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Geschichte vom alten Kind
 
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Geschichte vom alten Kind [Taschenbuch]

Jenny Erpenbeck
4.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Nachtgesicht

Jenny Erpenbecks beeindruckende «Geschichte vom alten

Kind»

Ein Mädchen wird aufgefunden, nachts, auf leerer Strasse. Es ist gross, dick, seine Gestalt ähnelt der eines Holzklobens, und sein Gesicht «sieht aus wie ein Mond, auf dem Schatten liegen». Vierzehn Jahre alt will es sein, sonst weiss es nichts von sich: «Es war ganz und gar Waise, und alles, was es hatte und kannte, war der leere Eimer, den es in der Hand hielt, noch immer in der Hand hielt, während es von der Polizei befragt wurde.» Man bringt es in ein Kinderheim mit angeschlossener Schule, wo es ihm unter Einsatz einer peinvoll geringen Auffassungsgabe und mit Hilfe seiner monströsen Fremdartigkeit alsbald gelingt, einen der unteren Plätze in der internen Hierarchie zu belegen, «womöglich sogar den untersten [. . .], dessen Ansprüchen es auf jeden Fall wird standhalten können».

Im Sington der Psalmen

Im Sington der Psalmen, der später weitgehend einem rhythmisch bewegten Protokollstil Platz macht, hebt die Geschichte dieses sonderbaren Geschöpfes an: eine Geschichte, deren Wirkung ungeachtet aller sinnlichen Konkretionen und realistischen Versatzstücke die eines symbolischen Märchens ist. Denn sie korrespondiert nicht wirklich (wenn, dann zufällig) mit dem äusseren Leben, sondern treibt metaphorische Stacheln durch die Seelenhaut des Lesers, bis hinunter zum kollektiven Grund seiner Angst, der Angst des «alten Kindes», erwachsen sein zu müssen: sich zu behaupten und zu bewähren, zu verletzen und selbst verletzt zu werden.

Die Verfasserin der Geschichte heisst Jenny Erpenbeck. Sie wurde 1967 in Ostberlin geboren, studierte Musik- und Theaterwissenschaften und lebt heute als freie Opernregisseurin in der Nähe von Graz. Vor fünf Jahren hat sie sich einer Art Selbstversuch unterzogen und ist für einige Wochen als Siebzehnjährige in die 11. Klasse eines Gymnasiums eingetreten. Ein Spiel am Schattenrand des leibhaftigen «alten Kindes», mit dem ihre Grossmutter, die Schriftstellerin Hedda Zinner, Anfang der achtziger Jahre korrespondiert hatte, nicht wissend, dass die mit Blümchen bedruckten Briefe aus dem Kinderheim von einer willentlich in die Vorpubertät regredierten Erwachsenen verfasst waren.

Der Sog des Grauens, der von solchen Lebenstragödien ausgeht, hat mit ihrer Nähe zu geheimsten Wünschen der Selbstverneinung zu tun. Jenny Erpenbeck kennt ihn wohl, aber sie gibt ihm nicht nach. Ihr Erzähldébut, dem eine lange Zeit der Abklärung vorausgegangen sein dürfte, ist eine Offensive gegen seine Versuchungen; keine Verteidigung kindlicher Reinheit gegen den trüben Rest der Welt, sondern eine Parabel über das Leben, in der die Sehnsucht nach dem Stillstand der Zeit als das erscheint, was sie ist: ein töricht unbedachter Wunsch, den nur böse Feen erfüllen.

Das «alte Kind» ist ein Geschöpf solcher Wunscherfüllung. Verbogenen Ganges wie weiland Kaspar Hauser taumelt es aus dem Nichts seines Vorlebens unter die pubertierende Jugend. Anders aber als der Nürnberger Findling, der mit allen Poren seines Wesens der Welt geöffnet ist, erscheint es wie der zu trägem Fleisch geronnene Einspruch gegen jede Art von Entwicklung und Veränderung und somit gegen das Leben selbst. Das ist unkindlich, und die anderen Kinder spüren es, zumindest anfänglich, bevor Gewöhnung, Gleichgültigkeit, auch flüchtiges Mitleid ihr Unbehagen überlagern. Während die Erzieher bei ihm genau das sehen, «was es will», und das indolent erscheinende Geschöpf wunschgemäss bald aufgeben, erkennen die Mitschüler seine Lernschwäche als Angebot, sich für einen Brosamen von Akzeptanz aus allen Konkurrenzen zu nehmen.

