Für die meisten Filmfreunde besteht der sowjetische und russische Film im wesentlichen aus Eisenstein, Pudowkin und Tarkowski, für den durchschnittlichen Kinogänger sind selbst diese Namen ohne Bedeutung. Dies kann man als trauriges Fazit der jahrelangen konsequenten Westorientierung der deutschen Filmszene ziehen, die zwar jede Epoche mit französischen, italienischen und vor allem amerikanischen "Meistern" zu füllen vermag, den Blick jedoch nur sehr selten Richtung Osten wandte. Zugegebenermaßen wurde dies durch den Eisernen Vorhang einige Jahrzehnte erschwert, doch nach der Öffnung der Sowjetunion beziehungsweise Russlands wird geradezu ein Schatz an Filmen zugänglich, die sich in Machart und Funktion auffällig von dem unterscheiden, was der westliche Kinogänger durch das kapitalistische System unserer Filmindustrie gewöhnt ist. Christine Engel und ihre vier Co-Autorinnen haben sich in der "Geschichte des sowjetischen und russischen Films" ans Werk gemacht, diesen Schatz zu heben. Sie beginnen bei den Anfängen des Kinos im Zarenreich um 1896 und arbeiten sich dann chronologisch durch die Epochen bis in die jüngste Zeit (1998) voran. Dabei gibt es umfangreiche Kapitel zum russischen Stummfilm, dem Film unter Parteikontrolle, der Tauwetterperiode, dem Neuen Konservatismus, dem Film der Perestojka und den aktuellen Entwicklungen im neuen Russland. Der engen Verwobenheit von Kultur und Politik entsprechend belassen es die Autorinnen nicht allein bei einem Blick auf die jeweilige Filmproduktion, ihre großen Regisseure, Schauspieler und Werke, sondern liefern gleichzeitig stets ein Bild des politischen und sozialen Umfeldes, in dem die Kunst und im speziellen das Kino der jeweiligen Jahrzehnte stand. So ist das Buch zwar hauptsächlich aber nicht ausschließlich eine Filmgeschichte, sondern gleichsam eine Einführung in die Lebens- und Denkweise der Menschen vor, während und nach dem Sozialismus. Von der Konzeption her lädt das sehr textlastige und fast vierhundert Seiten schwere Werk weniger zum Schmökern ein als daß es ein Durcharbeiten erfordert. Der Inhalt wird in einem wissenschaftlichen Stil dargeboten, der den Leser mit einer Fülle an Filmtiteln und Namen von Filmschaffenden geradezu erschlägt - aber auch neugierig macht. Die Lektüre wird hingegen durch die starke Unterteilung des Fließtextes in Sub- und Sub-Sub-Kapitel erleichtert, spätestens alle drei Seiten findet sich eine Zäsur. Abgerundet wird der lexikalische Charakter dieses bemerkenswerten Buches durch ein Kapitel, das den russischen und sowjetischen Film in Zahlen rekapituliert, sowie einen Anhang mit Bibliographie, Personen- und Filmtitelregister. Wer sich ernsthaft mit dem sowjetisch-russischen Kino beschäftigen will, dem sei dieses Werk als Überblick und Grundlage wärmstens empfohlen.