Hörbuch-Rezension
Der Schauspieler, der am Berliner Ensemble Brechts seine Karriere begann, trägt die alten und neuen Geschichten vom Herrn Keuner (in Süddeutschen bedeutet keuner keiner) mit einem zurückhaltend, leicht ironischen Akzent vor. Seit er 1977 nach Unterzeichnung der Protesterklärung gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns nach West-Berlin übersiedelte, ist Krug u. a. durch den Tatort und die Serie Liebling Kreuzberg zu einem der bekanntesten deutschen Schauspieler geworden. Nicht, dass Krug die vielen Dialoge zwischen dem Alter Ego Bertolt Brechts und den Fragestellern eintönig oder wenig abwechslungsreich lesen würde -- nein keineswegs --, aber die häufigen pädagogischen, teils vor Lebensweisheit triefenden Anweisungen im Sinne eines korrekten Verhaltens im politisch-sozialen Kontext werden durch seinen Tonfall angenehm entschärft. Mit heiterer Stimme und Feingefühl trägt er beispielsweise Keuners erstaunlich aktuelle Meinung über mustergültiges Autofahren vor, zeichnet das liebevolle Porträt eines Elefanten, der Ks Lieblingstier ist, und bringt die Geschichte Wenn Haifische Menschen wären sehr überzeugend zu Ohr. Der Denkende, der so kluge Sentenzen über die Liebe, den Erfolg, die Gastfreundschaft, die Veränderung (in Das Wiedersehen) oder die Haltung des Weisen formuliert, kommt in Krugs ironischer Diktion unbeschwert zur Geltung. Die zurückgenommene Virtuosität, mit der er die Kunstfigur Keuner spricht, ist ein charmanter Rahmen für die Moral, die Lehre und Weisheit des strengen Bert Brecht! Fazit: Manfred Krug, einer der populärsten Schauspieler Deutschlands, ausgestattet mit Ecken und Kanten, präsentiert hier eine sehr feinfühlige Interpretation der bekannten Prosa eines der größten Dramatikers des 20. Jahrhunderts. Hört sich gut an!
Lesung, Spieldauer: ca. 44 Minuten, 1 CD. Mit Booklet. Eine Produktion von DeutschlandRadio Berlin. -- culture.text -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Audio CD .
Buch der 1000 Bücher
Geschichten vom Herrn Keuner
OA 1949 Form Kurzprosa Epoche Moderne
Die kurzen Prosastücke teils erzählerischen, teils philosophischen Inhalts von Bertolt Brecht spielen anhand von exemplarischen Situationen und der fiktiven Figur »Herr Keuner« mögliche Verhaltensweisen in einer sich verändernden Welt durch.
Entstehung: Brecht hat über 30 Jahre hinweg, von 1926 bis zu seinem Tod, Keunergeschichten verfasst und sie in Gruppen veröffentlicht. Der Schwerpunkt der Arbeit fällt parallel zur Entstehung der Lehrstücke in die späten 1920er Jahre. Eine durchkomponierte Gesamtausgabe hat Brecht offenbar nicht angestrebt; die umfassendste Publikation von seiner Hand (39 Geschichten) findet sich neben anderer Prosa in dem Band Kalendergeschichten (1949). Die nach Brechts Tod erschienenen Werkausgaben enthalten 87 Keuner-Geschichten.
Inhalt: Parallel zu den Lehrstücken versuchte Brecht ein kurzes Prosa-Modell zu entwickeln, mit dessen Hilfe Fragen des Verhaltens im politisch-sozialen Kontext sowie Probleme der Erkenntnistheorie abgehandelt werden können. Dazu benutzte er die Kunstfigur des Herrn Keuner, dessen Name als süddeutsche Form von »keiner«, aber auch als Anspielung auf das griech. koinos (das Allgemeine betreffend = das Politische) verstanden werden kann. Brecht bezeichnete ihn auch als »den Denkenden« und ließ ihn in seinen Beispielgeschichten einerseits als Handlungsfigur auftreten, die sich zu einer überraschenden Situation oder Frage verhalten muss und dabei verschiedene Möglichkeiten abwägt oder erprobt, andererseits aber auch als Lehrerfigur, die ihre aus Erfahrung gewonnenen Erkenntnisse als Lebensweisheit weitergibt. Damit greift Brecht alte, insbesondere fernöstliche Traditionen auf, die er mit Motiven des Behaviourismus und der marxistischen Theorie verbindet.