Tatsächlich geht alles, was das Kind an Energie aufbringt, in die Anstrengung ein, sich seine Schulkameraden gewogen zu machen, das gleiche zu wollen wie sie und nach Möglichkeit für alle Zeiten eine Achtklässlerin zu bleiben. Aber «das, was alle wollen, [. . .] gibt es nicht», und wenn sie etwas gemeinsam haben, dann die Natürlichkeit, mit der sie das eigene Alter bewohnen und unwissentlich schon der nächsten Epoche ihres Lebens entgegenfiebern.

Leih-Identität

Wie wenig diese desinvoltura der Normalentwicklung erlernbar ist, wissen alle, die in ihrer Jugend neben sich gestanden und ein ungeliebtes Selbst verleugnet haben, um zu sein wie die anderen. Das «alte Kind», und deswegen verkörpert es den hilflosen Opportunismus der Aussenseiter gleichsam in Reinkultur, hat nicht einmal mehr die irritable Identität und verquälte Würde der mit sich Zerfallenen: «Wo bei anderen eine Meinung ist, ist bei ihm eine Leere», es geht als Mensch «gegen Null», ja erscheint «ganz und gar ausgeräumt innerlich»: als Neutrum, dem ein zwanghafter Ordnungssinn als einzige Eigenschaft anhaftet. Was es zu sein vermag, ja ob es überhaupt jemand ist, definiert sich durch den Umgang der anderen mit ihm, und erst, als sich seine Tauglichkeit für die Rolle einer Zwischenträgerin und stummen Vertrauten erweist, wächst ihm eine Art Leih-Identität auf jener unpersönlichen Stufe zu, die es von Anfang an im Auge hatte: ein Nichts-als-Kind unter Kindern – die sich freilich morgen schon in die Pubertät verabschiedet haben werden.

Genau an diesem Punkt aber, als das Mädchen endlich seinen Anteil zum «Gewimmel und Duft von Schülern einer achten Klasse» beitragen darf, wird ihm bewusst, dass es ohne entschiedenen Willen zum eigenen Leben niemals etwas vom authentischen Daseinsgefühl, von der Sorglosigkeit und Vitalität der Kindheit in sich verspüren wird. Im Augenblick der Desillusionierung beginnt auch der Verfall seiner Kräfte: Der schwere, immer schon schwächliche, vom «Fleisch der Kinder» geräuberte und aus Wesenlosem geformte Körper versagt den Dienst, schrumpft schliesslich zusammen wie der einer Zecke, nachdem sie das Blut fremden Lebens aufgebraucht hat. Was bleibt vom «Mummenschanz», ist eine dreissigjährige Frau in einem Krankenhausbett, deren unablässiges Weinen von den «weissbekittelten» Zeugen der unheimlichen Verwandlung «mit Befriedigung, wie ein fälliges Opfer» zur Kenntnis genommen wird.

Das «alte Kind», willenlos, friedfertig und scheinbar so passgerecht für ein risikofreies Dasein: es war buchstäblich der Wechselbalg eines hybriden, der Schöpfung spottenden Willens, dessen destruktive Energie – so scheint das Klinikpersonal zu hoffen, und so hofft man als Leser – am Ende in Tränen zerfliesst: in Tränen über verfehlte Kindheiten, ungelebtes Leben und die Trostlosigkeit der Schlaraffenländer hinter den Wällen aus traurigem Fett, die sich mancher errichtet gegen den Ansturm der Triebe; in ein Weltweinen über das, was Menschen Angst macht, was die Angst aus Menschen macht und was Menschen sich antun, damit das Leben an ihnen vorübergeht.

Jenny Erpenbecks bemerkenswerter Erstling ist ein Kunstmärchen in der Tradition der Sonderlingsliteratur. Dass es ihm mitunter an Schlüssigkeit fehlt, weil die Autorin zwischen symbolischem und psychologischem Erzählen schwankt, hier zuviel aus- und festschreibt, da zu sehr verknappt, tangiert seine Wirkung nur wenig: die «Geschichte vom alten Kind» bannt mit dem Odaliskenblick des Monströsen. Dem entkommt man nicht leicht, selbst dann, wenn das Nachtgesicht, dem man in ihr begegnet, zufällig nicht das eigene ist.

