeitet er mit den Theorien von Simone de Beauvoir und Karl Marx heraus, dass jeder Mensch stets - bereits von Geburt an - immer schon gesellschaftlich ist, weil er immer schon unter Menschen ist und mit ihnen kommuniziert. In dem zweiten Teil geht er auf biologische Theorien ein. Hier beschreibt er auch zunächst historische Theorien wie Humoralbiologie, Präformationstheorien und Epigenese. Danach geht er auf die vielschichtigen Argumentationen von Charles Darwin ein, der gerade den Gebrauch von Werkzeugen, die Entwicklung von Sprache und die damit verbundene besondere Entwicklung des Gehirns beim Menschen herausgestellt habe. Anschließend kommt er zu den aktuellen biologischen Theorien. Hier erläutert er die aktuellen hormonellen und genetischen Theorien, die oft für Geschlechtsentwicklung betrachtet werden. Für Hormone zeigt er den Biosyntheseweg und die Wirkungsweise, wobei sowohl Androgene als auch Östrogene bei Frau und Mann wichtige Wirkungen erfüllten. Diese Perspektive belegt er mit den entsprechenden Biologie-Fachbüchern. Für die Genetik plädiert er dafür, dass nicht "Gene bestimmen, was passiert", sondern dass die Zelle zentral gesetzt werden muss. Dort wirken viele Faktoren und Prozesse (er zeigt Transkription, posttranskriptionale Veränderungen, Translation, posttranslationale Veränderungen). Analytisch trennt er zwischen "Fortpflanzung als Gattungseigenschaft", die für den Fortbestand der Art Mensch erforderlich ist. Sie bedeute aber nicht, dass deshalb alle oder auch nur die meisten Individuen einer Art (des Menschen) fortpflanzungsfähig sein müssten. Stattdessen könne gerade bzgl. des Genitaltraktes Variabilität vorherrschen, gerade auch weil es sich - im Gegensatz zu Herz und Leber - um keine lebenswichtigen Organe handele. Auf dieser Basis argumentiert er, dass Prozesse und Entwicklung wichtig genommen werden müssten und dass dann viele Varianten der Geschlechtsentwicklung logisches Resultat sind, also nicht nur weiblich oder männlich. Egal wie man dazu steht, finde ich das Buch lesenswert. Es erläutert die aktuellen Ergebnisse biologischer Forschung anschaulich und gut nachvollziehbar und befähigt dazu, verschiedene Sichtweisen wahrzunehmen. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen
Grober Unfug, gefährliche Theorie,
Von
Rezension bezieht sich auf: Geschlecht: Wider die Natürlichkeit (Broschiert)
Heinz-Jürgen Voß vertritt in seinem Buch - in Anlehnung an Judith Butler - die Auffassung, dass das biologische Geschlecht nicht natürlich ist. Die naturwissenschaftlich nicht haltbare Aussage kombiniert er zusätzlich mit dem Marxismus (12): "Wenn man Theorien der gesellschaftlichen Bestimmtheit und Eingebundenheit des Menschen, wie sie unter anderem Karl Marx und - bezüglich 'Geschlecht' - Judith Butler formulierten, konsequent weiterdenkt, muss sich auch 'Geschlecht' - und zwar auch 'biologisches Geschlecht' - als gesellschaftlich hervorgebracht erweisen und nicht als 'natürlich'". Das ist eine nette These, leider jedoch genauso albern wie die These vom Mann im Mond. Und eine gefährliche dazu, denn der krude Theorienmix war Grundlage diverser totalitärer Regimes, z. B. der Roten Khmer.Überhaupt geht es im Buch immer wieder um die Überwindung des Patriarchats und des Kapitalismus (15): "Es muss also um ein Miteinander dieser beiden Perspektiven gehen, will man einerseits den aktuellen Bedürfnissen von Menschen Rechnung tragen (...) und andererseits am Ziel einer künftigen besseren Gesellschaft festhalten, in der patriarchalische und kapitalistische Herrschaftsverhältnisse überwunden sind." Nur ist es ja leider so, dass die Angleichung der Lebensentwürfe beider Geschlechter vor allem im Interesse der kapitalistischen Wirtschaft ist. Die wollte irgendwann nicht nur das Humankapital von Männern, sondern jegliches Humankapital. Seitdem wird das Humanvermögen geplündert und die Gesellschaft verarmt. Dank Gender. Die Theorie von Voß und Gleichgesinnten ist nämlich: "Alle Menschen sind gleich. Noch vorhandene Unterschiede sind nicht natürlich, sondern gesellschaftlich bedingt." Die Theorie der Wirtschaft ist eine andere, nämlich: "Die Menschen