Die Geschichten vom Herrn Keuner sollen also nicht als rein erzählende, sondern müssen nach Brechts Absicht als philosophische Texte gelesen werden; damit weisen sie Querverbindungen nicht nur zu seinem ähnlich strukturierten Werk Me-ti. Das Buch der Wendungen (1965), sondern auch zu seinen Marxistischen Studien (1967) auf. Zentral für das Philosophieren des Autors ist die Kategorie der Veränderung, sowohl als historischer Prozess wie als aktives »Eingreifen«. Deshalb »erbleicht« Herr Keuner, als ihm jemand sagt, er habe »sich gar nicht verändert«. Wie man sich zu den (historischen, sozialen) Veränderungen verhalten soll, kann nicht abstrakt gelehrt, sondern muss erprobt werden. Deshalb gilt die Maxime: »Weise am Weisen ist die Haltung« (und nicht die Lehre an sich). Eine auf Erfahrung gegründete Lehre aber vermag die Kluft zwischen Theorie und Praxis oder Philosophie und Leben zu überwinden. Es gilt daher der Satz: »Denken heißt verändern.«
Aufbau: Die Geschichten weisen in struktureller Hinsicht eine gewisse Variationsbreite auf. Typisch ist ein zweigliedriger Aufbau, der aus einer Minimalhandlung (wie z. B. einem Wortwechsel) und einer Konsequenz besteht, die als »Lehre« ausformuliert werden kann (aber nicht immer muss). Diese eigenwillige Form ist mit lehrhaften Kurzformen wie Fabel, Parabel, Anekdote oder Exemplum verwandt, ohne einer von ihnen ganz zu entsprechen.
Wirkung: Die Geschichten vom Herrn Keuner sind vor allem von jüngeren marxistischen Autoren als Modell benutzt worden. So formuliert Volker Braun (* 1939) seine immanente Kritik am Gesellschaftszustand der DDR in seinen Geschichten von Hinze und Kunze (1983). Wichtiger noch ist die Resonanz, die die Geschichten wegen ihrer Kürze, ihres Modellcharakters und ihrer Impulse zum Weiterdenken im Literaturunterricht in Ost und West gefunden haben. J. V.
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Bertolt Brecht wurde am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren und starb am 14. August 1956 in Berlin. Von 1917 bis 1918 studierte er an der Ludwig-Maximilians-Universität München Naturwissenschaften, Medizin und Literatur. Sein Studium musste er allerdings bereits im Jahr 1918 unterbrechen, da er in einem Augsburger Lazarett als Sanitätssoldat eingesetzt wurde. Bereits während seines Studiums begann Brecht, Theaterstücke zu schreiben. Ab 1922 arbeitete er als Dramaturg an den Münchener Kammerspielen. Von 1924 bis 1926 war er Regisseur an Max Reinhardts Deutschem Theater in Berlin. 1933 verließ Brecht mit seiner Familie und Freunden Berlin und flüchtete über Prag, Wien und Zürich nach Dänemark, wo er sich die nächsten fünf Jahre aufhielt. Außer Dramen schrieb Brecht auch Beiträge für mehrere Emigrantenzeitschriften in Prag, Paris und Amsterdam. 1948 kehrte er aus dem Exil nach Berlin zurück, wo er bis zu seinem Tod als Autor und Regisseur tätig war. Der Film Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt? aus dem Jahr 1931 ist in der filmedition suhrkamp erschienen.