Andreas Nentwich -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

"Die schmale, in einem betont lakonischen Tonfall gehaltene und durchaus irritierende Erzählung gehört zum Interessantesten, was es derzeit an junger deutscher Literatur zu lesen gibt." (DIE ZEIT )

"Es gibt Geschichten, die wird man nie mehr los. Meistens passiert darin nicht viel, aber das Wenige ist ungeheuerlich. Jenny Erpenbecks 'Geschichte vom alten Kind' funktioniert auf diese Weise." (Der Spiegel )

"Klug und überraschend. Die "Geschichte vom alten Kind" ist das wohl wundersamste Buch des Herbstes." (Süddeutsche Zeitung )

Kurzbeschreibung

Ein Mädchen wird gefunden, nachts auf einer Straße, einen leeren Eimer hat es in der Hand. Es ist nicht schön noch häßlich, niemand kennt seinen Namen, niemand weiß, woher es kommt, niemand weiß, wer seine Eltern sind. Niemand, auch das Kind selbst nicht. Also wird es in ein Heim gesteckt und auf eine Schule geschickt. Eine verstörende Aura der Formlosigkeit umgibt dieses Geschöpf; jeder Versuch der Kontaktaufnahme prallt zurück wie ein Ball von der Wand. Nur ganz selten scheint es, als wisse das Kind mehr, als es preisgibt – doch wer versucht, sein Geheimnis zu durchschauen, hat das Gefühl, er blicke in einen blinden Spiegel ...
In ihrer ersten Veröffentlichung gelingt es Jenny Erpenbeck, der wundersamen Gestalt des alten Kindes eine ganz eigene Sprache zu geben. Eine Sprache, die auf faszinierend-verstörende Weise alles fasst: die Magie der Fremdheit, das Staunen über die Welt, das Geheimnis des Kindes. Mit ihrem hochgelobten Debüt hat sich Jenny Erpenbeck als eine der ganz großen Hoffnungen der jungen deutschen Literatur erwiesen.

Klappentext

"Die schmale, in einem betont lakonischen Tonfall gehaltene und durchaus irritierende Erzählung gehört zum Interessantesten, was es derzeit an junger deutscher Literatur zu lesen gibt."
DIE ZEIT

"Es gibt Geschichten, die wird man nie mehr los. Meistens passiert darin nicht viel, aber das Wenige ist ungeheuerlich. Jenny Erpenbecks 'Geschichte vom alten Kind' funktioniert auf diese Weise."
Der Spiegel

"Klug und überraschend. Die "Geschichte vom alten Kind" ist das wohl wundersamste Buch des Herbstes."
Süddeutsche Zeitung

Über den Autor

Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Berlin (DDR) geboren. Nach einer Buchbinderlehre und Tätigkeiten als Requisiteuse und Ankleiderin an der Staatsoper Berlin studierte sie in Berlin Theaterwissenschaften und Musiktheaterregie. Seit 1991 arbeitete sie zunächst als Regieassistentin und inszenierte danach Aufführungen für Oper und Musiktheater in Berlin und Graz. Ihr Prosa-Debüt "Geschichte vom alten Kind" war 1999 ein sensationeller Überraschungserfolg, der Erzählband "Tand" (2001) und die Romane "Wörterbuch" (2005) und "Heimsuchung" (2008) folgten. Erpenbecks Bücher wurden mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet und sind in insgesamt elf Sprachen übersetzt. Jenny Erpenbeck lebt als freie Autorin und Regisseurin in der Nähe von Graz.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Als man es gefunden hat, stand es des Nachts auf der Straße, mit einem leeren Eimer in der Hand, auf einer Geschäftsstraße, und hat nichts gesagt. Als die Polizei es dann mitgenommen hat, ist es von Amts wegen gefragt worden, wie es heiße, wo es wohne, die Eltern wer, das Alter welches. Vierzehn Jahre alt sei es, antwortete das Mädchen, aber seinen Namen wußte es nicht zu sagen, und auch nicht, wo es zu Haus war. Die Polizisten hatten anfangs Sie zu dem Mädchen gesagt, aber jetzt sagten sie Du. Sie sagten: Du mußt doch wissen, woher du gekommen bist, wo du vorher gewesen bist, bevor du dich hier auf die Straße gestellt hast mit deinem leeren Eimer. Das Mädchen konnte sich einfach nicht daran erinnern, es konnte sich an den Anfang nicht erinnern. Es war ganz und gar Waise, und alles, was es hatte und kannte, war der leere Eimer, den es in der Hand hielt, noch immer in der Hand hielt, während es von der Polizei befragt wurde. Einer der Polizisten versuchte, das Mädchen zu beleidigen und sagte: Alles im Eimer, was. Aber das Mädchen merkte gar nicht, daß es beleidigt hatte werden sollen, und antwortete einfach: Ja.

