Wenn man die berühmten Tagebuchaufzeichnungen der Anne Frank gelesen hat und von Annes anschaulicher Art zu schreiben, von ihrer starken Persönlichkeit beeindruckt ist, dann ist man gespannt auf ihre Geschichten, die in den Tagebüchern häufig erwähnt werden, und erwartet viel, vielleicht zu viel von einem 14jährigen Mädchen.
Denn wo aus den Tagebüchern Leidenschaft, mitreißende Entschlossenheit und Reife spricht, sind die Geschichten, Essays und autobiographischen Erzählungen noch sehr von einer unfesten Kinderstimme und Naivität geprägt. Es kommt kaum ein Lesefluss zustande, da der Großteil der Geschichten erkennbar nur geschrieben wurde, um irgendwas, das Anne offenbar tief beeindruckt hat, zu verwurschteln. Vieles kennt man aus dem Tagebuch: Die neuentdeckte Liebe zur Natur und ihre trostspendende Wirkung, der Konflikt mit der Mutter, der Traum von der verschleppten Freundin, die einen aus der Gefangenschaft heraus mit großen augen anklagend anstarrt - das alles wirkt im Tagebuch viel eindringlicher und gefühlsechter. Im März 44 schrieb Anne an ihre Schwester Margot, sie wolle ihr gerne eine bestimmte Stelle im Tagebuch zeigen, und weiter: "Weißt du warum ich denke daß es dich interessiert? Weil ich nirgends, auch nicht in meinen Geschichten wirklich mich selbst ausdrücken kann und das geht in meinem Tagebuch völlig. Das schreit und jauchzt eigentlich genauso wie ich das manchmal tue!". [Zu finden in der textkritischen Ausgabe.]
Die Geschichten werden i.d.R. von einer moralischen Botschaft getragen. So ist "evas Traum", das Anne selbst als ihr "schönstes Märchen" bezeichnet, ein Appell an die Menschheit, sich nicht von dem äußeren schein blenden zu lassen und statt dessen einen Menschen nach seinen inneren Qualitäten zu beurteilen. Die Erzählung "Filmstar-Illusionen" kommt zu dem ergebnis, dass ein Leben als Filmstar sehr stressig sein könne und dass man also auch hier nicht nach dem schönen schein gehen solle. Das mag zwar alles richtig und lobenswert sein, aber es ist eben auch trivial, und diese Botschaften selbst beherrschen derart die Geschichten, dass keine der vorgestellten Figuren lebendig werden will und keine der geschilderten Szenen auf den Leser wirken kann.
Die Geschichte "Katrientje", die auch in manche Ausgaben des Tagebuchs aufgenommen worden ist, sehe ich als die einzig gelungene an, vor allem deshalb, da hier der sonst so aufdringliche moralische Zeigefinger völlig fehlt.
Neben den fiktionalen Geschichten gibt es auch autobiographische Erzählungen, zum Teil Passagen aus dem Tagebuch, etwa die über den Tagesablauf im Hinterhaus, aber auch Berichte über die Schule oder Erinnerungen an die wechselnden Untermieter, die mitunter einen interessanten Einblick in das Leben der Franks vor der Zeit des Versteckens geben.
Ebenso finden sich kleine Essays in dem Bändchen, oft Plädoyers für mehr Menschlichkeit und Großzügigkeit, doch ähnlich wie die Geschichten empfindet man diese als flach und naiv.
Nichtsdestotrotz, auch wenn die Geschichten von unterschiedlicher Qualität sind, ist dieses Buch doch eine sinnvolle Ergänzung zum bekannten Tagebuch, schon allein, weil dort Annes Geschichten oft erwähnt werden und man neugierig wird, und es ist eine Würdigung der viel zu früh gestorbenen anne frank, deren großer Traum es war, Schriftstellerin zu werden.