Gerade zu Beginn war dies auch eine der stärksten Geschichten für mich; die Autorin versteht es meisterhaft, mit wenigen Sätzen das Verhältnis zwischen den Eheleuten darzustellen, die solide Sicherheit, den intellektuellen Selbstanspruch - und die gähnende Langeweile, die dahinter verborgen ist.
Der Ausbruch der Frau, die nach dem Tod ihres Mannes einfach aufhört, weiterhin zu funktionieren, die ihren Kindern zusätzlich zur Bürde des toten Vaters noch die Last auflädt, keinen Grund für ihr Verschwinden zu wissen, ist in Byatts wunderbarem Stil verfasst und einfach ein Genuss zu lesen. Leider verliert sie sich dann ein wenig in dieser Geschichte, lässt den Aufbruch nicht für sich stehen, sondern will unbedingt noch irgendwo ankommen; das nimmt der Erzählung die Leichtigkeit und behaftet sie mit einem Fundament, das wiederum nicht tragfähig genug ist.
Eine Lamie in den Cevennen ist wesentlich märchenhafter als die erste Erzählung; hier findet ein Maler, der sich in die Einsamkeit der Berge zurückgezogen hat und besessen versucht, den richtigen Farbton zu treffen, der die Ambivalenz des Blaus zwischen Himmel und Bergmassiv wiedergibt, eines Tages in seinem Pool einer Schlange - einer seltsamen Schlange, einer Lamie - einem Wesen, das nicht Fisch noch Fleisch ist, das durch einen Kuss von ihm erlöst werden kann und Menschengestalt annimmt. Doch ihn interessiert es nicht, eine schöne Frau in seiner Umgebung zu haben - was ihn reizt, ist das Licht ihres Schlangenkörpers, gebrochen durch das Blau des Pools, des Himmels, der Berge. Bis eines Tages ein Freund zu Besuch kommt...
Trotz der märchenhaften Elemente - oder auch gerade ihretwegen - hat diese Erzählung einen gewissen Reiz. Mit dem Maler besessen nach dem richtigen Farbton zu suchen prägt sich auf ganz eigentümliche Weise ins Gedächtnis ein.