Schon mit 18 hat Jochen Dieckmann seine ersten Erfahrungen als Trucker gesammelt und als Fernfahrer damals noch exotische Destinationen wie die ehemaligen Ostblockländer besucht. Jahre später, nach einer Umschulung zum Journalisten und einigen Jahren beim Hessischen Rundfunk sollte die Rückkehr in seinen alten Beruf für ihn zum raschen Ausweg aus der Arbeitslosigkeit werden. Doch mit Überraschung musste Dieckmann feststellen dass sich selbst in den Jahrzehnten und trotz aller neuen Gesetze und Regulierungen sehr wenig an seinem einstigen Job geändert hatte, es ist ein Knochenjob geblieben. Gewissermaßen zum Abschluss dieses Lebensabschnitts hat Dieckmann nun seine Erfahrungen und Erkenntnisse in Buchform gebracht. "Geschlafen wird am Monatsende: Ich, mein Truck und der alltägliche Wahnsinn auf Europas Straßen" ist ein autobiografisches Logbuch von vier Fahrten Dieckmanns im Auftrag einer niederländischen Spedition und veranschaulicht sehr deutlich, dass das Leben der Könige der Landstraßen vor allem ein schweres ist. Geografisch reist Dieckmann dabei aus den Niederlanden bis nach Marokko, Wales, die Ukraine und sogar Istanbul.
Dieckmann beginnt mit einer typischen Szene aus seinem Trucker-Alltag, im Niemandsland zwischen Ungarn und der Ukraine. Im EU-Raum wird es selten kontrolliert, doch die ukrainische Zollbehörde SMAP legt besonderen Wert darauf, dass die Reifenprofile von Vierzigtonnern wie Dieckmanns ein gleichmäßig abgenutztes Reifenprofil aufzuweisen haben. Dass darauf nicht zu achten zu Problemen führen kann hat Dieckmann seinen Chefs und Chefinnen in der Spedition zwar schon oft zu erläutern versucht, doch auf die Trucker hört man prinzipiell nicht und so sind Truck Fahrer wieder einmal gestrandet, denn in die Ukraine darf Dieckmann nicht einreisen und da er für die immer noch nicht in die Ukraine gelieferte Ware natürlich keine Einfuhrpapiere für Ungarn besitzt kann er auch nicht zurück. Eine chaotische Situation, in der dem Fernfahrer Dieckmann durch die GPS-Peilung seines Trucks von Seiten der Disponenten auch noch Druck gemacht wird, auch wenn er nichts tun kann. Man glaubt es nicht, doch genau solche Fahrten gehörten zu Dieckmanns Alltag und lassen den Trucker oft genug hinterfragen ob seine Vorgesetzten ihn nicht doch "nur" für blöd verkaufen oder genau das praktizierte als professionelle Planung verstehen.
Jenes Bild das Jochen Dieckmann vom Beruf des internationalen Fernfahrers zeichnet ist fern von aller Landstraßenromantik und erlaubt einen Einblick in eine Branche, in der mit krimineller Energie Gesetze umgangen werden und das obwohl die Gesetzeslage überraschend arbeitgeberfreundlich gestaltet ist. Als "Ausländer" in einem niederländischen Betrieb hat Dieckmann zudem noch mit einigen anderen Ressentiments seiner Chefinnen und Chefs in der Spedition zu kämpfen, die aber auch gegenüber seinen niederländischen Kollegen nur selten andere Töne anschlagen. In einem feindseligen Klima, in dem verspätete Lohnauszahlungen, Unregelmäßigkeiten in der Abrechnung und die Unterschlagung von Spesen, sowie simple Ausbeutung scheinbar gang und gäbe sind aber auch kein Wunder. Dass die Fahrer dafür gut verdienen würden erweist sich nach der Lektüre als ziemlich zynische Aussage, denn wie Dieckmann bezeugt sinken erstens die Fixlöhne und zweitens wird man oft genug um seine Spesen geprellt, mit denen man ohnehin vom Werkzeugkasten bis zu Bußgeldern und Bestechungsgeldern alles selbst bezahlen muss, das Unternehmen stellt nur das Fahrzeug und kann selbst in Fällen der Straffälligkeit oft genug die Schuld auf den Fahrer abwälzen. Stunden die man bei der Zollabfertigung oder dem Warten auf die Warenübernahme verbringt gelten übrigens gleich als Freizeit und werden natürlich nicht entlohnt, sondern nur wenn das Fahrzeug auch fährt.
- Resümee -
Auf vier Touren quer durch Europa wird man von Jochen Dieckmann mitgenommen und schon dürfte sie für die meisten ihr Bild vom Job des internationalen Fernfahrers gravierend geändert haben. Nicht nur weil die Arbeitsbedingungen sich seit Jahrzehnten kaum geändert haben, sondern auch weil die von Dieckmann geschilderten Geschäftspraktiken der Spediteure weit verbreitet sind und die Trucker im Gegensatz zu ihren Arbeitgebern natürlich über keine schwergewichtige Lobby auf nationaler und europäischer Ebene verfügen. Dass die Branche Nachwuchsprobleme hat liegt also nicht nur am teurer und komplizierter werdenden Führerscheinsystem sondern auch der mangelnden Attraktivität und sprichwörtlich antisozialer Arbeitsbedingungen, denen es zu "verdanken" ist dass Trucker wie Dieckmann oft über Wochen wenn nicht Monate nicht einmal eine Nacht in ihren eigenen vier Wänden verbringen können. Dieckmann punktet weil er es versteht seine Geschichte als Fahrer sehr anschaulich und spannend zu erzählen. Es ist eine Europareise der gänzlich anderen Art, in der man die Realität moderner Just-in-time-Logistik vorgeführt bekommt.