Nachforschungen ergaben nichts. Zwar war das Mädchen in seiner ganzen Größe und Dicke vorhanden, was jedoch Herkunft und Geschichte anging, war es derart von Nichts umgeben, daß seiner Existenz von Anfang an etwas Unglaubliches anhaftete. Das Mädchen war übrig. Also nahm man ihm seinen Eimer weg, faßte es bei der fleischigen Hand und gab es im Kinderheim ab.

Das Mädchen hat ein großes, fleckiges Gesicht, das aussieht wie ein Mond, auf dem Schatten liegen, es hat breite Schultern wie eine Schwimmerin, und von den Schultern abwärts ist es wie aus einem Stück gehauen, weder ist eine Erhebung dort, wo die Brüste sein müßten, noch eine Einbuchtung in Höhe der Taille. Die Beine sind kräftig, auch die Hände, und dennoch macht das Mädchen keinen überzeugenden Eindruck, das mag an seinem Haar liegen. Dieses Haar ist weder lang noch kurz, im Nacken ist es ausgefranst, und weder ist es braun, noch auch wirklich schwarz, es ist allenfalls so schwarz wie ein Fahnentuch, das zu lange in der Sonne gehangen hat und davon ganz ausgeblichen ist, manchmal erscheint es beinahe grau. Das Mädchen bewegt sich langsam, und wenn es sich einmal nicht langsam bewegt, erscheinen kleine Schweißtropfen auf dem Rücken seiner Nase. Das Mädchen weiß, daß es zu groß geraten ist, deshalb zieht es den Kopf ein. Es beugt seinen Leib, als müsse es auf diese Weise eine große Kraft zurückhalten, die in seinem Innern wütet.

Das Kinderheim, in dem die Polizei das Mädchen abgegeben hat, ist das größte der Stadt. Es liegt im äußersten Bezirk dieser Stadt, dem Bezirk, der an den Wald grenzt, es besteht aus mehreren Gebäuden, die über ein weites und unübersichtliches Gelände verteilt sind. Da gibt es Wohngebäude, einen Kindergarten, eine Schule für die unteren und eine für die höheren Klassen, außerdem ein Küchenhaus, eine Sporthalle, einen Festsaal, einen betonierten Platz, ein Fußballfeld, und Schuppen, in denen verschiedene Werkstätten untergebracht sind - dort sollen die Schüler lernen, hart zu arbeiten, wie das Leben es von ihnen verlangen wird. Um all das ist ein Zaun gezogen, ein Zaun mit einem einzigen Tor, das von einem Pförtner beaufsichtigt wird, mit dem muß man sprechen, wenn man aus dem Heim hinaus oder ins Heim hinein will. Durch dieses Tor kommen am Wochenende die verwahrlosten oder wohlsituierten Eltern zu Besuch, weinende und nicht weinende Eltern, für manche Kinder allerdings kommen durch dieses Tor weder verwahrloste noch wohlsituierte, noch weinende, noch sonst irgendwelche Eltern. Durch dieses Tor kommen auch Fremde, die Eltern werden wollen, sie kommen, um Kinder zu beschauen, aber für manche Kinder kommen auch diese nicht. Es gibt Kinder, so unrein, so riesig oder rauh, daß sie nicht einmal abgewiesen werden müssen, man sieht sie gar nicht erst an, weil sie nicht durch das Sieb passen, das für die Auswahl gewebt ist. Sie sind da, aber sehen kann man sie nicht. Zu diesen wird zweifellos das Mädchen gehören. Dennoch wirkt seine Unsichtbarkeit, als sei sie von prinzipiellerer Natur - die ganze Gestalt des Mädchens ist so verbogen, selbst sein Gehen ist so verbogen, daß jeder, der es bei der Hand fassen wollte, förmlich in ein Nichts hineingreifen würde.

