Wie erlebten die deutschen Schuljungen den ersten Weltkrieg, und warum war dies für das Aufkommen des Nazismus später viel bedeutsamer als das „Fronterlebnis" der Soldaten ? Warum empfanden die Deutschen die Niederlage als so demütigend - waren sie so schlechte Verlierer, oder steckte mehr dahinter ? Warum gestaltete sich die Inflation gerade in Deutschland so desaströs, hatten nicht auch die anderen europäischen Staaten - sogar die Siegermächte - mit ihr zu kämpfen ? Und was hatte sie für spezifische Auswirkungen auf die deutsche Psyche ? Was bedeutete Rathenau, was bedeutete Stresemann dem deutschen Durchschnittsbürger ? Was machte einen großen Teil der Deutschen Anfang der 30er so anfällig für Hitler ? Und warum brachen nach dem Reichstagsbrand und dem darauffolgenden Terror der Nazis nicht nur die Reste der morsch gewordnen ungeliebten Demokratie zusammen, sondern auch fast jeder Widerstand gegen die braunen Horden ?
Sebastian Haffner blickt, gerade erst nach England emigriert, mit seiner bisherigen Lebensgeschichte und der seiner Umgebung scharf in die Seele des Durchschnittsdeutschen und beantwortet diese Fragen mit der gleichen Brillianz, die auch die meisten seiner späteren Werke so auszeichnet - vielleicht bis auf die letzte. Denn immer noch ist es für uns Spätgeborene unfaßlich, wie nicht nur die schwachen demokratischen, sondern auch die bedeutenden national-konservativen Kräfte dem zügellosen Terror der SA-Banden und der vollständigen Zerschlagung des Rechtsstaates untätig zusahen !
Menschen wurden erschossen, gefoltert, verschwanden in Konzentrationslagern, darunter beliebte und nicht einmal unbedingt politische Prominente, und doch erhob sich kaum eine Stimme des Protestes gegen diese Ungeheuerlichkeiten. Stattdessen schalteten sich Presse und Staatsorgane ohne größeren Druck von allein gleich, lösten sich die Parteien von selbst auf.
„Wo sind eigentlich die Deutschen geblieben ? Noch am 5.März hat die Mehrheit von ihnen gegen Hitler gewählt. Was ist aus dieser Mehrheit geworden ?"
Haffner beschreibt mehrere typische Reaktionen - Flucht in die Idylle, Flucht in den passiven Pessimismus, Flucht in die Partei. Und doch bleibt die Frage, warum von allen Seiten die Flinten ins Korn geworfen wurden, als noch nicht alles verloren war, als es noch etwas zu retten gab, was auch der verstockteste Schlotbaron nicht hätte aufgeben dürfen - die basalsten Grundlagen menschlichen Zusammenlebens.
Im letzten Abschnitt schildert er das Wehrlager für Referendare, an dem er teilnehmen mußte - mußte er es? stellte er sich selbst die Frage. Er beschreibt , wie sich durch das gefährliche Mittel der „Verkameradung" - so nennt er es - und durch scheinbares Ausweichen vor dem Nazismus in das Nur-Soldatische auch die kritischeren Geister, die sich plumper „weltanschaulicher Schulung" widersetzten, willig in das System einfügten.
„Und alle übersahen geflissentlich, daß gerade die Reichswehr der Kanal war, durch den ihre Kräfte in den Dienst Hitlers geleitet wurden. Ein großer, ein entscheidender Vorgang."
Gerüstet mit der Lektüre eines solchen Buches versteht man gewisse historische Mechanismen besser. Das Buch hat nach Haffners Worten eine nicht laut gepredigte, es hat eine stumme Moral. „Ich habe nichts dagegen, daß man nach der Lektüre alle die Abenteuer und Wechselfälle wieder vergißt, die ich erzähle. Aber ich wäre sehr befriedigt, wenn man die Moral, die ich verschweige, nicht vergäße."
Wehret den Anfängen !