Eins vorweg: Man sollte unbedingt seinen Kopf beisammen haben, wenn man sich einen Artikel in Geiss' "Geschichte im Überblick" vornimmt. Schließlich liegt Geiss' Augenmerk einerseits auf historischen Zusammenhängen; er interpretiert Geschichte als komplexe Strukturen vieler miteinander verbundener und in Wechselwirkung stehender Ereignisse. Und da man eine Struktur erst durchschaut, wenn man die Ereignisse überblickt, die sie konstituieren, legt Geiss auch großen Wert auf die Vermittlung von Fakten und Daten. Durchaus mutig in einer Zeit, in der das "öde Faktenwissen" verpönt ist, und dann auch noch ohne schöne Bilder oder Grafiken!
Nach eigener Aussage liegt Geiss' Schwerpunkt auf der Geschichte der Neuzeit, die er als die "Vorherrschaft des Neuen [europäischen bzw. europäisch dominierten] Westens" sieht und deren Beginn er folgerichtig mit Kolumbus' Entdeckung Amerikas ansetzt. Die Zeit von 1492 bis zur Gegenwart beansprucht ca. die Hälfte des Buches, was Geiss' Selbstauskunft bestätigt.
Dennoch werden Vor- und Frühzeit, eurasischer Alter Orient, Antike und Mittelalter ausführlich genug behandelt, um auch hier dem Anspruch zu genügen, die wesentlichen Fakten in ihrem relevanten Zusammenhang darzulegen.
"Geschichte im Überblick" ist durchweg in größere Überkapitel gegliedert, bei der Neuzeit sind dies: Von der Expansion Europas [...] zum Vorabend der Französischen Revolution, Von der Französischen Revolution zum Vorabend des Ersten Weltkrieges, Globale Zeitgeschichte. Sie sind ihrerseits in meist chronologischer Folge durch Unterkapitel unterteilt, die sich in wenigen Seiten einem bestimmten Thema widmen. Jedes Unterkapitel beginnt mit einem Abstract, diesem folgt ein tabellarischer chronologischer Abriss, dann der eigentliche Text, der maximal 3 (enggedruckte) Seiten lang ist. Diese Unterkapitel bauen ggf. aufeinander auf, aber sie sind generell in sich abgeschlossen; man kann also in medias res gehen und muss nicht erst das "Was bisher geschah" durchstöbern.
Abgeschlossen wird der Band durch einen recht üppigen, nahezu grafikfreien Anhang, dessen erster Teil Eckdaten zu Welt- und Staatengeschichte enthält (ein wenig befremdlich ist der Ansatz schon, z.B. ein Land wie Ägypten von der Ersten Dynastie (ab ca. 3100 v.Chr.) bis Hosni Mubarak als ausschließlich geographisches Kontinuum zu betrachten -- aber für einen Benutzer auch wieder sehr praktisch: einmal Ägypten, immer Ägypten. Die schematischen Skizzen hingegen sind nicht alle vom selben Nutzwert; es gibt nun einmal Sachverhalte, deren Darstellung in einer spartanisch angelegten Skizze nicht allzu aufschlussreich ist (z.B. das Thema "Weltreligionen"). Einige wenige Skizzen wirken auch wie Spielerei -- das Schema II zur indoeuropäischen Sprachfamilie etwa. Nicht, dass die Skizze schlecht wäre -- aber mit skizzensprengendem Kommentar wäre sie vermutlich für linguistische Laien sinnvoller (und Fachleute brauchen sie eh nicht). Andere Schemata hingegen sind hilfreich, etwa die Überblicksdarstellungen über die polnischen Teilungen, über große kirchliche Konzilien, über die eurasischen Hochkulturen und ihre Beiträge zur Weltkultur, oder über die insgesamt acht österreichischen Türkenkriege von 1526-1791. All diese Schemata sind zwar lange nicht so aufschlussreich wie die betreffenden Kapitel, aber gut geeignet als Gedächtnisstütze oder Lernhilfe. Nach welchen Kriterien diese auch schematisch dargestellten Themen ausgewählt wurden, erfährt man aber leider nicht.
Für den Hauptteil der "Geschichte im Überblick" gilt generell, wie bereits angedeutet: Die einzelnen (Unter-)Kapitel strotzen vor Fakten, die in den jeweiligen thematischen Zusammenhang gestellt werden. Geiss sagt nichts zweimal, und das bedeutet: Man muss aufpassen wie ein Schießhund, um nicht innerhalb von gerade mal drei Seiten den Faden zu verlieren. Skizzen, Tabellen oder gar Landkarten findet man nicht; vor allem, wer in der Geographie nicht ganz sattelfest ist, sollte zusätzlich einen historischen Atlas zur Hand haben.
Wer sich allerdings die Mühe macht und nicht locker lässt, erhält dafür aber auch einen kompetenten, unter Berücksichtigung der Kürze ausführlichen Überblick über das betreffende Thema.
Was aber vollkommen fehlt, sind Auswahlbibliographien. Ein echtes Manko, denn sooo umfassend sind Geiss' Ausführungen dann doch wieder nicht, dass sie das Thema restlos erschöpfen würden. Jedenfalls wären sie sinnvoller als die ein oder andere für Laien tendenziell kryptische Skizze. Da die "Geschichte im Überblick" hauptsächlich als Einführung in die Materie gedacht ist, sich also nicht an Fachleute wendet, wäre auch ein Glossar kein Luxus gewesen. Jedenfalls ist die Lektüre ohne Vorkenntnisse kaum zu bewältigen, fürchte ich.
Es bleibt zu sagen: Qualitativ ist gegen die "Geschichte im Überblick" nichts zu sagen, aber die Art der Darstellung ist sicher nicht jedermanns Sache. Im Zweifelsfall rate ich dazu, sie mit anderen Überblicksdarstellungen erst einmal zu vergleichen und dann zu entscheiden.