sind nicht gleich. Wir sind vor allem an den Geeignetsten interessiert." Die werden dann mit 60-Stunden-Wochen gebunden und an der Reproduktion gehindert, Frauen wie Männer. Dass alle Menschen gleich sind, insbesondere auch Frauen und Männer, und dass noch vorhandene Unterschiede zwischen Frauen und Männern nicht natürlich sind, versucht Voß mit untauglichen Argumenten zu begründen (21): "Damit wird plastisch deutlich, was in den bisherigen Ausführungen mehr theoretisch erschien: Differenzen im Leistungsvermögen zwischen definierten Gruppen - hier zwischen Frauen und Männern im Spitzensport - sind gesellschaftlich bedingt." Was will er damit sagen? Dass sich alle Leistungssportlerinnen in Zukunft so viel Anabolika spritzen dürfen, bis sie das natürliche männliche Testosteron-Niveau erreicht haben? In den Endläufen dann nur noch Caster Semenyas? Oder Frauen und Männer zusammen in den Endläufen, dann aber mit Quotenregelung? Zu belegen versucht er seine These mit der Entwicklung im Marathonlauf, wo der Unterschied zwischen den schnellsten Frauen und Männern 1964 noch bei über einer Stunde gelegen habe, nun betrage er gerade noch 10 Minuten. Also ich weiß ja nicht, aber liefen beim letzten Berlin-Marathon nicht wieder zunächst lauter Männer ein? Und welche Frau wollte sich ernsthaft mit Usain Bolt messen (außer vielleicht beim Anhimmeln)? Von den technischen Disziplinen wie Fußball oder Tennis einmal ganz zu schweigen, wo selbst die weibliche Weltspitze bei der Ballannahme noch manche Schwierigkeiten hat und, wo man immer wieder Spielsätze zu sehen bekommt, bei denen kein einziges Aufschlagspiel gewonnen wird. Im Übrigen scheint mir die Hauptthese des Buchs ziemlich männerfeindlich und damit sexistisch zu sein. Denn wenn es - selbst in der Spitze - keine statistisch nachweisbaren natürlichen Leistungs- und Verhaltensunterschiede zwischen Frauen und Männern gibt, jedoch nur Frauen Kinder in die Welt setzen können (ein biologischer Leistungsunterschied), dann sind Männer bestenfalls minderwertige Frauen. Aber was soll's: Um Fortpflanzung geht es Autoren wie Voß sowieso nicht. Sex ist nämlich nur zum Vergnügen da. Dass Männer beim Orgasmus im Allgemeinen ihr Sperma abgeben, kann in dem Zusammenhang dann eigentlich nur ein Unfall der Natur sein. Geradezu schlimm und dilettantisch sind die Ausführungen zur Evolutionstheorie und zu Darwin ab S. 111. Hier beruft sich Voß einerseits viel zu stark auf die Originalarbeiten Darwins (sehr lustig seine Überlegungen zu den lamarckistischen Auffassungen Darwins), andererseits lässt er durchblicken, dass er die Evolutionstheorie ohnehin nicht verstanden hat. Um es kurz zu machen: Männlich und weiblich sind evolutionäre Kategorien. Sie lassen sich nur evolutionär erklären. Voß versucht es hingegen statisch. Auf diese Weise findet er jedoch - wie konnte es auch anders sein - keine Antworten, also stellt er die biologische Geschlechterbinarität, ohne die wir Menschen bestenfalls Regenwürmer geblieben wären, generell in Frage. Was soll man dazu sagen, außer vielleicht, dass Antibiologismus das Denken vernebelt? Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
4 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
WOW!,
Rezension bezieht sich auf: Geschlecht: Wider die Natürlichkeit (Broschiert)
Toll dass Voss bei seiner bemerkenswerten Dissertation (Making Sex Revisited) noch nachlegen kann! Dieser Band hier ist nicht nur eine kurze und verständliche Einführung in die biologischen Betrachtungen. Er wendet sich zudem grundsätzlich dem mittlerweile mystischen Glauben an "Natürlichkeit" zu. Warum erklären wir Dinge so gern als "natürlich", als vorgegeben und unabänderlich, so dass wir sie unserer eigenen Handlungsmacht entziehen? Hier schlägt er einen Bogen zu Produktionsverhältnissen, bringt er innovativ und nachvollziehbar Geschlechtskritik und Kapitalismuskritik zusammen. Er regt an, die eigene wissenschaftliche Arbeit zu überdenken, so dass nicht immer nur Menschen der Mittelschicht im Blick sind - und schafft mit diesem Buch eine Basis für das weitere politische Streiten.
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