Der US-Autor Harold Brodkey erfährt 1993, als er wegen einer Lungenentzündung stationär behandelt werden muss, dass er an AIDS erkrankt ist. Der zu dem Zeitpunkt 62-jährige Brodkey beginnt in dieser Zeit Gedanken über sein Leben und dessen sich näherndem Ende bis kurz zu seinem Tod Anfang 1996 niederzuschreiben.
Nach der Lektüre der "Geschichte meines Todes" erfasst mich ein seltsames Unbehagen. Immer wieder setze ich mich mit Schicksalen von Menschen, die dem Tode geweiht sind und darüber schreiben, auseinander. Vielleicht, um daraus etwas für mich zu lernen, mein eigenes Leben besser wertschätzen zu können, vielleicht bin ich aber auch nur voyeuristisch veranlagt und mag es, mich im Elend anderer Menschen zu suhlen. Wie dem auch sei, normalerweise nimmt mich die Geschichte eines Menschs, der weiß, dass er bald sterben muss und sich in diesem Wissen mit seinem Leben und seinem Tod auseinandersetzt, sehr mit.
Ganz anders jedoch die Geschichte der letzten Lebensjahre des Harold Brodkeys, und daher rührt mein Unbehagen: Sie lässt mich vollkommen gleichgültig, und ich bin mir nicht wirklich sicher, woran das liegen könnte.
Folgende Dinge sind mir jedoch aufgefallen:
Die Erzählweise ist extrem kopflastig, hyper- (oder vielleicht auch nur pseudo-) intellektuell und distanziert. Der Autor philosophiert sehr viel auf sprachlich hohem Niveau - sagt aber letztlich sehr wenig.
Über Brodkey selber erfährt der Leser außer ein paar Eckdaten zu seinem Leben sehr wenig. Sicherlich ist es interessant zu erfahren, dass dieser von seinem herzkranken Adoptivvater sexuell missbraucht wurde oder später zeitweise in einer WG mit zwei anderen Männern, mit denen er sexuelle Kontakte pflegte, lebte - was er aber dabei empfand, wie sich das Erlebte auf ihn selber und seine Entwicklung ausgewirkt hat, darüber schweigt sich der Autor aus. Auch was er hinsichtlich seines unvermeidbaren Todes empfindet, wird nicht wirklich klar. Gut, eigentlich wollte er noch das Ende des (20.) Jahrhunderts und seinen 70. Geburtstag erleben, aber das war's dann eigentlich auch schon. Ich glaube, das ist das größte Manko dieser Aufzeichnungen. Mit einem Menschen, der einem vollkommen fremd bleibt, kann niemand wirklich Mitgefühl empfinden oder sich in diesen hineinversetzen.
Auch wenn es vielleicht an Leichenfledderei grenzt: Für mich besteht dieses Buch hauptsächlich aus leerem Gefasel, der Mensch Harold Brodkey bleibt mir fremd, sein Sterben berührt mich nicht.
Die Geschichte meines Todes