An diesem noch warmen Tag im Herbst wird es also ganz ruhig über den mit Rasen spärlich bewachsenen Sportplatz gehen können, auch wenn an dessen Rändern die Eltern oder die, welche Eltern werden wollen, auf den hölzernen Bohlen sitzen, mit denen der Platz eingefaßt ist. Denn zwar heften die Eltern oder die, welche es werden wollen, ihre Augen auf diesen Platz und beobachten ihre Kinder oder die, welche es werden sollen, bei verschiedenen Spielen - das Mädchen jedoch bemerken sie nicht, als sei es gefeit gegen ihre Blicke. Niemand von den verwahrlosten und weinenden und anderen Eltern, noch einer von den Fremden, die Eltern werden wollen, wird sehen, wie es über den Platz geht. So hat es sich das gedacht. So wie andere danach streben, aus einem umzäunten Gebiet, aus Gefängnis, Arbeitsanstalt, Irrenhaus oder Kaserne auszubrechen, ist das Mädchen genau im Gegenteil in ein solches umzäuntes Gebiet, in ein Kinderheim eben, eingebrochen, und es besteht kaum eine Wahrscheinlichkeit, daß jemand auf die Idee kommen wird, es wieder zum Tor hinauszuführen, es zurückzureißen in die Welt.

So geht es also mit großer Gelassenheit über diesen Platz und nagt, während es über den Platz geht, an seinem Fingernagel. Und als gleich am ersten Tag, während es über den Platz geht und an seinem Fingernagel nagt, ein Kleiner es anrempelt, so daß es fast fällt und sich mit der Hand auf dem Boden abstützen muß, beginnt es zwar, einen kleinen Moment lang zu schluchzen, aber es tut das nicht ungern. Denn daß ein Kleiner es anrempelt, damit es in den Dreck falle, und so sehr anrempelt, daß es schluchzen muß, weckt in dem Mädchen die Hoffnung, daß ihm verstattet sein wird, einen der unteren Plätze in der schulinternen Hierarchie zu belegen, womöglich sogar den untersten, und der unterste Platz ist immer der sicherste, nämlich genau der, dessen Ansprüchen es auf jeden Fall wird standhalten können. So wischt es sich nicht einmal den Dreck von der Hand, sondern geht weiter und schluchzt noch ein bißchen und beginnt dann wieder an seinem Fingernagel zu nagen, der nun beschmutzt ist.

Als man es zum ersten Mal in sein Zimmer geführt hat, das in der Hauptsache ein Schlafraum ist, den es mit drei anderen Mädchen zu teilen hat - das war einer der glücklichsten Momente in seinem Leben. Es gab keinerlei Unordnung in diesem Zimmer - nur vier Betten, ein jegliches an einer der vier Wände, alle vier sauber hergerichtet, und daneben je einen Stuhl und einen blechernen Spind. In den Spind gehört das Kleiderbündel für die Woche, auch die Schulbücher und Hefte gehören da hinein, und die wenigen persönlichen Dinge, die ein Kind sammelt oder, wenn es genug erspart hat, sich von seinem Taschengeld erwirbt. Letztere werden einem solchen sparsamen Kind allerdings häufig wieder gestohlen. Die Spinde können nicht abgeschlossen werden, das ist eine Frage des Prinzips. Es geht um das kameradschaftliche Zusammenleben. Alle Sachen, welche das Kind bei seiner Einlieferung mitgebracht hat, muß es abgeben. Sie werden weggeworfen, denn das Heim macht einen ganz neuen Anfang.

In dem Raum ist zu dieser Zeit keines der anderen Mädchen, denn es ist noch nicht Schlafenszeit, und der Raum darf erst zur Schlafenszeit betreten werden. Er ist kein Aufenthaltsraum. Die Erzieherin spricht, das Mädchen schweigt und nickt, es darf in den Spind hineinsehen, in dem schon alles so angeordnet ist, wie es von nun an sein soll. Einen Moment lang muß es an seinen Eimer denken, der beim Hin- und Herschaukeln immer einen leisen Klagelaut von sich gegeben hat. Dann soll es ausziehen, was es am Leibe hat. Es setzt sich...

Auszug aus Geschichte vom alten Kind. von Jenny Erpenbeck. Copyright © 1999. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Als man es gefunden hat, stand es des Nachts auf der Straße, mit einem leeren Eimer in der Hand, auf einer Geschäftsstraße, und hat nichts gesagt. Als die Polizei es dann mitgenommen hat, ist es von Amts wegen gefragt worden, wie es heiße, wo es wohne, die Eltern wer, das Alter welches. Vierzehn Jahre alt sei es, antwortete das Mädchen, aber seinen Namen wußte es nicht zu sagen, und auch nicht, wo es zu Haus war. Die Polizisten hatten anfangs Sie zu dem Mädchen gesagt, aber jetzt sagten sie Du. Sie sagten: Du mußt doch wissen, woher du gekommen bist, wo du vorher gewesen bist, bevor du dich hier auf die Straße gestellt hast mit deinem leeren Eimer. Das Mädchen konnte sich einfach nicht daran erinnern, es konnte sich an den Anfang nicht erinnern. Es war ganz und gar Waise, und alles, was es hatte und kannte, war der leere Eimer, den es in der Hand hielt, noch immer in der Hand hielt, während es von der Polizei befragt wurde. Einer der Polizisten versuchte, das Mädchen zu beleidigen und sagte: Alles im Eimer, was. Aber das Mädchen merkte gar nicht, daß es beleidigt hatte werden sollen, und antwortete einfach: Ja. Nachforschungen ergaben nichts. Zwar war das Mädchen in seiner ganzen Größe und Dicke vorhanden, was jedoch Herkunft und Geschichte anging, war es derart von Nichts umgeben, daß seiner Existenz von Anfang an etwas Unglaubliches anhaftete. Das Mädchen war übrig. Also nahm man ihm seinen Eimer weg, faßte es bei der fleischigen Hand und gab es im Kinderheim ab. Das Mädchen hat ein großes, fleckiges Gesicht, das aussieht wie ein Mond, auf dem Schatten liegen, es hat breite Schultern wie eine Schwimmerin, und von den Schultern abwärts ist es wie aus einem Stück gehauen, weder ist eine Erhebung dort, wo die Brüste sein müßten, noch eine Einbuchtung in Höhe der Taille. Die Beine sind kräftig, auch die Hände, und dennoch macht das Mädchen keinen überzeugenden Eindruck, das mag an seinem Haar liegen. Dieses Haar ist weder lang noch kurz, im Nacken ist es ausgefranst, und weder ist es braun, noch auch wirklich schwarz, es ist allenfalls so schwarz wie ein Fahnentuch, das zu lange in der Sonne gehangen hat und davon ganz ausgeblichen ist, manchmal erscheint es beinahe grau. Das Mädchen bewegt sich langsam, und wenn es sich einmal nicht langsam bewegt, erscheinen kleine Schweißtropfen auf dem Rücken seiner Nase. Das Mädchen weiß, daß es zu groß geraten ist, deshalb zieht es den Kopf ein. Es beugt seinen Leib, als müsse es auf diese Weise eine große Kraft zurückhalten, die in seinem Innern wütet. Das Kinderheim, in dem die Polizei das Mädchen abgegeben hat, ist das größte der Stadt. Es liegt im äußersten Bezirk dieser Stadt, dem Bezirk, der an den Wald grenzt, es besteht aus mehreren Gebäuden, die über ein weites und unübersichtliches Gelände verteilt sind. Da gibt es Wohngebäude, einen Kindergarten, eine Schule für die unteren und eine für die höheren Klassen, außerdem ein Küchenhaus, eine Sporthalle, einen Festsaal, einen betonierten Platz, ein Fußballfeld, und Schuppen, in denen verschiedene Werkstätten untergebracht sind - dort sollen die Schüler lernen, hart zu arbeiten, wie das Leben es von ihnen verlangen wird. Um all das ist ein Zaun gezogen, ein Zaun mit einem einzigen Tor, das von einem Pförtner beaufsichtigt wird, mit dem muß man sprechen, wenn man aus dem Heim hinaus oder ins Heim hinein will. Durch dieses Tor kommen am Wochenende die verwahrlosten oder wohlsituierten Eltern zu Besuch, weinende und nicht weinende Eltern, für manche Kinder allerdings kommen durch dieses Tor weder verwahrloste noch wohlsituierte, noch weinende, noch sonst irgendwelche Eltern. Durch dieses Tor kommen auch Fremde, die Eltern werden wollen, sie kommen, um Kinder zu beschauen, aber für manche Kinder kommen auch diese nicht. Es gibt Kinder, so unrein, so riesig oder rauh, daß sie nicht einmal abgewiesen werden müssen, man sieht sie gar nicht erst an, weil sie nicht durch das Sieb passen, das für die Auswahl gewebt ist. Sie sind da, aber sehen kann man sie nicht. Zu diesen wird zweifellos das Mädchen gehören. Dennoch wirkt seine Unsichtbarkeit, als sei sie von prinzipiellerer Natur - die ganze Gestalt des Mädchens ist so verbogen, selbst sein Gehen ist so verbogen, daß jeder, der es bei der Hand fassen wollte, förmlich in ein Nichts hineingreifen würde. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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